Essener Wirtschaft ist empört über „Herdprämie“

Christina Wandt
Essener Unternehmenwehren sich gegen das geplante Betreuungsgeld.
Essener Unternehmenwehren sich gegen das geplante Betreuungsgeld.
Der Essener Unternehmensverband fürchtet eine Verschärfung des Fachkräftemangels, wenn Frauen mit Kindern zu Hause bleiben. Hintergrund ist das von der Bundesregierung geplante Betreuungsgeld („Herdprämie“), das Eltern erhalten sollen, die ihre Kinder nicht in Kitas geben.

Essen. Die im Essener Unternehmensverband (EUV) zusammengeschlossenen Firmen wehren sich entschieden gegen das von der Bundesregierung geplante Betreuungsgeld („Herdprämie“), das Eltern erhalten sollen, die ihre Kinder nicht in Kitas geben. „Das konterkariert all unsere Bemühungen, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu verbessern und Frauen einen schnelleren Wiedereinstieg in den Beruf zu ermöglichen“, sagt EUV-Hauptgeschäftsführer Ulrich Kanders.

Seit einiger Zeit kehre die Mehrzahl der Frauen spätestens nach sechs Monaten an den Arbeitsplatz zurück. „Manche zunächst in Teilzeit; aber es gibt auch zunehmend Mütter, die sofort wieder eine Vollzeitstelle wahrnehmen.“ Angesichts des sich verschärfenden Fachkräftemangels hätten die Unternehmen viel getan, um gut ausgebildete Mütter im Betrieb zu halten. Die Palette reiche von Betreuungsangeboten und Betriebs-Kitas über Heimarbeitsplätze bis hin zu flexiblen Arbeitszeitmodellen. „Da ist das Betreuungsgeld ein schlimmer Rückschritt, weil es völlig falsche Anreize setzt.“

„Heute werben viele Unternehmen um die Mütter“

Besorgt hätten sich jüngst auch die Teilnehmer einer Personalleiter-Runde des Verbandes geäußert, so Kanders. „Schon jetzt kann jedes vierte unserer Mitgliedsunternehmen Fachkräftestellen nicht besetzen. Nun fürchten die Personalverantwortlichen, dass sie in Zukunft viele junge Mütter verlieren werden.“ Denn je länger eine Frau in Elternzeit gehe, desto unwahrscheinlicher sei es, dass sie überhaupt an den Arbeitsplatz zurückkehre.

„Wir konnten das doch jahrzehntelang beobachten“, argumentiert Kanders. „Da machten die Frauen eine akademische Ausbildung, bekamen dann zwei oder drei Kinder, blieben zu lange zu Hause und konnten beruflich nie wieder Fuß fassen. Am Ende waren gut qualifizierte Frauen gerade fünf Jahre lang berufstätig – das war eine Schande. Heute werben viele Unternehmen um die Mütter.“

Flexible Arbeitszeiten

Beispielhaft könne man das in der IT-Branche beobachten, in der Fachpersonal seit geraumer Zeit fehlt. Darum sucht etwa der Geschäftsführer des mittelständischen Unternehmens GFOS, Burkhard Röhrig, mit allen (werdenden) Müttern das Gespräch – und eine individuelle Arbeitsplatzbeschreibung. „Wir haben keine verbindlichen Standards festgelegt, sondern schauen uns jeden Fall an. Je nach Job kann mehr oder weniger Arbeit am heimischen PC und am Telefon erledigt werden“, betont GFOS-Pressesprecherin Miriam Czepluch. Die Personalreferentin etwa müsse nur mindestens zweieinhalb Tage pro Woche ins Büro kommen.

Die flexiblen Arbeits- und Präsenzzeiten haben sich nicht nur für die 150 Mitarbeiter ausgezahlt, sondern auch für die Firma. „In den vergangenen Jahren hat kaum je eine Mutter die drei Jahre Elternzeit ausgeschöpft. Die Frauen wollen den Anschluss behalten und kehren gern zu uns zurück.“ Mit dem Betreuungsgeld, so die Befürchtung auch bei GFOS, könnte das anders werden.

„Das Geld würde man besser in den Ausbau der Kinderbetreuung investieren“, heißt es darum beim EUV. Davon würden nicht nur berufstätige Eltern, sondern auch die Kinder profitieren, vor allem wenn sie aus bildungsfernen oder ausländischen Familien stammen. Wie sagt Kanders: „Sie sind schließlich die Fachkräfte von morgen.“