Essener Kreuzeskirche hat die weltweit einzigen Rizzi-Kirchenfenster

Letzter Schliff für die noch eingerüsteten Rizzi-Fenster. Den Herzchen-Rahmen hat der Künstler nachträglichkreiert.
Letzter Schliff für die noch eingerüsteten Rizzi-Fenster. Den Herzchen-Rahmen hat der Künstler nachträglichkreiert.
Foto: Essen
Die Essener Kreuzeskirche  feiert die Einweihung der  weltweit einzigen Kirchenfenster des  New Yorker Pop-Art-Stars James Rizzi. Glasstudio Derix hat  Vorzeigeprojekt realisiert.

Essen.. Als „päpstliche Hofglasmalerei seit 1866“ hat die Firma Derix schon viele große Aufträge übernommen. Imi Knoebels berühmte Altar-Arbeit für die Kathedrale von Reims ist ebenso im Familienunternehmen im Taunusstein entstanden wie Gerhard Richters berühmtes Kirchenfenster im Kölner Dom. Dass sich die Essener Kreuzeskirche nun in die Galerie der Glasfenster-Kunst einreihen kann, hat eine lange Vorgeschichte, die bereits Anfang des Jahrtausends in New York ihren Anfang nahm.

Am 28. August findet sie mit der Einweihung der zwei strahlend bunten Pop-Art-Fenster von James Rizzi ihren Abschluss. Ob die ebenso viel Interesse finden wie Richters abstrakte Farbquadrate, ob Kritiker am hippiesken Auftritt dieser fröhlichen Bibelschar Anstoß nehmen oder die Besucher fasziniert sind von der stimmungsaufhellenden Farbenpracht, das wird sich zeigen. Pfarrer Steffen Hunder ist sicher, dass die Kreuzeskirche künftig auch Pilgerstätte für Pop-Art-Fans sein wird.

Dass die Entwürfe des 2011 verstorbenen Künstlers, der auch Briefmarken, Turnschuhe und sogar eine Boing mit seinen kreativen Farbwelten überzogen hat, nach 13 Jahren postum realisiert werden konnten, ist auch für Firmenchefin Barbara Derix ein Ereignis. Die 47-Jährige kann sich gut an den Besuch im Rizzi-Atelier an der Lafayette-Street erinnern, wo sie mit dem italienischstämmigen Künstler 2003 über Gott, die Welt und religiöse Symbolik diskutiert hat. Rizzi sei von Nonnen erzogen worden, „das muss traumatisch gewesen sein“, erinnert sich Derix an den Erfinder der 3D-Grafik, der alle religiösen Bezüge „tief im Innern vergraben hatte“. Vorsorglich habe sie einen ganzen Stapel Bücher mit Beispielen deutscher Glasmalerei dabei gehabt, sagt Derix. Nach einer Woche habe der dann doch zur Kirchenkunst „bekehrte“ Rizzi ihr die gemeinsam erarbeiteten Entwürfe zufrieden in die Hände gedrückt: „Good Luck!“

Den Kontakt zu Rizzis Galeristen hatte Kreuzeskirchen-Pfarrer Steffen Hunder hergestellt, der nach einem früheren Besuch in New York so hingerissen war von der quirligen Motivwelt des Künstlers, dass er beschlossen hatte: Die Kunst passt in die Kreuzeskirche!

Rauschebart und roter Kussmund

Dass es tatsächlich so gekommen ist und Essen sich nun der weltweit einzigen Rizzi-Kirchenfenster rühmen kann, dafür waren am Ende viele glückliche Fügungen notwendig. Allen voran natürlich die Rettung der baufälligen Kreuzeskirche durch den Kreativunternehmer Reinhard Wiesemann und Bauunternehmer Rainer Alt als neuer Eigentümer, die das evangelische Gotteshaus mit einer Millionenspende und der Unterstützung von Land und Gemeinde zu einem Raum der Begegnung gemacht haben und am Ende auch die etwa 180 000 Euro teure Anschaffung der Fenster ermöglichten. Dass hier neben Gottesdiensten auch private Feiern, Konzerte und Lesungen stattfinden, habe den Einbau der Rizzi-Fenster vielleicht erst möglich gemacht, glaubt Barbara Derix. Schließlich weichen die selig-berauschten Engel und Gottvater mit dem Rauschebart in diesem Himmelreich der psychedelischen Farben doch von mancher biblischen Vorgabe ab.

Und nicht nur die Ikonografie ist anders als in anderen Gotteshäusern. Auch die kräftigen Farben mit ihren starken Kontrasten sind besonders. Mehrfach habe man ganze Farbfelder vorab im Glasstudio aufgebaut, um zu überprüfen, ob die Farbklänge harmonieren, beschreibt die Firmenchefin den Prozess, bei dem das Glas zunächst bemalt und die Farben dann in großen Öfen eingebrannt werden. Dazu wurden einzelne Elemente noch mit mundgeblasenem Antikglas laminiert, „das macht die Fenster so leuchtend,, selbst bei trübem Wetter“, sagt Derix.

Drei Monate hat das vierköpfige Team aus Kunstglasern und Glasmalern an jedem einzelnen Fenster gearbeitet. Rein wirtschaftlich gar kein so gutes Geschäft, „aber wer sich für so ein Projekt nicht mit ganzem Herzen engagiert, hat den Beruf verfehlt“, sagt Derix, die sich selbst auch als Anwalt des verstorbenen Künstlers gefühlt hat.

Dass es womöglich auch Kritiker der naiven Figuren mit ihren grellroten Kussmündern geben wird, ist für Derix kein Problem. „Diskussionen gehören zur Kunst dazu“, sagt die 47-Jährige und hofft, dass die Rizzi-Fenster über die Stadtgrenze strahlen und Mut machen, kreative Entscheidungen jenseits des Mainstreams zu treffen. Den Rizzi-Kirchenkosmos aber, sagt Derix, „gibt es nur einmal auf der Welt“.

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