Für Diabetiker wird Demenz zum doppelten Problem

Claudia Pospieszny
Ute Kessell und ihr Mann Klaus, der an Alzheimer erkrankt ist.
Ute Kessell und ihr Mann Klaus, der an Alzheimer erkrankt ist.
Foto: WAZ Fotopool
20 Prozent der Diabetiker über 70 leiden unter einer Demenz. Darum entwickelte das Essener Elisabeth-Krankenhaus ein Diagnose- und Versorgungskonzept. Denn die Patienten vergessen, sich regelmäßig Insulin zu spritzen – oder spritzen doppelt. Das kann gefährlich werden.

Essen. Fast zärtlich greift Ute Kessell nach der Hand ihres Mannes. Er lässt es geschehen, sieht zu, als seine Frau die Lanzette ansetzt, sie in seinen Finger sticht und einen Tropfen Blut herausdrückt. „Sechs bis sieben Mal täglich messe ich ihm so den Blutzucker“, sagt die 75-Jährige, „allein könnte mein Mann das nicht mehr.“ Seit 50 Jahren lebt Klaus Kessel mit Diabetes Typ I, vor vier Jahren kam die Diagnose Demenz hinzu. Und damit wurde die Zuckerkrankheit, die er über Jahrzehnte im Griff hatte, zum Problem.

Erst verlor er Schlüssel, dann Gedanken. Der 72-Jährige spritzte doppelt Insulin und unterzuckerte, vergaß Messung und Spritze und der Blutzucker schoss in die Höhe. Spitzen, die gefährlich sind, „denn man weiß, dass schlecht eingestellter Blutzucker eine Demenz verschlimmert. Außerdem liegt für schlecht eingestellte Diabetiker die Gefahr, an Alzheimer zu erkranken, zwei bis drei Mal höher als bei Menschen ohne Diabetes“, sagt Professor Hans Georg Nehen, Leiter des Geriatrie-Zentrums Haus Berge (Elisabeth-Krankenhaus).

Einfache Fragen bei der Aufnahme

Die Frage, wie man Diabetes- und Demenz-Versorgung verbinden kann, lag damit auf der Hand. Nur stellte sie bislang niemand. „Als wir jetzt für unsere interdisziplinäre Arbeit mit dem ,Silver-Star-Preis‘ ausgezeichnet wurden, waren wir selbst überrascht, dass es so etwas bundesweit noch nicht gibt“, sagt Nehen. Dabei ist der Aufwand zur Erkennung einer Demenz bei Diabetes-Patienten gering.

„Bei der Aufnahme stellen wir einfache Fragen“, sagt die Diabetologin Dr. Anna Trocha. „Wir erklären zum Beispiel, wie man das Schließfach im Zimmer bedient. Schlüssel reinstecken, drehen, Tür aufziehen.“ Habe ein Patient mit dieser logischen Abfolge Probleme, sei das ein erster Hinweis. Endgültige Klarheit über Form und Stadium einer Demenz könnten jedoch nur weitergehende Tests im Geriatrie-Zentrum bringen.

Vereinfachte Insulingabe

Steht die Versorgungssicherheit im Umgang mit der Diabetes in Frage, entwickelt das Team einen Behandlungsplan. „Wir stellen den Patienten zum Beispiel auf vereinfachte Insulingaben ein.“ Statt häufiger Messungen und exakt angepasster Dosis arbeite man mit einem Zielkorridor, in dem der Blutzuckerwert nach oben und unten leicht schwanken könne.

„Damit erreichen wir zwar nicht den optimalen Wert, aber es ist gesünder, als mit extremen Spitzen und Abfällen zu leben und für den Patienten und pflegende Angehörige ist dieser vereinfachte Plan in der Regel gut umsetzbar.“

Ute Kessell nickt zu vielen Aussagen der Mediziner. Die Sicherheit, die ihr Mann in 50 Jahren mit der Diabetes erworben habe, sie sei mit stärker werdender Demenz geschwunden. „Er hat immer diszipliniert gelebt, Sport getrieben, sich bewusst ernährt.“ Heute könnte er die Krankheit nicht mehr allein bewältigen. „Früher hatten wir bei vielen Patienten keine Erklärung dafür, warum der Blutzuckerwert so stark schwankt. Jetzt wissen wir, dass viele zu Hause mit der Dosierung des Insulins einfach überfordert waren“, sagt Trocha.