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Essen: Zollermittlerin mit erstaunlichen Aussagen zu Shisha-Bars: „Das war unterirdisch“

Bei den Razzien in Shisha-Bars ist der Zoll auch regelmäßig in Essen im Einsatz.
Bei den Razzien in Shisha-Bars ist der Zoll auch regelmäßig in Essen im Einsatz.
Foto: Svenja Hanusch / Funke Foto Services

Essen. Das Geschäft boomt, in Essen und überall im Ruhrgebiet sprießen Shisha-Bars aus dem Boden. Wasserpfeifentabak zu rauchen ist längst Teil der Jugendkultur in Deutschland.

Der Markt ist riesig, und somit auch die Arbeit für den Zoll Essen. Sie begleiten Razzien in Shisha-Bars und kämpfen gegen die Herstellung und den Schmuggel von illegalem Wasserpfeifentabak.

Essen: So agiert der Zoll gegen illegalen Wasserpfeifentabak

DER WESTEN hat mit Heike Sennewald vom Zollfahndungsamt Essen gesprochen. Sie ist Zollermittlerin seit mehr als 20 Jahren. Im Interview hat sie verraten, wie die Ermittler in ihrer Arbeit vorgehen und wie gefährlich Shisha-Bars sein können.

Frau Sennewald, der Zoll ist gemeinsam mit Polizei und anderen Behörden regelmäßig bei Razzien in Shisha-Bars dabei. Häufig scheint es so, als sei nur ein bisschen unverzollter Wasserpfeifentabak hinterm Tresen. Warum sind solche Sicherstellungen dennoch wichtig?

Zunächst einmal: Die Kontrollen in den Bars werden zur Steueraufsicht von den Kontrolleinheiten und zu sozialversicherungsrechtlichen Prüfungen von der Finanzkontrolle Schwarzarbeit der Hauptzollämter durchgeführt. Wir von der Zollfahndung unterstützen und übernehmen gegebenenfalls die weiteren steuerstrafrechtlichen Ermittlungen.

Die Aussage allein betrachtet ist zu kurz gedacht. Es gibt drei Hauptgründe. Zum einen geht es wie bei der Polizei auch, um Erkenntnisgewinne für uns, was an Produkten auf dem Markt kursiert. Wir arbeiten mit den Ergebnissen, die wir bei solchen Aktionen bekommen. Sie können Ausgangspunkt für neue Ermittlungen sein.

Ein Beispiel: Es wurde Wasserpfeifentabak gefunden, bei dem die Wasserpfeife auf der Verpackung anders gestaltet war. Es stellte sich als Falsifikat heraus. Das war Ausgangspunkt weiterer Ermittlungen. So konnten nach zwei Jahren internationaler Ermittlungen 60 Tonnen illegal in Schweden hergestellten Wasserpfeifentabak sichergestellt werden. Der Steuerschaden lag bei ca. 20 Millionen Euro.

Das ist auch der zweite Punkte: Kampf gegen Steuermissbrauch. Die Anzahl der Shisha-Bars hat sich in zehn Jahren in etwa verdreifacht, man kann damit gut Geld verdienen. Ziel des Zolls und insbesondere der Zollfahndung ist es die rechtstreu agierenden Händler zu schützen und für faire Marktbedingungen zu sorgen. Wer rechtens agiert, soll das auch tun können und geschützt werden.

Drittens geht es um den Verbraucherschutz. Es wird immer mehr Wasserpfeifentabak in illegalen Produktionsstätten hergestellt. Die dort herrschenden Bedingungen sind weit entfernt von denen der legalen Hersteller, insbesondere was „Zutaten“ und Hygienestandards angeht.

Illegal wird der Wasserpfeifentabak schon mal in alten gebrauchten Betonmischern angerührt und den Kriminellen ist es egal, ob der Betonmischer vorher gesäubert wurde oder ob da noch ein paar Brocken alter Beton mit drin liegen.

Ein großes Aufgabenfeld ist der Kampf gegen die illegale Herstellung von Wasserpfeifentabak, die vorwiegend in den Händen von kriminellen Clans ist. Wie muss man sich das vorstellen?

Wir haben letztes Jahr in Langenfeld in einer alten Metallverarbeitungsfabrik eine Produktionsstätte ausgehoben. Das war hygienisch unterirdisch. Da lag Sondermüll herum.

Der Tabak wurde durch einen Häcksler für Gartenabfall gejagt und lag dann auf dem Boden, zusammen mit Elektrokabeln, Putz und Müll. Und das wurde dann zusammengefegt und zu Tabak verarbeitet.

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Findet die Herstellung nur in Deutschland oder auch im Ausland statt?

Sowohl als auch. Wir haben es mit eingeschmuggeltem Originaltabak als auch gefälschten Tabak aus dem Ausland zu tun. Aber auch in Deutschland wird in kleinem und größerem Rahmen Wasserpfeifentabak illegal hergestellt.

Wir haben zum Beispiel auf einem Dachboden in einem Wohnhaus im Essener Norden eine Produktionsstätte gefunden. Da wurde mit einem Propangaskocher mit großen Töpfen auf offener Flamme Tabak hergestellt. Dort konnten wir eine halbe Tonne gefälschten Wasserpfeifentabak sicherstellen.

