Essener ist seit zehn Jahren im Atlantik verschollen

Das letzte Foto von Tim Weltermann aus Essen in seinem Kajak – von einer Segelyacht aufgenommen, der er zufällig begegnete.
Das letzte Foto von Tim Weltermann aus Essen in seinem Kajak – von einer Segelyacht aufgenommen, der er zufällig begegnete.
Foto: WAZ Fotopool
Tim Weltermann aus Essen-Kupferdreh ist seit 2003 verschollen. Sein letztes Lebenszeichen ist vom 4. November 2003. Die Familie ließ den damals 25-Jährigen Jahre später offiziell für tot erklären. Seine Mutter erinnert sich: Schon als Kind hatte Tim den Wunsch, mit einem Boot das Meer zu überqueren.

Essen.. Tim Weltermann war sechs Jahre alt, da erklärte er seiner Mutter: „Ich möchte mal mit einem Boot das Meer überqueren.“ Christa Weltermann sagt: „Ich hatte immer gehofft, er vergisst das. Aber er vergaß es nie, es blieb sein Traum.“

Der Traum endete tödlich: Ende Oktober 2003 stach Tim Weltermann mit einem umgebauten Zweier-Kajak von Gran Canaria aus in See. 80 Tage später wollte er in Antigua ankommen, an den Kleinen Antillen; Monate und Jahre gründlichster Vorbereitung lagen hinter ihm. Erst vier Wochen vor dem Abflug sagte er seiner Familie Bescheid. Ihn aufhalten? „Unmöglich. Er ist immer kompromisslos seinen Weg gegangen“, sagt Christa Weltermann.

An Tag zehn der Reise ruft erzum letzten Mal zu Hause an

Das Ende liegt vermutlich 300 Seemeilen westlich von Gran Canaria, an dem ersten Zehntel der Strecke. Es ist der 4. November 2003, Tag zehn der Reise, da ruft er zum letzten Mal zu Hause an; seine Mutter hatte ihm ein teures Satelliten-Handy besorgt, er wollte es eigentlich gar nicht.

Jetzt spricht er der Familie aufs Band, „Schwesterchen, guck doch mal, was der Passat macht. Nicht, dass der mich irgendwo hintreibt, wo ich nicht mehr wegkomme!“ Keine Spur von Angst war da in seiner Stimme, heißt es. Christa Weltermann ist sich sicher, dass er eine Woche später umkam, am 11. November, „ich habe das gespürt“. Andere gehen davon aus, dass Tim Opfer eines Tropensturms wurde, der im Dezember auf dem Atlantik wütete, völlig ungewöhnlich für diese Jahreszeit.

Jugend bei den Pfadfindern

Zwei Jahre später ließ die Familie ihren Sohn amtlich für tot erklären. Christa Weltermann hat früher im Hospiz gearbeitet, anderthalb Jahrzehnte lang: „Ich habe viele Menschen sterben sehen. Nur bei meinem eigenen Sohn weiß ich nicht, was passiert ist.“

Bevor er aufbrach, sagte er seinem besten Freund: „Wenn ich bis Februar nicht wieder da bin, kannst Du mein Fahrrad haben.“ Der Mutter sagte er: „Wenn’s schiefgeht, dann soll es eben so sein.“ Das war kein frühreifer Zynismus, sondern eine bemerkenswerte Abgeklärtheit, denn Tim hat in seinem kurzen Leben mehr Biographie angehäuft, als manch andere Erwachsene zusammen.

Weite Teile seiner Jugend verbrachte er bei den Pfadfindern, nach einem Schüleraustausch in Kanada ging er in Essen an sein Gymnasium, da war er gerade 18, und meldete sich vom Schulbetrieb ab. „Hier interessieren sich die Lehrer nicht wirklich“, hatte er gesagt. Er trat den Zivildienst in einem Krankenhaus an. Dann, es war 1998, wurde im Gericht an der Zweigertstraße ein guter Freund der Familie erschossen, der Amtsrichter Michael Teuber.

Weltermann reiste oft alleine

Tim Weltermann begriff, „was Gewalt anrichten kann“ und entschloss sich, den Zivildienst abzubrechen, wurde zum Totalverweigerer. Es kam zum Prozess, es drohte ein Monat Haft ohne Bewährung, Tim versteckte sich über Monate in einem leeren Schulgebäude, malte großformatige Bilder. Er hatte sich mal an der Kunstakademie Düsseldorf beworben, erzählt die Mutter, „doch die sagten ihm, er sei schon zu weit in seiner Entwicklung, um ein Studium beginnen zu können.“

Er ging zum Zirkus Roncalli, wurde Beleuchter, zog etwas länger als ein Jahr durch halb Europa, um Geld zu verdienen – für seinen großen Traum, die Atlantik-Überquerung. „Er war immer schon viel alleine gereist“, erzählt Christa Weltermann, „war alleine durch Schweden gewandert oder war mit dem Rad nach Dresden gefahren.“

Über seine eigene Kunst hat Tim mal geschrieben, in seinen Bildern sei stets ein Horizont zu erkennen. Wahrscheinlich war es die Sehnsucht nach dem Horizont, die ihn angetrieben hat im Leben. Es war die Weite, die er suchte. Ob er sie mit seinem Tod gefunden hat, das können wir nicht wissen.

Das Urteil gegen Tim Weltermann wurde aufgehoben, als Tim Weltermann glaubhaft nachweisen konnte, einen Großteil seiner Freizeit mit ehrenamtlichen Tätigkeiten nachweisen zu können, unter anderem für die Pfadfinder. „Er liebte Gerechtigkeit und trat stets für sie ein“, sagt seine Mutter Christa Weltermann. Die Familie lebt heute im Moltkeviertel. Geblieben ist ihr Tochter Anika, die drei Jahre vor Tim geboren wurde.

 

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