Ex-Polizist wirft Polizeiapparat „Zahlenmauschelei“ vor

Als Leiter der Pressestelle der Essener Polizei präsentierte Uwe Klein 2002 das Waffenarsenal einer Verbrecherbande. Mit seiner harschen Kritik am Polizeiapparat fährt der Pensionär heute seinerseits schweres Geschütz auf.
Als Leiter der Pressestelle der Essener Polizei präsentierte Uwe Klein 2002 das Waffenarsenal einer Verbrecherbande. Mit seiner harschen Kritik am Polizeiapparat fährt der Pensionär heute seinerseits schweres Geschütz auf.
Foto: Remo Bodo Tietz
  • Uwe Klein, 21 Jahre Sprecher der Essener Polizei, tadelt „Statistikwahnsinn“ in den Behörden
  • Zahlenmauscheleien hätten sich über 40 Jahre lang durch sein polizeiliches Berufsleben gezogen
  • Der Blogger nennt seine Kritik konstruktiv, als Nestbeschmutzer sieht er sich nicht

Essen. Als Uwe Klein (63) vor zwei Jahren die Polizeiuniform ablegte, hatte er 45 Dienstjahre auf dem Buckel. Er war einfacher Streifenpolizist und SEK-Mann, 21 Jahre Leiter der Pressestelle im Essener Präsidium und zuletzt zweiter Mann der Polizeiinspektion Süd. Auch im Ruhestand will ihn die Polizeiarbeit nicht loslassen. Jetzt schaltet er sich als Facebook-Blogger in die pikante Lügen-Debatte ein, die sein „geschätzter Kollege“, der Kriminalhauptkommissar und promovierte Kriminologe Frank Kawelovski, letzte Woche im Landtag losgetreten hat. Er teilt dessen These, wonach die Polizei Aufklärungsquoten bei der Einbruchskriminalität mit Zahlentricksereien künstlich geschönt habe. Und befeuert die hochpolitische Debatte, in der nicht nur der Polizeiapparat, sondern indirekt auch das Ministerium der Manipulation und „Zahlenmauschelei“ bezichtigt wird.

„Diese Zahlenmauscheleien zogen sich über 40 Jahre durch mein polizeiliches Berufsleben“, notiert Uwe Klein in seinem aktuellen Blog-Beitrag. Schon als junger Streifenpolizist in den frühen 1970er-Jahren habe er Bekanntschaft mit dem „Lügenzettel“ gemacht – so habe man im Polizeijargon den Einsatzbefehl genannt, der nach Dienstschluss ausgefüllt werden musste. „Wenn alle das machen, tu’ ich das auch“, habe er sich damals gesagt. Soll heißen: „Im Streifenbefehl wurden regelmäßig Phantasietätigkeiten aufgeführt.“ Klein nennt ein Beispiel: So sei zum Jahreswechsel tatsächlich verstärkt kontrolliert worden, doch im täglichen Einsatzbefehl, so Klein, „erschienen danach Phantasiezahlen“ – etwa über Alkoholtests, die es tatsächlich nie gegeben habe. Eine Schummelei, die sich leider auch in der Ära der elektronischen Erfassung fortgesetzt habe.

Aussage von Pressesprecher erschüttert Glaubwürdigkeit der Polizei

Es ist schweres Geschütz, das der Ex-Polizist auffährt, um den Kriminologen den Rücken zu stärken. Denn zugleich erschüttert es die Glaubwürdigkeit einer staatlichen Institution, die an vorderster Stelle die Prinzipien Recht und Ordnung verkörpert, streng die Gesetze hütet und unerbittlich das Verbrechen bekämpft.

Dass beide – Klein wie Kawelosvski – nun in Polizeikreisen als „Nestbeschmutzer“ abgestempelt werden dürften, nimmt der Pensionär, der zuletzt den Rang eines „Ersten Polizeihauptkommissars“ bekleidete, bewusst in Kauf. „Ich fühle mich der Polizei weiterhin eng verbunden und will Anstöße geben“, begründet Klein seine ungewöhnliche, weil offen ausgebreitete Offensive gegen „Statistik- und Erfassungswahnsinn“.

Uwe Klein habe sich für Ehrlichkeit eingesetzt

Nun, da er den blauen Rock mit den vier silbernen Sternen nicht mehr trägt, fällt es Klein leichter, unbequeme Dinge und oder gar krasse Fehlentwicklungen im Polizeiapparat klarer beim Namen zu nennen. Er sagt: „Meine Kritik ist konstruktiv, mir geht es um Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit in der Polizei.“ Zwei Kardinaltugenden, die ihm sein Vorbild Michael Dybowski, zuerst Polizeipräsident in Essen und später in Düsseldorf, quasi als Leitmotiv für ein ganzes Berufsleben vermittelt habe. Dybowskis Credo: Polizisten würden schon tagtäglich von Außenstehenden belogen, deshalb lehne er es kategorisch ab, dass seine Kolleginnen und Kollegen dasselbe täten.

Und wie hat er – Klein – es im Polizeialltag selbst mit der Ehrlichkeit gehalten? „Von den Lügenzetteln anfangs als Streifenpolizist abgesehen habe ich mich für Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit eingesetzt“, beteuert der Polizeikritiker, der stolz darauf verweist, dass auch sein Vater, sein Bruder und sein Sohn den Polizeiberuf ergriffen hätten. Und hat er auch als Polizeisprecher die Öffentlichkeit ehrlich informiert? „Ein Einsatzleiter hat mal von mir verlangt, die Medien aus einsatztaktischen Gründen falsch zu informieren, das habe ich abgelehnt“, erwidert Uwe Klein.

Im ständigen „Nach-oben-gut-aussehen-wollen“ sieht er die Ursache für den Statistikwahnsinn: „Dieser erzeugt nur Druck bei den Kollegen und führt zur Unwahrheit. Keine Polizeibehörde ist besser als die andere.“ Kleins eindringlicher Appell an den Apparat: „Hört endlich damit auf.“

 
 

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