Essener „Lohengrin“: „Wie große Politik im Kleinen entsteht“

Ein Scheiterhaufen auf der Bühne symbolisiert für Tatjana Gürbaca, Regisseurin der Wagner-Oper „Lohengrin“, die Unordnung im Lande Brabant. Foto:Kerstin Kokoska
Ein Scheiterhaufen auf der Bühne symbolisiert für Tatjana Gürbaca, Regisseurin der Wagner-Oper „Lohengrin“, die Unordnung im Lande Brabant. Foto:Kerstin Kokoska
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Regisseurin Tatjana Gürbaca inszeniert „Lohengrin“ am Aalto-Theater. In Richard Wagners wohl tragischster Oper verbindet sie große Emotion mit Politik.

Essen.  „Nie sollst du mich befragen, noch Wissens Sorge tragen, woher ich kam der Fahrt, noch wie mein Nam und Art“, singt Lohengrin eindringlich. Elsa von Brabant willigt ein, fragt dennoch und die Tragik nimmt ihren Lauf. „Sie kann nicht anders“, sagt Tatjana Gürbaca und weiß, wovon sie spricht. Die Regisseurin, die ihre Figuren bis in die dunkelsten Ecken ausleuchtet, wurde für ihre präzisen, scharfsinnigen und kreativen Inszenierungen gefeiert, als beste Regisseurin ausgezeichnet und mit dem International Opera Award für ihren „Parsifal“ bedacht. Jetzt haucht sie Wagners „Lohengrin“ am Aalto-Theater Leben ein.

Die Tochter einer italienischen Mutter und eines türkischen Vaters wuchs in Berlin zwischen zahlreichen Besuchen der Deutschen Oper mit Arbeiten des Musiktheater-Erneuerers Götz Friedrich auf. Sie tanzte, spielte Klavier, Cello und Kontrabass in Orchestern und Jazzbands, studierte Kunstgeschichte und Literaturwissenschaft, bis sie das Studium der Opernregie entdeckte: „Bei Peter Konwitschny habe ich gelernt, wie man Musik befragt, und das genaue inhaltliche Arbeiten, bei Ruth Berghaus, wie man einen Faden spinnt und nicht nur Ideen aneinanderreiht“, erzählt Tatjana Gürbaca.

Die Lust an der Fülle, die sie stets faszinierte, haben sie ihr mitgegeben, und den Willen, sich nie zufriedenzugeben, nie stehen zu bleiben. Sie hat ihren eigenen Weg gefunden. Schwer sei das nie gewesen, meint sie. Auch nicht als Frau in einer immer noch von Männern dominierten Branche. „Man kann alles erreichen, wenn man an das glaubt, was man macht“, sagt sie mit ungebremster Begeisterung 15 Jahre und rund 50 Inszenierungen nach ihrem Debüt. „Was man nicht lernen kann, ist der Lebensrhythmus weit weg von zu Hause. Gut, dass wir unsere Teams haben. Das sind unsere Familien. “

Drei Jahre war sie Operndirektorin in Mainz. Nun weiß sie umso besser, dass sie nur freiberuflich Regie führen will, und ist dabei eine leidenschaftliche Teamspielerin: Konstruktiv nennt sie die Zusammenarbeit mit Generalmusikdirektor Tomáš Netopil. Mit der „absoluten Traumbesetzung“ lässt sie die Figuren dreidimensional werden und stattet sie mit psychologischem Futter aus. Sie will wissen, wie der Sänger fühlt, entdeckt mit Jessica Muirhead die frische wie die reife Elsa, mit dem schwedischen Gasttenor Daniel Johansson den Lohengrin, der seine unbedingte Liebe nicht gewinnen kann, mit Katrin Kapplusch die hellsichtige Ortrud, mit Heiko Trinsinger den glühenden Feldherrn Telramund. Bis in den Tod will sie seine Lebensenergie, sein Feuer spüren.

Die 43-Jährige denkt Richard Wagners romantische Oper von 1850 aus dem Hier und Jetzt. Das Märchenhafte fließt zwar ein. Aber: „Ich erzähle Stücke, weil ich etwas über unsere Welt erzählen will“, erklärt Tatjana Gürbaca. Es spielt in Brabant, einem Land, wo die Unsicherheit herrscht - „wie heute in Europa“. Da bedeutet Elsas Versprechen an Lohengrin eben nicht nur eine private Wahl für den Mann, der sie von der Mordanklage an ihrem Bruder Gottfried erlösen und heiraten könnte. Ihre Entscheidung betrifft zugleich die Führung ihres Landes. „Es zeigt, wie die große Politik im Kleinen entsteht.“

Wie Elsa macht jede Figur eine schmerzhafte 180-Grad-Wendung durch. Selbst der verwunschene Gottfried, der als Schwan einen Ritter durch das Wasser zieht, jedoch in Jungengestalt bleibt. Dieser Wendung sind auch Kostüme und Bühne unterzogen. Enge und Weite, zu hohe Stufen, zu kleine Häuser oder ein Scheiterhaufen kennzeichnen einen Ort, an dem es unmöglich ist, zu leben. „Das tragischste Ende, das man sich vorstellen kann“, naht unausweichlich.

Wenn die vernichtende Frage gestellt ist, wird die Regisseurin weiterziehen. Mit Zwischenstopps in Berlin, wo sie mit ihrem Mann lebt, geht es nach Bremen, Zürich, Wien, Halle, Antwerpen weiter. Die nächsten drei Jahre ist sie ausgebucht. Und ruft Bayreuth schon? „Diese Frage“, sagt sie, „stellt sich derzeit nicht.“

 
 

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