Essener Müll-Lader müssen sich ein dickes Fell zulegen

Charleen Florijn
Ein eingespieltes Team: (v. li.) Chaid Allali, Werner Martin und Frank Semme halten die Stadt sauber. Sie sind Mülllader bei den Essener Entsorgungsbetrieben.
Ein eingespieltes Team: (v. li.) Chaid Allali, Werner Martin und Frank Semme halten die Stadt sauber. Sie sind Mülllader bei den Essener Entsorgungsbetrieben.
Foto: Charleen Florijn
Zehn Tonnen Biomüll sammeln die Mülllader um Fahrer Werner Martin täglich aus dem Revier. Dabei bleibt die eine oder andere Tonne auf der Strecke.

Essen. Zwei gelb-grüne Männchen erscheinen in den Ecken des kleinen Bildschirms neben dem Lenkrad. Ihr Kopf ist rot. Die ausgestreckten Arme halten eine schwarze Stange. Werner drückt aufs Gas. Jetzt weiß er, Frank und Chaid sind aufgesprungen. Ein Blick in den Seitenspiegel bestätigt: dort stehen die beiden auf ihren Trittbrettern. Es kann weitergehen.

Früher war die Stadt Essen für Müllentsorgung zuständig

759 braune Tonnen stehen heute am Straßenrand in Karnap. Zehn Tonnen Biomüll. Zwei Schichten für die Männer in den neonorangen Anzügen.

Werner Martin, Frank Semme und Chaid Allali sind Urgesteine im Abfall-Geschäft. Seit mehr als 20 Jahren halten die drei Essen sauber. Zuerst nur ohne Fahrzeug. „Als Straßenkosmetiker“, erinnert sich Werner. Heute sitzt er hinterm Lenkrad eines weißen Müllwagens, während Frank und Chaid abwechselnd ab- und aufspringen.

Die Müllwagen in Essen waren nicht immer weiß. Als die Stadt noch zuständig war, verschwand der Abfall in orangefarbenen Fahrzeugen. Die Entsorgungsbetriebe Essen wollten sich schnell davon abgrenzen und entsorgen lieber in Weiß.

Jeder Handgriff sitzt, die Abläufe sind nach Jahren routiniert

Ein quietschgelbes Fahrrad hält und fröhlich hebt die junge Postbotin ihre Hand zum Gruß. Man kennt sich im Karnaper Revier. In der nächsten Straße wartet ein alter Herr. Ungeduldig steht er vor seiner Tonne, ausgeleierte Hosenträger halten die braune Cordhose. „Den kennen wir schon, der wartet hier öfter. Es kommt nicht selten vor, dass die Leute auf ihre Müllabfuhr warten“, sagt Werner.

Auf dem kleinen Bildschirm in der Fahrerkabine seines Lasters beobachtet der 52-jährige Fahrer die geübten Bewegungen seiner Kollegen. Mit schnellen Griffen karren die Mülllader die braunen Tonnen den Bordstein herunter, haken sie in den Kamm ein, dann hebt der Lifter die volle 120-Liter-Tonne an. Ein routinierter Ablauf.

Ein Ruckeln erschüttert das gesamte Fahrzeug, als der Schwenkarm die schwere Tonne in die Senkrechte wirft. „Der Fahrkomfort ist ein ganz anderer mittlerweile“, so Werner, „da geht nicht mehr jedes Rütteln direkt ins Kreuz.“

Für eine Straße brauchen die drei Mülllader wenige Minuten

Für eine Straße braucht das eingespielte Team um Fahrer Werner nur wenige Minuten. Ungeduldige Autofahrer und riskante Überholmanöver bleiben trotzdem nicht aus. „Als Müllabfuhr steht man immer im Weg“, sagt der Familienvater und zuckt mit den Schultern. Über die Zeit hat er sich ein dickes Fell zugelegt: „Wenn du dich über jeden Furz aufregen würdest, wäre das nicht der richtige Job.“

Ein beißender, leicht süßlicher Geruch hat sich über die Jahre in die Sitzpolster gefressen. Whitney Houston schallt aus den Lautsprechern, da schrillt plötzlich das Telefon, Ralf aus der Zentrale ruft an. Agnesstraße, ja. Tonne vergessen? Okay. Jetzt noch nach Rüttenscheid? Riesenumweg. Werner denkt angestrengt nach. Ganz einfach, Ralf, der Müll kommt in einen Sack, den holen wir beim nächsten Mal ab. Zufrieden legt Ralf auf.

Zwischendurch fällt eine geleerte Tonne in den Müllwagen

In der Zentrale herrscht Hochbetrieb. Die langen braunen Haare locker im Nacken zusammengebunden lehnt Ralf Brinkmann im Bürostuhl, eine Hand auf der Maus, die andere immer mal wieder am Telefon. Wenn ein Anrufer sich bei der Service-Hotline beschwert, dann ist Ralf meist der erste Ansprechpartner. Als Betriebsmeister koordiniert er die Teams und regelt die Müllsammlung in seinem Bezirk.

Schon wieder klingelt das Telefon, weil eine Tonne nicht geleert wurde. Ralf schickt jemanden hin. Problem gelöst. Im nächsten Telefonat geht es um eine graue Tonne. Sie ist beim Entleeren aus Versehen in den großen Bauch des Müllwagens gefallen und vollkommen demoliert worden.

Mülltonnen können tatsächlich in die Öffnung fallen. Die Presse zerlegt sie meist komplett. Den Besitzer informieren die Lader aber nicht. Die Info geht weiter an Ralf, der sie dann in ein Computerprogramm einträgt und eine Ersatztonne beantragt. Wenige Tage später steht sie in der Einfahrt. Früher lief alles über ein Karteikartensystem.

Täglich gehen bis zu 20 Beschwerden in der Zentrale ein

Täglich gehen bei der Service-Hotline zwischen zehn und 20 Beschwerden ein. Dann schaut Ralf in seinen Daten und klärt die Sachlage. Die Fahrer dokumentieren penibel, zu welcher Uhrzeit sie in welcher Straße sammeln. So lassen sich Missverständnisse schnell aus dem Weg räumen. „Die meisten Anrufer verpennen es, die Tonnen rauszustellen“, weiß der ehemalige Müllsammler, „die denken sich dann, naja, rufst du halt mal an, vielleicht kommen se ja zurück.“

Zurück im Wagen erzählen die Männer, was früher war. Früher, da schraubte Werner noch an Autos herum, da band Frank Bücher, früher da studierte Chaid in Marokko englische Literatur. Ja und heute? Für heute heißt es Feierabend. Morgen geht es dann von vorne los mit der Müllabfuhr.

Stipendiaten der Adenauer-Stiftung schreiben über Essen

Dieser Artikel ist Teil der Reihe „Essen im Wandel – ein Blick von außen“. Sie wird von Stipendiaten der Konrad-Adenauer-Stiftung gemeinsam mit der Essener Lokalredaktion gestaltet. Elf junge Journalisten, die aus ganz Deutschland kommen und bereits erste Berufserfahrungen gesammelt haben, verfassen in den nächsten Tagen und Wochen Berichte und Reportagen über Themen aus unserer Stadt. Die Redaktion wünscht viel Spaß beim Lesen!