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Flüchtling aus Essen verzweifelt: „Das ist sehr schlimm für uns“

5 Jahre "Wir schaffen das!": Flüchtlinge in Deutschland

5 Jahre "Wir schaffen das!": Flüchtlinge in Deutschland
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Essen. „In Syrien ist das Leben eine Katastrophe, man kann es sich nicht vorstellen“, sagt Anas Hamza* und atmet einmal durch. Eine Katastrophe, in der noch heute Teile seiner Familie lebt, lernen musste, zu überleben. Aus Angst vor dem syrischen Regime möchte er seinen richtigen Namen hier nicht lesen.

„Katastrophe, in jeder Bedeutung dieses Wortes“, setzt Anas wieder an. Scharfe Kontrollen, bei denen man nie weiß, ob man am Ende unversehrt wieder nach Hause darf. Brot und andere Dinge des täglichen Bedarfs seien bereits stark im Preis gestiegen, würden von Woche zu Woche teurer. Es ist nicht leicht für den heute 42-Jährigen an sein ehemaliges zu Hause zu denken.

2014 entschloss er sich als Flüchtling nach Deutschland zu fliehen. Heute lebt er in Essen, gemeinsam mit seiner Frau und ihren vier Kindern. DER WESTEN hat mit ihm über sein Leben in den vergangenen sechs Jahren gesprochen.

Flüchtling aus Essen: Syrer flieht mit Familie aus den Emiraten

Zu dem Zeitpunkt, als er sich für seine Flucht entschied, lebte der gebürtige Syrer in Dubai in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Zehn Jahre zuvor hat er seine Frau geheiratet. Eine Metropole mit Megabauten, Luxus und pulsierendem Nachtleben. Das Wahrzeichen, der mehr als 800 Meter hohe Burj Khalifa ragt wie eine Nadelspitze über der Stadt empor.

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Damals war Anas Mitte Dreißig. Dubai versprach wirtschaftlichen Aufschwung, einen gut bezahlten Job nach seinem Studium in Kanada. Er wollte für seine Familie sorgen. Doch die Folgen der Finanzkrise hinterließen auch im ölfinanzierten Paradies an der Atlantikküste ihre Spuren.

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„Wir schaffen das“ - es sind eigentlich nur drei Worte. Doch seit 2015 polarisierte in Deutschland kaum etwas mehr als dieser Leitsatz von Angela Merkel. Auf der einen Seite löste die Parole der Kanzlerin eine Welle der Hilfsbereitschaft aus. Ein anderer Teil der Gesellschaft fühlte sich überfordert. Überfordert von mehr als einer Million Flüchtlingen, die auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise 2015/16, nach Deutschland kamen.

Zwischen Willkommenskultur und AfD-Aufstieg, zwischen Sprachbarriere und Hoffnung auf ein friedliches Leben versuchen die Geflüchteten seitdem in Deutschland Fuß zu fassen. Fünf Jahre sind nun vergangen: Zeit für ein Zwischenfazit. Wie sind die Flüchtlinge mittlerweile in Deutschland angekommen? Was sind ihre prägendsten Erfahrungen? Welche Wendepunkte haben ihr Leben bestimmt?

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„Das hatte sehr schlimme ökonomische Konsequenzen. Für mich gab es damals keine andere Möglichkeit, als Dubai zu verlassen“, erzählt Anas. In Syrien herrschte Krieg, eine Rückkehr in den Krisenherd über dem der IS und das Assad-Regime wie ein Damoklesschwert hingen, für ihn unvorstellbar. Sie entschieden sich zur Flucht nach Europa. Mit dem Flugzeug erreichten er und seine Familie die Türkei.

Die humanitäre Situation in den Unterkünften dort ist angespannt. Die türkische Regierung beschränkte ihr Tun auf das Nötigste. Seine Familie kann hier kein neues zu Hause finden, wird dem Akademiker schnell klar. Er trifft eine waghalsige Entscheidung.

„2015 war die Willkommenskultur spürbar“

5000 Euro bezahlt er an einen Schlepper, der ihn nach Deutschland bringen soll. Anas macht sich allein auf den Weg, will seinen Kindern und seiner Frau die tagelange Tortur ersparen. Fast eine Woche lang versteckt er sich in einem Lkw mit anderen Flüchtlingen. Es ist eng, stickig und eine Fahrt voller Furcht. „Die Angst, die begleitet dich den ganzen Weg“, schaudert es Anas noch heute.

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Doch der heute 42-Jährige schafft es in seinem Versteck bis nach Berlin. Ein Jahr dauert es, bis er seine Familie nachholen kann. Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlen sich alle wieder sicher, „wir waren optimistisch, offen für das Leben, für Deutsche und für Deutschland.“ Und das auch, weil sie sich willkommen fühlen.

„2015 war die Willkommenskultur schon spürbar. Das hat sich danach aber etwas verändert. Es ist eine große Zahl geflohener Menschen auf einmal gekommen und viele wollten, dass es organisierter abläuft“, erklärt Anas sich die gesellschaftlichen und politischen Veränderungen.

Ab dem Jahr 2016 feierte die Partei AfD große Erfolge, begann dabei, immer weiter nach rechts abzudriften. „Einige Leute konnten nicht verstehen, warum wir geflohen sind. Aber in unserem Heimatland herrscht Krieg“, sagt der 42-Jährige.

Anas fühlt sich in Essen willkommen

Vier Jahre lang lebt die Familie in Berlin in einem Wohnheim, dann bekommt sie ein Angebot für eine Wohnung in Essen. Endlich wieder vier Wände, nur für sich allein. Mit dem Umzug ins Ruhrgebiet beginnt ein neues Kapitel.

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„Essen ist natürlich kleiner in Berlin. Und die Menschen in NRW haben uns Ausländer mehr akzeptiert“, so der Familienvater auf dem Sofa in seiner Wohnung. Im Hintergrund hängen Familienfotos, seine kleine Tochter läuft quietschend durchs Zimmer. Eigentlich kann er zufrieden sein. Doch die Jobsuche macht ihm zu schaffen.

Auf dem Arbeitsmarkt, meint Anas, gebe es auch nach sechs Jahren noch viele Schwierigkeiten. „Ich bin schon so lange hier. Aber ich durchblicke das deutsche System noch immer an vielen Stellen nicht richtig, welche Bescheinigungen man wofür braucht, welche Weiterbildungen notwendig sind“, seufzt er.

Als es um die Jobsuche geht, wird Anas traurig

Wegen Corona fehle es aktuell an Sprachangeboten. „Ich bin jetzt seit fast einem Jahr wegen der Pandemie in einer Situation, in der ich nicht regelmäßig Deutsch sprechen kann.“ Vorher habe er regelmäßig Deutschkurse besuchen können, „jetzt aber nicht mehr“, sagt er traurig. Auch Sprachcafés lägen derzeit auf Eis.

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Jeden Tag schreibe er fünf bis acht Bewerbungen. „Ich habe einen Abschluss aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, ein Zertifikat aus Kanada, Erfahrungen in Projektarbeit und Personalmanagement. Ich spreche Arabisch, Englisch und Deutsch. Doch bei vielen Firmen habe ich keine Chance, manchmal kommt die Absage sofort“, erzählt er und blickt traurig auf den Kaffee in seiner Hand. „Wir Flüchtlinge haben viele Fähigkeiten, werden aber nicht eingebunden. Das ist sehr schlimm für uns.“

*Richtiger Name der Redaktion bekannt.