Franz Sales Haus in Essen will Opfer von Züchtigungspraktiken entschädigen

Das Franz Sales Haus an der Steeler Straße. Foto: Archiv
Das Franz Sales Haus an der Steeler Straße. Foto: Archiv
Die Behinderteneinrichtung Franz Sales Haus will ehemalige Bewohner entschädigen. Anfang 2010 war bekannt geworden, dass bis in die 70er Jahre hinein Bewohner der Einrichtung brutal "gezüchtigt" worden waren.

Essen.. Die Behinderteneinrichtung Franz Sales Haus an der Steeler Straße will ehemalige Bewohner entschädigen, die in der Vergangenheit Opfer von brutalen Züchtigungspraktiken wurden. „Wir werden Zahlungen leisten“, kündigte Günter Oelscher an, Direktor des Franz Sales Hauses. Über deren Höhe wollte er sich noch nicht äußern. „Es ist allen Opfern zugesagt, dass wir sie entschädigen werden“, beteuerte Oelscher. In dieser Woche hat die Bischofskonferenz in Berlin ein Angebot für Opfer von sexuellem Missbrauch vorgelegt: 5000 Euro pro Person.

Im Februar 2010 war bekannt geworden, dass vereinzelte Ordensschwestern des Franz Sales Hauses bis in die 1970er Jahre Heimbewohner regelmäßig mit brutalen Züchtigungspraktiken traktiert haben. Kinder wurden gezwungen, andere Kinder zu schlagen. Manche mussten ihr Erbrochenes essen. Andere mussten ihre Füße auf heiße Bügeleisen stellen. Es gab regelmäßig „Betonspritzen“; Medikamente, mit denen die Bewohner künstlich ruhig gestellt wurden. Oder „Kotzspritzen“, die einen permanenten Brechreiz auslösten. Es hat auch vereinzelt sexuelle Übergriffe gegeben. In 21 Fällen hat mittlerweile die Staatsanwaltschaft ermittelt. Doch sämtliche Fälle sind verjährt. „Wir haben zur Kenntnis nehmen müssen“, bedauerte Oelscher, „dass die Ermittlungen inzwischen eingestellt worden sind.“

47 Betroffene haben sich gemeldet

Nach Bekanntwerden der Vorgänge hatte das Franz Sales Haus Ehemalige aufgerufen, sich zu melden; ein Mitarbeiter wurde zur Kontakt- und Vertrauensperson ernannt. Bis heute haben sich 47 Betroffene gemeldet.

Ende März 2010 nahm ein „Runder Tisch“ im Franz Sales Haus seine Arbeit auf. 13 Ehemalige kamen im Abstand von zwei Wochen zusammen, um - in Begleitung eines erfahrenen, externen Therapeuten - über ihre Erlebnisse zu sprechen. Viele von ihnen brachen nach Jahrzehnten erstmals ihr Schweigen. „Wir wollten Zeit und Raum zum Zuhören geben“, sagte Therapeut Michael Stiels-Glenn, der auch als Kriminologe tätig ist. „Viele Geschädigte hatten das Gefühl, in diesem Kreis erstmals ernst genommen zu werden.“

Runder Tisch schließt seine Arbeit offiziell ab

Der „Runde Tisch“ schließt jetzt nach 20 Sitzungen seine Arbeit offiziell ab. Die Teilnehmer wollen sich aber weiter treffen. „Der Weg, den das Franz Sales Haus eingeschlagen hat“, empfiehlt Therapeut Stiels-Glenn, „könnte ein Beispiel für andere Institutionen in Deutschland sein.“ Die Teilnehmer des „Runden Tisches“ betonen: „Wir wollen gar kein Geld. Es geht uns nur darum, dass solche Vorgänge nicht länger unter den Teppich gekehrt werden.“ Zu Sitzungen des „Runden Tisches“ sind regelmäßig Vertreter jener Institutionen erschienen, die eigentlich damals hätten Verantwortung übernehmen müssen: Staatsanwaltschaft, Kirche, Orden. „Warum seid ihr damals nicht eingeschritten, warum habt ihr dagegen nichts unternommen?“ Diesen Fragen mussten sie sich stellen. „Viele sind eine Antwort schuldig geblieben“, sagt Therapeut Stiels-Glenn.

Rur-Uni-Bochum forscht in der Vergangenheit

Es wurden auch Historiker der Ruhr-Uni Bochum beauftragt, die Geschichte des Hauses aufzuarbeiten. Ihr Zwischenbericht nach Durchsicht vieler Akten und Gesprächen mit Zeitzeugen: „Die erbärmlichen Zustände in den Heimen, menschlich wie auch finanziell, sind Ergebnis von politischen Entscheidungen damals“, erklärte Historiker Wim Damberg. Für Menschen in Heimen sei am allerwenigsten von allen getan worden. Die Häuser seien chronisch unterfinanziert, das Personal überfordert gewesen.

 
 

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