Man braucht im Vergleich etwa zu einer Indoor-Cannabis-Plantage bei der Herstellung von Wasserpfeifentabak nur „primitives“ Werkzeug. Und die Margen sind hoch.

Großrazzia gegen organisierte Kriminalität

Das Zollamt Essen nahm am Donnerstag eine illegale Fabrik eines Familien-Clans in Langenfeld hoch.
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Wie lukrativ ist das Geschäft mit dem illegalen Shisha-Tabak?

Man bekommt in Herkunftsländern Shisha-Tabak für knapp 10 Euro. Voll versteuert kostet ein Kilo im Handel in Deutschland rund 60 Euro.

Bei illegalem Tabak, der hier hergestellt wird, liegen die Produktionskosten unter 5 Euro. Je nachdem, wie er verpackt wird, lässt sich das für 20 Euro, falls es professionell verpackte, gefälschte Originalware ist, auch für 30 Euro verkaufen.

So kommen die illegalen Hersteller schnell zu einer vier- bis fünffachen Gewinnmarge. Die Margen liegen inzwischen oft höher als im Bereich des Zigarettenschmuggels. Zum Vergleich: Ein Dealer, der Marihuana in Holland kauft und in Deutschland verkauft, kommt nicht auf eine solche Marge.

Doch es gibt weitere Gründe, warum wir eine Zunahme der illegalen Herstellung von Wasserpfeifentabak beobachten. Der Kreis der Konsumenten hat sich in den letzten Jahren vergrößert, Shisha rauchen ist Teil der Jugendkultur geworden, somit hat sich auch der Absatzmarkt vergrößert und es lockt ein größerer Kundenkreis.

Darüber hinaus wird Steuerhinterziehung oft noch immer als eine Art „Kavaliersdelikt“ angesehen, wie zum Beispiel bei den geschmuggelten Zigaretten, man schädigt ja „nur“ den Staat. Aber der Staat sind wir alle… jeder einzelne Bürger. Unsere Schulen, Krankenhäuser, Infrastruktur, Angebote der öffentlichen Hand werden mit Steuereinnahmen finanziert.

Wie reagieren die Shishabar-Betreiber? Wird von ihnen Unwissenheit vorgeschoben?

Bei Erstprüfungen wird sicherlich öfter mal Unwissenheit vorgegeben. Aber wenn die Kollegen von den Kontrolleinheiten der Hauptzollämter bei der zweiten oder dritten Kontrolle immer noch illegalen Wasserpfeifentabak in den Bars sicherstellen, kann keiner sagen, das habe er nicht gewusst. Wir bieten auch Hilfestellung, haben etwa Merkblätter für Shisha-Bar-Betreiber, wie es richtig geht. Das wird auch angenommen.

Die Beanstandungsquoten bei Kontrollen sind hoch. In 80 Prozent der Fälle gibt es bei behördenübergreifenden Kontrollen Beanstandungen. Das kann gefälschter Wasserpfeifentabak, aber auch illegale Beschäftigung oder Nicht-Einhaltung des Mindestlohns sein oder auch nicht ausreichende Belüftungsanlagen. Die rechtstreuen Betreiber stehen unseren Kontrollaktionen positiv gegenüber, da wir zu fairem Wettbewerb beitragen.

Der Konsument weiß nur am Ende nicht, ob er gerade gefälschten, geschmuggelten Wasserpfeifentabak raucht.

Im vergangenen Jahr ist auch die Zahl der Sicherstellungen des Essener Zolls in diesem Gebiet um 80 Prozent gestiegen. Wie erklärt sich der Anstieg?

Wir haben in 2018 große Ermittlungsverfahren geführt und drei sehr große Sicherstellungen in Oberhausen, Langenfeld und Aachen-Würselen verzeichnet. Dieses Jahr wurden bereits zwei illegale Wasserpfeifentabakproduktionen in Essen und ganz aktuell in Duisburg ausgehoben. Die sichergestellten Vormaterialien in Duisburg hätte für die Produktion von circa einer Tonne illegalem Wasserpfeifentabak gereicht, der auf den Markt gekommen wäre. (hier alle Infos dazu)

Also sicher ist: Der Absatzmarkt für illegalen Tabak ist größer geworden. Der Markt boomt, das Konsumentenfeld kam zu Beginn überwiegend aus dem arabischen, türkischen und nordafrikanischen Raum. Mittlerweile ist daraus eine Jugendkultur geworden. Es gibt Fachforen, Messen, Social-Media-Gruppen, ständig neue Produkte, Geschmackssorten. Die Bars sind attraktiv, Treffpunkte für Jugendliche.

Wir haben als Zoll auch nichts dagegen, dass Shishas geraucht werden und die Bars als Treffpunkt dienen, aber bitte unter Beachtung der gesetzlichen Vorschriften und auf keinen Fall zur Unterstützung organisierter Verbrechensstrukturen. Denn genau gegen diese gehen wir als Zollfahndung vor!

 
 

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