Essens Awo forscht in eigenen Reihen nach AfD-Mitgliedern

Da war die Welt noch halbwegs in Ordnung: Guido Reil (li.), präsentiert im April dieses Jahres stolz sein seit acht Jahren bestehendes Sozialprojekt. Mit früheren Kollegen fährt der Bergmann abwechselnd Karnaper Seniorinnen zum Einkauf. Den Kleinbus stellt die Essener Awo.
Da war die Welt noch halbwegs in Ordnung: Guido Reil (li.), präsentiert im April dieses Jahres stolz sein seit acht Jahren bestehendes Sozialprojekt. Mit früheren Kollegen fährt der Bergmann abwechselnd Karnaper Seniorinnen zum Einkauf. Den Kleinbus stellt die Essener Awo.
Foto: FUNKE Foto Services
  • Die Essener Awo forscht bei Mitgliedern und Mitarbeitern nach möglichen Parteigängern der AfD
  • Wer sich nicht von der AfD trennen will, dem droht Rauswurf oder Kündigung des Arbeitsvertrags
  • Ex-SPD-Mann Guido Reil, Kopf eines Awo-Sozialprojekts in Karnap, wurde zum Gespräch gebeten

Essen.. Keine AfD-Mitglieder bei der Arbeiterwohlfahrt – darauf hat sich der Awo-Bundesverband in einem Positionspapier geeinigt. Auch in Essen könnte das Folgen haben: Essens Awo-Geschäftsführer Oliver Kern stellt sich nicht nur voll hinter den Beschluss, er kündigte auch Recherchen etwa im Internet an, um mögliche Mitglieder der „Alternative für Deutschland“ unter Awo-Mitarbeitern und Awo-Mitgliedern ausfindig zu machen. Im Extremfall drohe Ausschluss oder – bei Angestellten – die Kündigung. „Ich glaube allerdings nicht, dass wir AfD-Mitglieder in unserer Mitte haben“, so Kern.

Nun, einen gibt es auf jeden Fall, wie Kern dann auf erneute Nachfrage zugab: Guido Reil. Der in Karnap gewählte Ratsherr wechselte vor einigen Wochen zur AfD, war zuvor aber 26 Jahre in der SPD. Für so gut wie jeden sozialdemokratischen Funktionsträger gehört es zum guten Ton, gleichzeitig Mitglied der Awo zu sein, und so hat es auch Reil gehalten. Reil wurde von Awo-Geschäftsführer Kern für kommenden Freitag bereits zu einem Gespräch gebeten. Die Awo verlassen will er von sich aus nicht, betont Reil auf Anfrage. Ihm sei auch grundsätzlich schleierhaft, wieso er als AfD-Mitglied nun plötzlich nicht mehr würdig genug sei, Awo-Mitglied zu sein.

Für Oliver Kern liegt diese Unvereinbarkeit hingegen auf der Hand. Die Positionen, die die AfD vertrete, stünden den Grundsätzen und Werten der Awo wie Gerechtigkeit, Solidarität, Freiheit, Demokratie und Toleranz direkt entgegen. „Schon allein beim Thema ,Toleranz’ wird es wohl eng, wenn man sich den Umgang dieser Partei mit Andersdenkenden ansieht“, so Kern.

Die AfD dreht diesen Spieß allerdings um und wertet die Androhung von Kündigungen und Rausschmissen gegenüber AfD-Mitgliedern ihrerseits als Zeichen mangelnder Toleranz gegenüber Andersdenkenden. „Was die Awo da macht, ist Gesinnungsschnüffelei und erinnert an die finstersten Zeiten der deutschen Geschichte“, sagt Stefan Keuter, Vorsitzender des AfD-Kreisverbands Essen. Es sei unerhört, aber immer öfter zu beobachten, dass AfD-Mitgliedern faktisch „Berufsverbot“ drohe, wenn sie sich zu erkennen gäben. „Wir sagen allen, die davon betroffen sein könnten, juristische Unterstützung zu“, so Keuter. Zum Fall Reil fügt Keuter hinzu, die Awo solle doch froh sein, wenn es Menschen gebe, die sich freiwillig für den Verband engagierten.

