Flüchtlinge prangern Missstände an

Helen Sibum
Asylbewerber aus verschiedenen Teilen Deutschlands verliehen am Abend auf dem Willy-Brandt-Platz ihren Sorgen und Nöten Ausdruck.
Asylbewerber aus verschiedenen Teilen Deutschlands verliehen am Abend auf dem Willy-Brandt-Platz ihren Sorgen und Nöten Ausdruck.
Foto: WAZ FotoPool
Protestzug von Bayern Richtung Bundeshauptstadt erreichte Essen. Pro Asyl: Situation vor Ort hat sich verbessert.

Essen. Für diesen Protest machen sie sich sogar strafbar, doch das ist ihnen egal: Die Asylbewerber aus verschiedenen Teilen Deutschlands, die am Abend auf dem Willy-Brandt-Platz ihren Sorgen und Nöten Ausdruck verliehen, hätten eigentlich gar nicht nach Essen kommen dürfen. Für sie gilt die so genannte „Residenzpflicht“, in der Regel ist es ihnen nicht gestattet, die für sie zuständige Stadt oder den Landkreis zu verlassen. Die Einschränkung der Bewegungsfreiheit ist nur einer der Umstände, die die Asylbewerber kritisieren. Ihr Anliegen führt sie derzeit von Bayern bis nach Berlin.

Nach dem Suizid eines jungen Iraners

Ausgangspunkt der Bewegung ist Würzburg. Dort hatte sich im Januar der 29-jährige Iraner Mohammad Rahsepar in einer Flüchtlingsunterkunft das Leben genommen. Die Verzweiflungstat ließ andere Betroffene und ihre Unterstützer Protestlager in Würzburg und weiteren Städten aufschlagen, mit denen sie auf die Missstände in Flüchtlingsheimen und bei der Abwicklung der Asylverfahren aufmerksam zu machen suchten. Dabei soll es auch zu Hungerstreiks gekommen sein. Schließlich brachen die Demonstranten – einige zu Fuß, andere per Bus – zu dem Protestzug gen Bundeshauptstadt auf, der nun Essen erreichte.

Die Ortsgruppe von „Pro Asyl“ verlieh ihrer Solidarität mit der kleinen Gruppe von Demonstranten in der Innenstadt Ausdruck. Geschäftsführerin Inka Jatta macht gleichwohl deutlich, dass die hiesigen Bedingungen mit denen in Bayern, das weiterhin eine äußerst restriktive Politik gegenüber Asylbewerbern fahre, kaum zu vergleichen sei. Während Flüchtlinge dort dauerhaft in überfüllten Sammelunterkünften wohnen und auf Lebensmittelpakete zurückgreifen müssten, habe sich die Situation in Essen zuletzt verbessert. „Hier können Asylbewerber nach einem Jahr in Privatunterkünfte umziehen.“ Für die Versorgung wird Bargeld ausgegeben, und auch die Residenzpflicht sei gelockert worden. Betroffene dürften sich nun immerhin in ganz NRW aufhalten.

„Auch hier gibt es Handlungsbedarf“

Handlungsbedarf sieht man bei den Essener Unterstützern freilich dennoch. „Auch hier gibt es Probleme, vor allem der Zustand der Heime könnte besser sein“ , sagt Inka Jatta. Zudem mangele es an sozialer Beratung und Betreuung, Diakonie und Caritas könnten nicht alle Hilfesuchenden bedienen. Jatta formuliert diese Mahnung nicht zuletzt vor dem Hintergrund der nach Jahren der Konstanz erneut steigenden Asylbewerberzahlen. Vergangenes Jahr kamen 964 Flüchtlinge nach Essen. „Es wird wieder enger.“