Fixierung von Senioren – nicht in einem Essener Altenheim

Bewohnerin Martha Buchta, 88, und Pflegerin Elisabeth Psotta präsentierten ein Niederflurbett. Zu diesem gehört auch die blaue Sturzmatte.
Bewohnerin Martha Buchta, 88, und Pflegerin Elisabeth Psotta präsentierten ein Niederflurbett. Zu diesem gehört auch die blaue Sturzmatte.
Foto: FUNKE Foto Services
Immer mehr Senioren wurden in den vergangenen Jahren in Altenheimen fixiert – so eine Statistik. In einem Essener Altenheim geht man andere Wege.

Essen..  Am Anfang stand eine unerfreuliche Entwicklung. Immer mehr Senioren, so zeigte die Statistik, wurden in den vergangenen Jahren „freiheitsbeschränkende Maßnahmen“ verordnet. Was erst mal nicht so schlimm klingt, ist ein weitgehender Eingriff in die persönlichen Freiheitsrechte: Die Senioren werden, zu ihrer Sicherheit, an Betten festgeschnallt oder gleich mit Medikamenten ruhig gestellt.

Im evangelischen Altenheim Bethesda in Borbeck hat man den Trend seit 2013 mit innovativen Methoden umgekehrt. Alle Bettgitter, Vorstecktische und Gurte sind verschwunden. „Keiner unserer 107 Bewohner wird inzwischen noch fixiert“, sagt Einrichtungsleiter Bernd Hoffmann. „Damit haben Sie eine Vorreiterfunktion in Nordrhein-Westfalen. Sie bieten ein Vorzeigeprojekt, an dem sich andere orientieren können“, lobte gestern NRW- Justizminister Thomas Kutschaty. In dessen Fachgebiet fallen die freiheitsbeschränkenden Maßnahmen, weil sie gerichtlich genehmigt werden müssen.

Alternativen Schutz-Methoden für die Bewohner

Kutschaty, Borbecker mit Arbeitsmittelpunkt in Düsseldorf, ist derzeit auf Regionaltour und besucht Vorzeige-Unternehmen. Weil das Gute dabei manchmal ganz nah liegt, führte ihn der kurze Weg in seine Nachbarschaft und damit ins evangelische Altenheim Bethesda. Hier wird seit zwei Jahren intensiv mit alternativen Schutz-Methoden für die Bewohner gearbeitet. „Unser Spektrum ist vielfältig“, erklärt Einrichtungsleiter Bernd Hoffmann. Es gibt die flachen Niederflurbetten, aus denen niemand mehr herausfallen kann. Es gibt Gehhilfen, die Rundum-Sturzschutz bieten. Zudem werden in der Einrichtung vorbeugend Muskeln und Motorik geschult.

„Die Erfolge zeigen sich nicht nur bei der Sicherheit, sondern auch in der Lebensqualität“, erklärt Pflegedienstleiterin Sabine Hoffmann. Bis zum Erfolg mussten sie und ihre Mitarbeiter allerdings einen weiten Weg zurücklegen: Denn neben den Angehörigen musste auch das Pflegepersonal von der Umstellung überzeugt werden. Die Fixierung war lange die einfachere Lösung, bei der nichts passieren kann. Das Problem: Fixierte Senioren bauen weiter Muskeln ab, ihre Koordination verschlechtert sich damit zunehmend.

Vorzeige-Modell hat Nachahmer gefunden

Diesen Prozess konnte man mit den neuen Maßnahmen teilweise umkehren. Das gilt auch für die Zahlen, die Katrin Schlimm vom Amtsgericht Borbeck präsentierte. Dort entscheidet die Richterin über freiheitsbeschränkende Maßnahmen, dort wird inzwischen nach dem sogenannten Werdenfelser Weg vorgegangen: Fälle sind nicht mehr nur eine Akte, sondern Verfahrenspfleger, die pflegerisch und juristisch geschult sind, prüfen, ob die Fixierung vermieden werden kann. „Von 1500 Fällen in meinem Bereich haben wir nur noch in 122 Fällen freiheitsbeschränkende Maßnahmen verordnet“, sagt Katrin Schlimm. Das, so die Richterin, „liegt weit unter dem Bundesdurchschnitt“.

In Essen hat das Vorzeige-Modell einen Nachahmer gefunden. Das Philippusstift in Borbeck hat sich in der Nachbarschaft umfassend informiert und will künftig auch auf die Methoden setzen.

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