Fans verabschieden sich bei letztem Rundgang von Georg-Melches Stadion

Im Hintergrund lässt sich schon gut erahnen, wie das neue Stadion aussieht. Foto: Remo Bodo Tietz
Im Hintergrund lässt sich schon gut erahnen, wie das neue Stadion aussieht. Foto: Remo Bodo Tietz
Foto: WAZ FotoPool
Die traditionsreiche Spielstätte des RWE an der Hafenstraße steht vor dem Abriss. Bei einem Rundgang erleben Fans eine Zeitreise mit Überraschungen - und verabschieden sich von einer Ruine. In Kürze wird das Stadion komplett abgerissen.

Essen.. Es ist der Moment, von dem der ein oder andere schon einmal geträumt hat. Lothar Dohr, Fan-Beauftragter bei Rot-Weiss Essen, öffnet das Gittertor, die Besuchergruppe tritt hinaus aus dem Spielertunnel auf den Rasen des Georg-Melches-Stadions. Niemand jubelt ihnen zu. Die Ränge sind verwaist. Aber zum Jublen ist auch niemandem zu Mute. Ein Fan im RWE-Trikot schießt Fotos, andere schreiten gedankenverloren übers Grün, erinnern sich an Siege und Niederlagen, die sie an dieser Stätte miterlebt haben. Bald heißt es Abschied nehmen. Das Georg-Melches-Stadion steht vor dem Abriss.

Einst moderner Multifunktionsbau

Etwas abseits der Gruppe steht ein älterer Herr im grauen Anzug. Mit Hut und Krawatte ist er tadellos gekleidet, wenn auch nicht mehr ganz modern. Er blickt hinüber zum neuen Stadion. Es scheint so, als wischte er sich mit dem Schlapphut eine Träne aus dem Augenwinkel. Eben noch wusste er voller Begeisterung vom modernsten Multifunktionsbau seiner Zeit zu erzählen, vom „deutschen Highbury“, wie die euphorische Presse die Haupttribüne nach der Einweihung 1957 nannte - in Anlehnung an das berühmte Stadion des FC Arsenal London. Auch beim Rundgang durch das Innenleben des Stadions erwies sich der unbekannte Herr als äußerst kundig.

Als Lothar Dohr die Besuchergruppe in die Kabine der Rot-Weißen führt, blicken sich einige Gäste ehrfurchtsvoll um. Rahn, Hrubesch, Mill und Lippens haben hier die Schuhe geschnürt. „Wo der Rahn saß, weiß heute keiner mehr“, sagt Dohr. Es scheint so, als wollte der Herr in Grau etwas sagen, doch er schweigt. Heute heißen die Spieler Koep, Kuta und Lemke. An den Platz des kleinen Außenstürmers heftet RWE-Fan Stefan Unteregge ein DINA-4 großes Plakat: „Fußballgott“ steht darauf. An der Hafenstraße sind die Götter auf ein irdisches Maß geschrumpft.

Zeit für etwas Neues

Draußen auf dem Gang stehen Elisabeth und Ulrich Schlüter vor lebensgroßen Schwarzweiß-Aufnahmen. Es sind die Bilder der „Jahrhundert-Elf“ . In dieser Heldengalerie hat der „Boss“ seinen unumstößlichen Platz. Der ältere Herr gesellt sich dazu. „Habe ich Sie nicht schon einmal hier im Stadion gesehen?“ Früher sei sie mit ihrem Mann zu Spielen von Rot-Weiss gegangen, antwortetet Elisabeth Schlüter. Aber das sei lange her. Den Rundgang durchs Stadion habe ihr ihr Sohn Ulrich zum 80. Geburtstag geschenkt - ganz zur eigenen Freude. Der 53-Jährige hält jedes Detail mit der Digitalkamera fest. Wehmut? Ulrich Schlüter schüttelt den Kopf. „Nein. Es wird Zeit, dass etwas Neues geschaffen wird."

Wer daran zweifelt, landet spätestens beim Gang durch die medizinische Abteilung auf dem weiß gefliesten Boden der Tatsachen. In den 50er Jahren zählte die Ausstattung zum Modernsten, was ein Verein seinen Fußballern bieten konnte. Heute sieht alles so aus, als habe damals jemand die Tür verriegelt und den Schlüssel weggeworfen. Fast alles. Als Entmüdungsbecken müssen zwei 240-Liter-Mülltonnen der Entsorgungsbetriebe herhalten. Die Stimmung der Besucher schwankt zwischen heiter und wolkig. Einigen ist es zum Frösteln.

Raum voller Erinnerungen

Hinauf geht’s in die oberen Räume. Früher nächtigten dort Spieler. „Da in der Ecke stand das Bett von Willi Lippens“, sagt Lothar Dohr. Der Fan-Beauftragte hat er hier sein Büro. An den Wänden hängen Wimpel, Fahnen und Fotos. Ein Raum voller Erinnerungen. „Das ist der Originalschreibtisch vom alten Melches. Ich konnte das gute Stück gerade noch aus dem Sperrmüll retten“, erzählt Dohr und nimmt Platz. Gedankenverloren streicht der Herr im grauen Anzug über die Tischplatte, während sich die Besuchergruppe dem Ausgang zuwendet.

„Wer will, kann hier noch unterschreiben“, ruft Lothar Dohr und reicht eine Unterschriftenliste der Fan-Initiative herum, die sich für den Erhalt der Haupttribüne einsetzt. Die meisten unterschreiben. Der Herr mit dem Hut winkt ab. „Nein, nein. Vielen Dank. Alles hat seine Zeit. Meine ist leider längst abgelaufen. Wer ich bin? Entschuldigen Sie, ich hatte mich gar nicht vorgestellt. Georg Melches mein Name. Meine Freunde nennen mich Schorsch.“

 
 

EURE FAVORITEN