Essener Straßenkinder treffen Ministerin Manuela Schwesig

Zurück von der Konferenz aus Berlin: Vor der Notschlafstelle „Raum_58“ berichten (von links) Einrichtungsleiterin Manuela Grötschel, die Straßenkinder Jasmin, Pascal, Anni und Manuel sowie die Mitarbeiterinnen Katja Barthel, Rebecca Weber und Maike van Ackern über den Erfahrungsaustausch in der Hauptstadt.
Zurück von der Konferenz aus Berlin: Vor der Notschlafstelle „Raum_58“ berichten (von links) Einrichtungsleiterin Manuela Grötschel, die Straßenkinder Jasmin, Pascal, Anni und Manuel sowie die Mitarbeiterinnen Katja Barthel, Rebecca Weber und Maike van Ackern über den Erfahrungsaustausch in der Hauptstadt.
Foto: FUNKE Foto Services
Die Notschlafstelle „Raum_58“ organisierte zum zweiten Mal eine Fahrt zur bundesweiten Konferenz in Berlin. Ziel: Mitbestimmen statt im Abseits zu stehen.

Essen.. Schätzungsweise 200 heranwachsende Essener – die jüngsten erst dreizehn – teilen dieses schwere Los: Sie leben auf der Straße. Die Wege dieser Straßenkinder kreuzen sich meistens im „Raum_58“, der Essener Notschlafstelle auf der Kastanienallee. Ausgerechnet diejenigen, die im gesellschaftlichen Abseits stehen, fanden jetzt auf höchster politischer Ebene Gehör: Bei der zweiten Konferenz der Straßen- und Flüchtlingskinder in Berlin trafen vier Essener Straßenkinder Bundesjugendministerin Manuela Schwesig.

Anni (21) aus Essen hat die Spitzenpolitikerin als locker und authentisch erlebt: „Manuela Schwesig kam direkt auf mich zu und fragte ‘Hey, wie heißt du?’“. Interessiert erkundigte sich Manuela Schwesig daraufhin nach Annis persönlicher Situation und nach ihrer Biografie, aber auch nach ihren Hoffnungen und Wünschen, nach ihren Erfahrungen mit Flüchtlingskindern und den Mitarbeitern des Jugendamtes. „Sie hat sich eifrig Notizen gemacht.“

Großes Engagement für Straßenkinder im Ruhrgebiet

Pascal (18), aufgewachsen in Altenessen, hat bis zum 15. Lebensjahr bei seinen Eltern gelebt. „Ich fing an zu kiffen und hatte Streit mit meinen Eltern.“ Die Hauptschule hat er schon nach der achten Klasse geschmissen und der Bruch mit Eltern, so glaubt er, sei im Moment nur schwer zu kitten. „Ich habe die letzten sieben Monate auf der Straße gelebt und seit September eine eigene Wohnung in Altendorf, die das Jobcenter bezahlt“, erzählt er.

Auf dem Berliner Straßenkinder-Kongress habe er Gleichaltrige aus ganz Deutschland getroffen – und dabei die Erkenntnis gewonnen, dass das Ruhrgebiet mit Notschlafstellen wie „Raum_58“ in Essen oder „Sleep In“ in Dortmund sehr viel weiter ist im Engagement für Straßenkinder als andere deutsche Großstädte wie etwa München.

Obwohl hoch verschuldet steht Essen treu zu seinem Engagement für die gemeinsam mit dem Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) getragene Notschlafstelle: Die Stadt trägt 60 Prozent der Kosten, die anderen 40 kommen durch Spenden zusammen.

Die etwa 20.000 Straßenkinder in ganz Deutschland blicken auf weitgehend identische Lebensläufe zurück – meistens in zerrütteten Familien, in denen Suff und Drogen, Missbrauch und Faustschläge die Kindheit und manchmal das ganze Leben ruinieren.

Jugendliche wollten gefragt werden

Wer sein ganzes Leben lang hin- und hergeschubst wird, sehnt sich danach, sich endlich mit eigenen Vorstellungen einbringen oder gar mitbestimmen zu können. Genau darin liegt wohl die Stärke der Berliner Konferenz. „Die Jugendlichen wollen gerne gefragt werden und sagen können, was sie brauchen und was sie nicht wollen“, betont „Raum_58“-Leiterin Manuela Grötschel vom SkF.

Die kleine Einrichtung auf der Kastanienallee 58 – zwischen dem Einkaufscenter und der Kreuzeskirche gelegen – verfügt über acht Betten und bewältigt 1500 Übernachtungen im Jahr. Eine Kapazität, die manchmal nicht mehr ausreicht, erst recht nicht, seitdem auch verzweifelte Flüchtlingskinder auf die Schelle drücken. „Wir standen neulich schon mal zu sechzehnt draußen vor der Tür“, berichtet Anni, die sich vor zwei Jahren von der Familie gelöst hat, seit zwei Monaten nahezu täglich hier aufschlägt und wohl bald festen Boden unter den Füßen haben wird.

Nach dem zweiten Berlin-Trip macht sich bei den Essener Straßenkindern nach anfänglicher Skepsis zunehmend die erfreuliche Erkenntnis breit, dass die Konferenz helfen kann, das Leben auf der Straße besser zu meistern. Ein kleines Erfolgserlebnis: Letztes Jahr schaute der Jugendhilfeausschuss in der Notschlafstelle vorbei und seit einiger Zeit findet auch eine Mitarbeiterin des Jobcenters den Weg in den „Raum_58“, um bürokratische Knoten an Ort und Stelle zu lösen.

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