Flüchtlinge unterwegs in einer fremden Stadt

Flüchtlinge lernen bei einer Stadtrundfahrt ihre neue Heimat Essen kennen. Baldeneysee, Zollverein, Villa Hügel: Vielen waren diese Orte unbekannt .

Essen. Der Zustrom von Flüchtlingen und Einwanderern polarisiert. Während eine Minderheit den Hass schürt, breiten immer mehr Essener die Arme aus. Wie etwa der Arbeitskreis Jugend (AKJ). An einer „Willkommenstour“, die der AKJ jetzt mit Stefan Tigges’ „Ruhrgebiet Stadtrundfahrten“ organisierte, nahmen fast hundert junge Flüchtlinge teil. „Wir freuen uns, ihnen Essen zu zeigen“, sagt AKJ-Geschäftsführer Philipp Hennen.

Sie kommen aus dem Iran und aus Syrien, aus Kamerun und Senegal – und noch häufiger aus den verarmten Hinterhöfen Europas. Essen ist ihre neue Heimat. Doch die meisten bewegen sich hier in einer recht überschaubaren und manchmal auch freudlosen Welt aus Asylunterkunft, Sozialamt und Discounter – kaum jemand kommt auf die Idee, am herrlichen Baldeneysee die Seele baumeln zu lassen oder sich von der Pracht der Villa Hügel blenden zu lassen.

„Zollverein hat mich beeindruckt“

Genau dorthin fährt sie an diesem sonnigen Frühlingstag der rote Doppelstock-Cabriobus – wie auch nach Zeche und Kokerei Zollverein, vorbei an Rathaus und Synagoge, Folkwang und Philharmonie. „Zollverein hat mich am meisten beeindruckt – einfach gigantisch“, gesteht Tanifor, der vor einem Jahr mit seiner Mutter der kamerunischen Heimat den Rücken gekehrt hat. „Wir hatten dort politische Probleme und keine Arbeit.“ Die beiden leben in Borbeck, von Essen habe er noch nicht viel gesehen. Und wie klappt’s mit der Eingliederung? „Ich mache einen Deutschkurs und spiele im Fußballteam von Adler Frintrop“, erwidert Tanifor.

Fikrije Budakova ist 19 und kam vor einem Jahr mit ihren Eltern und den fünf Geschwistern aus dem Kosovo nach Essen – eine sympathische und ehrgeizige junge Frau voller Hoffnung. Der massenhafte Ansturm aus dem jüngsten und wackeligsten Balkanstaat trieb den Verantwortlichen in den Rathäusern und Ministerien kürzlich den Angstschweiß auf die Stirn. Früher oder später werden sie wieder abgeschoben.

Großes Engagement für Flüchtlinge

Dabei könnten ausgerechnet Einwanderer wie Fikrije diese Gesellschaft bereichern. In Pristina hat sie Physik studiert und aus der Gruppe der Stadtrundfahrer ragt sie heraus. „Fikrije kann am besten Deutsch“, sagen die anderen anerkennend.

Aus den Gründen, die die Familie zur Flucht aus dem Kosovo bewegten, macht die junge Frau kein Hehl. „Der Kosovo hat keine Zukunft und es gibt keine Arbeit.“ Welche Pläne hat sie in Essen? „Ich möchte Mathematik studieren“, sagt sie selbstbewusst. Und wovon leben ihre Eltern? „Beide arbeiten in der Küche des Alfried-Krupp-Krankenhauses, mein Bruder übrigens auch.“

Bewegung, die von Hilfsbereitschaft getragen wird

Auch zwei Fachbereichsleiter aus dem Rathaus unterstützten die Willkommenstour: Annette Berg (Jugend) und Hartmut Peltz (Soziales). Letzterer kennt das Murren in der Bürgerschaft über Flüchtlinge und Asylheime zur Genüge. Aber zunehmend spürt er eine weitaus stärkere Bewegung von unten: eine, die von Hilfsbereitschaft und Solidarität getragen wird. Sein Fazit nach dem letzten großen „Runden Tisch“: „Das ehrenamtliche Engagement für Flüchtlinge in dieser Stadt ist erstaunlich groß.“

Die reservierten Plätze bei den ersten drei Stadtrundfahrten waren bei den jungen Flüchtlingen sehr begehrt. „Vielleicht können wir ein solches Angebot noch einmal wiederholen“, hofft AKJ-Mann Philipp Hennen.