Essens Bundestagsabgeordnete Hinz wusste vom Mobbing-Vorwurf

Die Vorwürfe ihrer Ex-Mitarbeiter sind seit langem bekannt. Auch Petra Hinz, wie sich jetzt zeigt.
Die Vorwürfe ihrer Ex-Mitarbeiter sind seit langem bekannt. Auch Petra Hinz, wie sich jetzt zeigt.
Foto: WAZ
  • Arbeitsgemeinschaft spricht von „mindestens 20“ betroffenen Ex-Mitarbeitern
  • Mitarbeitervertreter verschickten Warn-Mail an Job-Interessenten
  • SPD diskutiert intern eine Problemlösung per schlechterem Listenplatz

Essen.. Das Opfer, das war natürlich sie.

Noch am gleichen Abend, da ein anonymes Schreiben über massives Mobbing und unzumutbare Arbeitsbedingungen in ihrem Berliner Büro die Runde machte, beklagte die SPD-Bundestagsabgeordneten Petra Hinz schriftlich die „Keule der Verleumdung“ – und diktiert seither jedem, der es wissen will, in den Block: Nichts von den Anschuldigungen ist wahr, nie habe sie auch nur ansatzweise Beschwerden ehemaliger Mitarbeiter vernommen. Alles erfunden.

Doch gut zwei Wochen nach diesem Versuch der Vorwärtsverteidigung darf die zur Schau gestellte Ahnungslosigkeit der Abgeordneten jetzt als widerlegt gelten. Denn nicht nur mittlerweile sechs Ex-Mitarbeiter, die sich in der Redaktion meldeten, bestätigen die geharnischten Vorwürfe gegen Hinz. Auch die Arbeitsgemeinschaft der SPD-Mitarbeiter im Deutschen Bundestag, die im Laufe einer Legislatur-Periode immerhin gut 1000 Kollegen in den 193 SPD-Bundestagsbüros betreut, spricht von „mindestens 20 ehemaligen Mitarbeitern“, die über „irrsinnige Schikanen“ und „persönliche Erniedrigungen“ Klage geführt hätten: „Einige waren völlig am Ende.“

Arbeitsgemeinschaft SPD-Mitarbeiter lud zum Gespräch

So massiv waren die Beschwerden, dass die Mitarbeitervertreter die „Liebe Genossin Petra Hinz“ bereits im Juli 2012 per Mail zum Gespräch einluden: „Seit geraumer Zeit erfahren wir immer wieder, dass die Arbeitsbedingungen in Deinem MdB-Büro nicht den sozialdemokratischen Vorstellungen ,Guter Arbeit’ entsprechen.“ Man wolle ihr deshalb Gelegenheit geben, „Deine Sicht der Dinge darzulegen“.

Doch Hinz kam nicht.

Schrieb stattdessen eine Woche später zurück, dass sie sich „die schweren Vorwürfe nicht erklären“ könne und diese „jeder Grundlage entbehren“. Dazu ein bisschen Team-Blabla und, naja, „kleine Räume, schlechte Bestuhlung, zu fettes Essen etc. ja, da gibt es noch eine Menge zu tun.“ Aber sonst? Alles im Lot, „mit einem freundlichen Glückauf, Petra Hinz, MdB“.

Die Arbeitsgemeinschaft der SPD-Mitarbeiter war wie vor den Kopf gestoßen – und doch hilflos. Denn beschäftigt sind die Mitarbeiter privatrechtlich beim jeweiligen Bundestagsabgeordneten. „Man kann hier“, sagt ein Mitglied des AG-Vorstands, „die Hölle haben oder auch das Paradies. Das hängt von den Menschen ab.“

Warn-Rundmail an potentielle Bewerber

Und von den Charakteren derer, die dort anheuern. Manche sind stark, zeigen zügig den Vogel, heißt es, und kündigen nach zwei Wochen. Andere bringen das nicht fertig – wie jene Ex-Mitarbeiterin, die der Redaktion schrieb, sie sei „in meinem ganzen Leben noch nie so gedemütigt, beleidigt, beschmutzt und in meiner Würde und Ehre verletzt worden, wie in diesem Büro.“

„Davor wollten wir, auch wenn sich manches schon herumgesprochen hatte, auch noch die letzten warnen“, sagt ein Vorstandsmitglied der Arbeitsgemeinschaft SPD-Mitarbeiter. Und als Hinz im Oktober 2013 einen Büro-Job ausschrieb, weil wieder mal ein Posten freigeworden war, konterte die AG mit einer Warn-Rundmail: „Allen, die sich auf diese Stellenausschreibung bewerben oder sie an andere weiterleiten möchten, empfehlen wir, sich vorher mit uns in Verbindung zu setzen.“ Ein paar Leute hätten dann tatsächlich bei der AG vorgesprochen, „wir wollten die schützen und haben denen deshalb abgeraten.“

Dabei blieb es allerdings auch.

Weitere Schritte? Fehlanzeige. Aufgearbeitet wurde nichts.

Niemand vom Essener SPD-Vorstand empörte sich öffentlich

Fragt man bei den für die Büro-Mitarbeiter zuständigen parlamentarischen Geschäftsführerinnen nach, bleiben die Antworten vage und betont allgemein: „Natürlich wissen wir, dass es immer mal wieder zu Konflikten kommt“, sagt Iris Gleicke, die diesen Job in der vergangenen Legislaturperiode ausfüllte. Und Bärbel Bas, ihre Nachfolgerin seit 2013, gibt zu bedenken, dass sie ja auch ein offenes Ohr für die Bundestagsabgeordneten selber haben muss. „Wenn ich mich da zu Einzelfällen äußere, kommt nie wieder jemand zu mir.“

Das leuchtet ein – und lässt doch alle Beteiligten enttäuscht zurück. Dass ausgerechnet der Arbeitnehmer-Partei SPD in eigener Sache die Hände gebunden sein sollen, will ihnen nicht in den Kopf und macht das Klima nicht besser. Selbst bei der AG SPD-Mitarbeiter sind sie vorsichtig geworden, niemand möchte „der erste Name sein, der in der Zeitung steht.“

Aber auch andere Namen fehlen. Kurios, dass sich in den zurückliegenden Tagen auch niemand vom Essener SPD-Vorstand öffentlich empören und Petra Hinz den Rücken stärken mochte. Selbst aus der Landespartei, die mit im Verteiler des anonymen Briefes stand: kein Wort. Es blieb an Petra Hinz, in ihrem Brief an die Partei trotzig zu formulieren, als Sozialdemokratin werde sie „es durchstehen“.

In der SPD diskutieren sie schon, wie man sich des Problems auf anderem Wege entledigt, ohne offen Front gegen Hinz machen zu müssen. Ein schlechter Listenplatz für die nächste Bundestagswahl wäre so eine Maßnahme, und sie wird hinter sozialdemokratischen Kulissen ernsthaft diskutiert.

Aber dann müsste man sie vorher noch einmal nominieren. Gute Miene machen im September.

Lächeln.

 
 

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