Essener Künstler will Gehirnmodell der Medizin zur Verfügung stellen

Das künstliche Gehirn-Modell soll in den Dienst von Medizin oder Wissenschaft gestellt werden.
Das künstliche Gehirn-Modell soll in den Dienst von Medizin oder Wissenschaft gestellt werden.
Foto: Alexandra Roth
Künstler Lex Spielmann hat die Schaltstelle des Nervensystems nachgebaut und will das Werk in den Dienst der Medizin stellen. 2010 zeigte er seine Schöpfung erstmals öffentlich, hat dann weiter daran gearbeitet. Nun möchte er es an Medizin oder Wirtschaft vermieten.

Essen.. Klack-klack, klack-klack – wie ein Metronom geben die Geräusche der Dialyse-Pumpen den Rhythmus vor. Hier und dort blinkt ein farbiges Licht, während sich im Inneren des merkwürdigen Gebildes ein Wust von Schläuchen windet, in denen sich impulsartig gefärbtes Wasser bewegt. In der Dunkelheit des ehemaligen Teppich-Lagers an der Schützenbahn 37 scheint das Knochengerüst aus Bauschaum fast zu schweben.

Seine Form ist unverkennbar dem eines menschlichen Gehirns nachempfunden, dessen Töne, Signale und Informationsströme wiedergegeben werden – mit einem entscheidenden Unterschied: Die Schaltzentrale für diesen Organismus befindet sich außerhalb, in einem Schrank am Ende des Raumes. Dort steht sein Schöpfer Lex Spielmann und überprüft den Druck auf den Schläuchen seines „Simulacrum“ – dem Kunst gewordenen überdimensionierten Organ.

Idde entstand schon 2004

Es dampft, es knattert, es zischt – der 49-jährige Bildhauer lässt sich davon nicht beirren, auch wenn sein Kind gerade etwas störrisch ist. „Keine Sorge, das ist nicht giftig“, sagt er und zeigt auf die neongrüne Flüssigkeit, die sich auf dem Boden zu einer Pfütze gesammelt hat. Die Idee zu dem Projekt hatte er schon 2004.

Im Jahr 2010 gab es dann auch einen Anlass, sie zu verwirklichen. „Ich hatte eine Einladung, mich mit einem Werk an der langen Nacht der Industriekultur zu beteiligen“, sagt er und wischt sich die Hände an seiner schmuddeligen Cord-Arbeitshose ab. Das Thema lautete Energieeffizienz – was Spielmann auf die Idee brachte, ein Hirn zu bauen. „Es war aber nie geplant, dass es wie das Original aussieht.“ Spielmann ist fasziniert vom „Rechenwerk“ des Menschen, wie er es nennt. 2010 zeigte er sein Werk erstmals öffentlich, hat dann weiter daran gearbeitet.

Gehirn reagiert auf Zuschauer

Betrachter kommen sich vor wie in einer Mischung aus Geisterbahn, Science-Fiction-Film und Reise ins eigene Ich. Bewegungsmelder im Raum sorgen für Interaktion mit dem Zuschauer, lösen Lichtwechsel aus und beschleunigen die Arbeit des Hirns. „Je mehr Leute drum herum gehen, desto hektischer wird’s.“

Vier Jahre lang habe er sich mit dem Material Bauschaum beschäftigt. Da mag man kaum glauben, dass er die Herstellung der Schädelplatte mit dem „Schnittmuster eines Mode-Kostüms“ vergleicht. „Ich hab’ erst mal alles auf den Boden in meinem Atelier gesprüht und den Prozess des Abbindens verzögert, um es formen zu können“, erklärt der gebürtige Niederbayer.

Der Bau des künstlichen Gehirns war problematisch

Nun hängt das rund 220 Kilogramm schwere Konstrukt an einem Haken an der Decke. Auf 400 Flaschen mal 0,75 Liter schätzt er seinen Schaum-Verbrauch. 600 Meter Schlauch hat er im Inneren und für die „Aorta“ zum Schaltraum verarbeitet. „60 Liter Wasser bewegen die Pumpen durch das System“, beschreibt er die Darstellung von Synapsen und elektrischen Impulsen. So einfach, wie sein Kunst-Hirn nun funktioniert, war die Einrichtung aller Funktionen allerdings nicht.

„Die Theorie war hervorragend, aber die Praxis war ein Problem“, so der Künstler. Er holte sich Hilfe von einem Professor der Universität. „Das, was Sie hier machen, können wir gar nicht berechnen“, erinnert sich Spielmann an dessen Aussage, als es um die genaue Steuerung der Flüssigkeit ging. Diese funktioniert über ein eigens geschriebenes Computerprogramm, dessen Benutzer-Oberfläche quasi als Fernsteuerung dient. Zumindest sieht es so aus, wenn Spielmann per Funkverbindung mit einem Tablet-PC an den einzelnen Funktionen herumspielt.

Spielmann will Gehirn vermieten

Als abgeschlossen sieht er sein Projekt nicht. „Man könnte noch dieses und jenes machen, denn es lernt wie ein kleines Kind“, sagt er lachend. Viel Geld habe er auch in das Werk gesteckt. „Unterschiedlichste Menschen haben mich unterstützt, auch bei der Verwirklichung.“ Eigentlich sei er gelernter Steinmetz, mit Elektrik und Elektronik habe er nichts am Hut.

Eine genauere Vorstellung hat er dagegen davon, wie sein Kunstwerk genutzt werden könnte. „Ich möchte es gern vermieten, an Medizin, Wirtschaft, für Messen“, erklärt er überzeugt. Interessenten hätten sich bereits gemeldet. Sorgen um die Transportfähigkeit müssten die sich nicht machen: „Ich hatte zwar in meinem Atelier nicht daran gedacht, aber ich hab’s nachträglich in zwei Hälften schneiden können – samt Deckel.“

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