Fahrdienst soll auch ohne Reil rollen

Für die Arbeiterwohlfahrt könnte das in der Tat zu einem Problem werden. Denn der frisch gebackene AfD’ler Reil ist nicht nur Awo-Mitglied, sondern in Karnap auch ehrenamtlicher Aktivist eines Sozialprojekts, das seit acht Jahren unter maßgeblicher Mithilfe der Arbeiterwohlfahrt existiert. Reil ist Organisator einer Gruppe von zehn Freiwilligen, die einmal pro Woche mehrere Stunden lang Karnaper Seniorinnen in einem Kleinbus zum Einkaufen fahren, ein Dienst, der sehr gern angenommen wird und im Stadtteil sehr beliebt ist. Auch Reil selbst sitzt hin und wieder am Steuer. „Die Awo stellt uns diesen Bus stundenweise zur Verfügung, bekommt dafür allerdings auch eine gewisse Summe pro Jahr von Sponsoren“, so Reil. „Wenn die mich rausschmeißen, ist dieses Projekt tot, was für die Awo in Karnap nicht gut wäre“, droht er. Seine Mitstreiter hätten bereits klar gestellt, dass sie nur als Fahrer dabei blieben, solange auch er dabei ist.

Auch Oliver Kern – hier ausnahmsweise mit Reil einer Meinung – lobt den Bus-Service, hält aber den Initiator durchaus für ersetzbar. „Wir werden dieses Projekt weiterführen, auch ohne Guido Reil“, verspricht der Awo-Geschäftsführer. Stephan Duda, Vorsitzender der SPD Karnap und mit Reil noch vor kurzem eng verbunden, betont sogar, die Awo habe vor, den Fahrdienst auszubauen.

Reil hat von sich aus offen seine AfD-Mitgliedschaft bekannt, aber wie erkennt Oliver Kern AfD’ler, die dies nicht offenbaren? Stasi-Methoden wolle man nicht bei der Awo, sagt er. „Aber wir werden die Augen aufhalten in sozialen Netzwerken wie Facebook oder schauen, ob jemand bei Parteitagen gesichtet wird“, so Kern. Falls er AfD’ler aufspüre, wolle man zunächst das Gespräch mit ihnen suchen. Er werde sich dazu „erst einmal intensiv in das neue Parteiprogramm der AfD hineinlesen“, so Kern weiter. Dabei gelte es, auch verklausulierte Formulierungen zu entschlüsseln, wie sie in Parteiprogrammen üblich seien: „Wir müssen bei Gesprächen deutlich machen, dass es keine einfache Antworten gibt – wohl aber populistische. Und die wollen wir enttarnen.“ Ein inhaltliches Beispiel sei die Flüchtlingsfrage: „Die Awo agiert international und engagiert sich aktiv in der Flüchtlingshilfe.“ Schon allein dies passe nicht zur stark nationalistischen, flüchtlingsfeindlichen Haltung der AfD. Bleibe ein Mitarbeiter oder Mitglied jedoch bei seinen Positionen und weigere sich, die AfD zu verlassen, könne das dann allerdings die Trennung von der Awo bedeuten.

Für Einigung spricht nichts

Es spricht nichts dafür, dass Guido Reil sich am Freitag von seinem früheren Parteifreund Oliver Kern überzeugen lässt. So hat die Awo wohl bald ein Mitglied weniger. Und in Karnap ein Problem mehr, wenn auch anscheinend ein lösbares. Denn den Triumph eines einschlafenden Sozialprojekts wird die Awo Guido Reil nicht gönnen dürfen. Koste es, was es wolle.

 
 

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