Essener Pottlappen hängen sogar in Afrika und China

Praktisch, unempfindlich und schön anzusehen: Barbara Lange ist bis heute stolz auf die Produktion ihre Essener „Pottlappen“.
Praktisch, unempfindlich und schön anzusehen: Barbara Lange ist bis heute stolz auf die Produktion ihre Essener „Pottlappen“.
Foto: FUNKE Foto Services
Seit 15 Jahren näht Barbara Lange aus Grubenhandtüchern Ruhrgebiets-Souvenirs, die weltweit gefragt sind. Jetzt beendet die Pionierin ihre Produktion.

Essen. Der Pott kocht. Aber er bekommt keine neuen Lappen mehr. Zumindest nicht die aus feinstem, blaugrauweiß gemustertem Bergmanns-Karo. 15 Jahre lang hat Barbara Lange die praktischen Küchenhelfer auf Maß geschnitten, genäht und in alle Welt verschickt. Heute hängen die Lappen aus dem Pott an Küchenhaken in der ganzen Welt, von Namibia bis Neuseeland, von China bis Australien. Selbst im Folkwang-Museum und im Freilichtmuseum Hagen haben sie Konjunktur. Doch mit 75 hat Barbara Lange die Ein-Frau-Produktion jetzt an den Nagel gehängt. Sollte sich kein passender Nachfolger finden, der das Label abkauft, ist vor dem Bergbau auch noch der Lappen aus dem Pott Geschichte.

Ein Stück Industriekultur zum Mitnehmen, ein Souvenir aus dem Ruhrgebiet, das so ist, wie die Schonnebeckerin sich Mitbringsel vorstellt: praktisch, unempfindlich und dabei schön anzusehen. Muss man erst mal draufkommen. Die Essenerin hat ihre „Pottlappen“ entwickelt, als es noch kein Weltkulturerbe Zollverein gab, als die Marketing-Maschine noch nicht angelaufen war, und das Revier vom Frühstücksbrettchen bis zum Seifenstück vermarktet. Barbara Langes Pott-Lappen kommen nicht aus einem hippen Design-Büro, sondern mitten aus dem Leben.

Produktionsnische gefunden

Anfang des Jahrtausend nämlich war Lange eine früh verwitwete Mutter von drei Kindern, Hausbesitzerin mit Hypothek, die ihr Geld verdienen musste. Anfangs hat sie die Kinderzimmer oben unterm Dach an erste Zollverein-Besucher vermietet: Zwei Zimmer, drei Betten und jede Menge unvergessliche Begegnungen. Das Paar aus Japan, das spät abends vor der Tür stand, das Ehepaar aus England, das drei Weihnachten hintereinander kam, der Zeit-Journalist, der später die positive Zeile verfasste: „Dat isset!“ „Mein Gästebuch ist voller Liebeserklärungen“, erinnert sich die Schonnebeckerin.

Die Gäste, die wieder gingen, wollten gerne etwas mitnehmen. Aber außer einer Kaffeetasse mit der Aufschrift „Der Pott kocht“ waren Souvenirs damals noch Mangelware. „Das kann es doch nicht gewesen sein“, befand Barbara Lange und kam auf die Sache mit dem umgearbeiteten Grubenhandtuch. Die ersten 30 Paare hat sie fürs Zechenfest genäht. Über den Preis – 29,50 Mark – hätte mancher damals erst gelacht, erinnert sich die Essenerin. Am Ende des Tages aber waren alle Pott-Lappen weg. Und eine Produktionsnische gefunden, die sich Lange rechtzeitig mit Copyright und Patent hat schützen lassen.

„Im Kulturhauptstadtjahr wäre ich wohl zu spät dran gewesen.“ So aber wurden ihre karierten Küchenquadrate ein Renner des „Design Kiosk“ von Ruhr.2010 – international gefragt. Eine Schürze und ein Fensterrausguckkissen sind später noch dazugekommen. Alles handgemacht an der guten alten Nähmaschine, der Barbara Lange zur Abschlussparty sogar eine Ode gewidmet hat. Die Party musste sein, um wirklich Schluss zu machen, jetzt mit 75. „Sonst hätte ich doch weitergenäht. Ich kenn mich ja.“

„Man muss hier schon aufgewachsen sein“

Wie viele tausende Pott-Lappen die Essenerin in den vergangenen Jahren genäht hat? Lange hat nicht gezählt. Wie soll man auch, wenn man Produktion, Geschäftsführung, Vertrieb und Marketing in Personalunion leitet. „Gelernt“, lächelt die ausgebildete Einzelhandelskauffrau, „habe ich ja eigentlich nichts davon.“ Aber entwickelt hat sie eine Menge. „Man muss hier schon aufgewachsen sein, sonst kommt man nicht auf die Idee“, glaubt Lange, deren Großvater, Onkel und Cousins auf Zollverein eingefahren sind. Heute schaut sie zufrieden auf die Entwicklung: „Ich hab fürs Image des Essener Nordens schon einiges gemacht.“

 
 

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