Für eine Demokratie muss man etwas tun

Das Schauspiel Essen zeigt Haltung: „Keine Bühne für Rassismus“ prangt an der Front des Grillo-Theaters als Reaktion auf jüngste politische Ereignisse und Mark Ravenhills Gewaltpanorama „Wir sind die Guten“ wurde gerade noch ins Programm genommen. Dabei hatte die künstlerische Leitung mit dem Thema „Grenzgänger“ bereits in der Vorbereitung des Spielplans 2014/15 vor einem Jahr das richtigen Gespür. Redakteurin Dagmar Schwalm erörterte die Verdichtung der Konfliktstoffe mit Intendant Christian Tombeil.

Herr Tombeil, Sie treffen in dieser Spielzeit den Nagel auf den Kopf. Wie kommt es zu der Punktlandung?

Wir konnten nicht ahnen, dass die Zeit uns einholt. Als wir uns für „Alles ist erleuchtet“ entschieden haben, gab es die Krise in der Ukraine noch nicht. „Verbrennungen“ kriegt mit der Islam-Diskussion eine neue Dimension. Wir sind ein Haus mit Bildungsauftrag, in dem man schon den Finger in die Wunde legen will.

Auf das Sinti- und Roma-Projekt „Die Odyssee“ folgte das nicht gerade einfache Projekt zum Ersten Weltkrieg „Eine Jugend in Deutschland“. Wie sind die Reaktionen darauf?

Der tätliche Angriff bei der „Odyssee“ war ein Einzelfall. Ansonsten gibt es an Reaktionen alles, von Ablehnung bis zur Zustimmung. Es gab keine Einbrüche bei den Abos, keine Vorstellungen, die nach zehn Minuten leer waren. Das Essener Publikum ist ein sehr treues. Das setzt sich mit uns auseinander.

Die Auslastung beider Stücke fällt nicht katastrophal, aber mäßig aus. „Cabaret“ ist dagegen ausverkauft. Resultiert aus all den Problemstücken die Sehnsucht nach Unterhaltung?

Nicht unbedingt. Das liegt an dem Genre Musical. Da trifft man ein anderes Publikum, auch wenn unsere Inszenierung vergleichsweise düster ausfällt.

Soweit das Auge reicht, ist keine Komödie in Sicht. Warum?

Wir haben keine gefunden, die in die Programmatik dieser Spielzeit passt.

Auch beim Kinder- und Jugendtheater haben Sie das Thema Grenzgänger mit „Am Horizont“ und „Ich rufe meine Brüder“ konsequent bedacht. Wird das angenommen?

„Am Horizont“ läuft im freien Verkauf sehr gut. Nur die Schulen rennen uns beim Thema Alzheimer nicht die Bude ein. Da fragen wir uns schon, ob wir die Lehrer erreicht haben. Und bei „Ich rufe meine Brüder“, das ja noch kommt, geht es um viel Freundschaft und Vertrauen. Ich glaube schon, dass das ankommt.

Sehen Sie das, was Sie am Schauspiel machen, als politisches Theater an?

Wir sind nicht die Volksbühne. Aber Sie finden in NRW kein anderes Theater, das sich so mit Krisen auseinandersetzt wie wir. Mich interessiert, was in der Welt passiert. Daraus mache ich keinen Hehl. Es muss klar werden, dass unsere Demokratie nicht auf ewig in Stein gemeißelt ist. Für eine Demokratie muss man etwas tun.

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