Fenstersturz einer Prostituierten beschäftigt Milieu an Stahlstraße

Gerd Niewerth
Streifenwagen in der Stahlstraße: Der schockierende Fenstersturz ist Tagesthema im Essener Rotlicht-Milieu.
Streifenwagen in der Stahlstraße: Der schockierende Fenstersturz ist Tagesthema im Essener Rotlicht-Milieu.
Foto: Daniel Knopp /News-Report-NRW
Der schockierende Fenstersturz einer Prostituierten rückt die Stahlstraße in den Blickpunkt. Bordellbetreibern ist ein von rumänischen Zuhältern geführtes Etablissement ein Dorn im Auge.

Essen. Ermittler der Kriminalpolizei haben am Montag versucht, die Hintergründe des rätselhaften Fenstersturzes im Essener Rotlichtviertel zu erhellen. Die erfreuliche Nachricht: Die 24 Jahre alte Rumänin, die sich am vergangenen Freitag bei dem Sturz aus dem ersten Obergeschoss des Bordells schwerste Verletzungen zugezogen hatte, schwebt nicht mehr in Lebensgefahr. „Die Frau hat großes Glück gehabt, sie ist wieder ansprechbar“, sagte ein Polizeisprecher.

Der spektakuläre Kriminalfall ereignete sich in der Stahlstraße 60, dem letzten, violett getünchten Haus im Rotlichtviertel. Auch drei Tage danach bleibt der schockierende Fenstersturz Tagesthema im „Milieu“.

Prostituierte angeblich mit Drogen gefügig gemacht

Bei den Vernehmungen am Montag soll die 24-Jährige angegeben haben, „ohne Fremdeinwirkung aus dem Fenster gesprungen zu sein“. Und der Polizeisprecher fügt hinzu: „Ihre Aussage ist absolut glaubwürdig.“ Nur: Welche Schlussfolgerungen lässt diese Information zu? War die junge Prostituierte möglicherweise lebensmüde?

Insider des Stahlstraßen-Milieus zeichnen unterdessen ein ziemlich düsteres Bild von dem so genannten „Rumänen-Haus“, eine Adresse, auf die das romantisierende und verharmlosende Etikett „Freudenhaus“ demnach überhaupt nicht zutreffen will.

Aufgeschreckte Prostituierte aus den benachbarten Häusern sollen es gewesen sein, die am Freitagnachmittag den Polizeinotruf alarmierten. „Sie hatten im Haus Nummer 60 die verzweifelten Schreie der jungen Frau vernommen und sich der Polizei anvertraut“, berichtet ein Insider. Als die ersten Beamten im Rotlichtviertel eintrafen, soll die junge Prostituierte schon regungslos im Hinterhof in einer Blutlache gelegen haben.

Eine zwei Meter hohe, zum Teil mit Graffiti besprühte Mauer umfriedet das Essener Bordellviertel, das sich – eingerahmt von Möbel Kröger, Radweg Rheinische Bahn und Univiertel – aus 17 schlichten, in die Jahre gekommenen Einfamilienhäusern zusammensetzt. Unten reiht sich Vitrine an Vitrine, in denen spärlichst bekleidete Frauen – sie heißen Tina und Chantal, Melanie und Cynthia – die Männer „ankobern“. Ein abgeschlossenes, verschwiegenes Milieu, das seit jeher strengen Regeln unterworfen ist.

Doch der schockierende Fenstersturz bringt diesmal so manchen zum Sprechen. So gilt es in der Stahlstraße als offenes Geheimnis, dass die rumänischen Prostituierten offenbar mit Drogen gefügig gemacht werden. Immer wieder fällt das Wort Menschenhandel.

Ärger über Niedrigpreise und Mitleid mit den Mädchen

Anderswo in der Stahlstraße firmieren die Häuser nicht etwa unter dem Begriff Bordell, sondern als „Zimmervermietung“. Die Prostituierten verfügen als selbstständige Sex-Arbeiterinnen über eigene Haus- und Zimmerschlüssel und können die Räumlichkeiten betreten und verlassen, wann sie wollen. Zuhälter, so heißt es, gebe es dort aus Prinzip nicht. Anders im Haus Nummer 60. Dort stehe hinter jeder Prostituierten ein Zuhälter. „Die Frauen werden in Geländewagen mit getönten Scheiben vorgefahren, es gibt einen ständigen Wechsel“, sagt ein Kenner. Um sie daran zu hindern, sich aus dem Staub zu machen oder gar nur zum Einkaufen in die nahegelegene Innenstadt zu gehen, würden die Zuhälter nicht nur Personalausweise und Reisepässe, sondern sogar ihre Kleidung einbehalten.

Lange Zeit hatte das jetzt so verrufene Haus am Ende der Straße leergestanden. Dann, vor zwei Jahren, übernahmen die Rumänen das Etablissement. Dass sie Preise weit unterm Schnitt anböten, empfinden die angestammten Bordellbetreiber als unverschämt. In die unterschwellig gärende Wut auf die mutmaßlich skrupellosen Betreiber mischt sich Mitleid mit den anschaffenden Frauen. So erzählt man sich hinter vorgehaltener Hand von einem Vorfall, der sich im Winter zugetragen haben soll: Um eine Prostituierte zu bestrafen, habe man sie nachts und nur mit Unterwäsche bekleidet bei eisiger Kälte in eine Hinterhofgarage gesperrt.