Essener Tanz-Festival endet an ungewöhnlichen Orten

Tänzerin Lenah Flaig bei ihrer Choreografie „Hertylandia reloaded“ in einem der Lichthöfe im Museum Folkwang.
Tänzerin Lenah Flaig bei ihrer Choreografie „Hertylandia reloaded“ in einem der Lichthöfe im Museum Folkwang.
Foto: Ulrich von Born
  • Live-Performances gab es in den Lichthöfen des Folkwang Museums und im Grugabad
  • Das Publikum reagierte an den Schauplätzen begeistert und teilweise überrascht
  • Schon an den ersten beiden Abenden in der Casa hatte es viel Applaus für die Künstler gegeben

Essen.. Dass „638 Kilo Tanz und andere Delikatessen“ ein Festival mit hoher Beweglichkeit ist, das haben die Essener Choreografinnen Jelena Ivanovic und Sabina Stücker seit zehn Jahren bewiesen. Unterschiedliche Bühnen zu bespielen, neue Räume zu erobern, Nachwuchs-Künstlern eine Plattform zu geben, das gehört zum Konzept dieser ebenso unkonventionellen wie publikumsnahen Reihe, die auch kulinarisch immer wieder geschmackvoll aufgefallen ist.

Zum vorläufigen Abschied dieses erfolgreichen Formats eroberten die zwei experimentierfreudigen Festival-Macherinnen jetzt noch einmal ganz neue Auftrittsorte. Mit einem stimmungsvollen Gastspiel im Grugabad endete Samstag das viertägige Programm.

Kunst der Bewegung in andächtiger Stille

Neben dem Tanz im Mondschein am Beckenrand sorgten auch das Gastspiel im Museum Folkwang für besondere Tanzmomente. Da wurden die Lichthöfe des schicken Chipperfield-Baus zur Bühne, verdichtete sich der Tanz zur manchmal stimmungsvoll-meditativen, manchmal fast pantomimisch-erzählerischen Kunst der Bewegung in andächtiger Stille. Ein anregendes Spiel von Drinnen und Draußen, von Statik und Bewegung im Dialog von Tänzer, Skulptur und Betrachter – und nicht zuletzt die Umsetzung des Folkwang-Gedankens par excellence. Das begeisterte nicht nur Besucher wie die Niederländerin Chriss Kalkmann, die selber im Tanz arbeitet und von der Museums-Performance angetan war. Viel Applaus hatte es auch schon an den ersten beiden Abenden in der Casa des Schauspiel Essen gegeben, wo sich der zeitgenössische Tanz wieder in vielerlei Facetten präsentierte, nachdenklich, kraftboll, poetisch, aber auch politisch. In „Leviah“ beispielsweise erzählt Reut Shemesh, die selber zwei Jahre in der israelischen Armee gedient hat, höchst berührend von Frauen im Militär und der erdrückenden Routine der Armeezeit.

Das Festival eröffnete die renommierte Schweizer Tänzerin und Choreografin Lea Moro mit ihrer Solo-Performance „Le Sacre du Printemps“. Ein gewagtes Unternehmen, hat man doch eine Reihe atemberaubender Vorbilder im Kopf. Doch Lea Moro schafft es, Strawinskys Werk mit explosiver Kraft auf lange Strecken zu vertanzen. Sie schlüpft in diverse Rollen, ist Tänzerin, ist Ensemble, alter Mann, Hexe und Bär. Todesvisionen werden als Texte auf die Wand geworfen, Nebelschwaden wabernd durch den Raum. Ihr wildes Outfit, die schwarzen langen Haare, die teilweise schwarze Gesichtsbemalung sowie die Unermüdlichkeit ihres erschöpfenden Tanzes unterstreichen dabei die archaische Handlung der Opferung.

Viel Applaus beim Auftakt in der Casa

Im zweiten Teil des Abends zeigte das Choreografenkollektiv Deborah Gassmann und Hyun Jin Kim – beide Folkwangabsolventen – das Werk „soom – Die Jagd“. Sie schöpfen die Technik der multimedialen Möglichkeiten voll aus und setzen den Zuschauer und Hörer einem sensorischen Overloading aus.

Videobilderfluten von Menschenmassen, von katastrophalen Zuständen, von Mord und Totschlag, dazu durchdringende, elektronische Live-Musik vom Keyboard (Philipe Burrell) stürzen über die beiden Tänzerinnen ebenso wie über die Zuschauer herein. Eine der Tänzerinnen schnürt der anderen die Luft ab. Dabei geht es um „Atmen“, wie die Übersetzung des koreanischen Titels „soom“ verrät. Das Atmen kann dabei zum „Beatmen“ geraten. - Tanz als Abbild unserer Welt der täglichen Schreckensbilder.

 
 

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