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Essener Imam warnt vor Islamismus-Gefahr: „Salafisten sind wie ein LKW ohne Bremse“

Peter Sieben

Imam Halit Pismek über radikalen Salafismus

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  • Essener Imam Halit Pismek setzt seit Jahren auf Präventionsarbeit
  • Der radikale Salafismus raube den Gemeinden die Jugend
  • Er sagt: Die Moscheegemeinden müssen aktiver dagegen vorgehen

Essen. Yusuf haben seine Kollegen aus Gelsenkirchen verloren. „Sie haben ihm gesagt, dass es der falsche Weg ist, aber es war zu spät“, erzählt Halit Pismek.

Pismek ist der Imam der Ayasofya-Moschee in Essen-Katernberg. Und über den Bomben-Anschlag von Yusuf T. auf einen Sikh-Tempel in Essen hat er sich oft mit anderen Geistlichen unterhalten.

Als Teenager in die Fänge radikaler Salafisten geraten

Gerade mal 16 Jahre alt war Yusuf, als er den Sprengsatz zusammen mit seinem Freund Mohamed B. zündete - nicht weniger als ein terroristischer Anschlag. Als Teenager war er in die Fänge radikaler Salafisten geraten.

Wie kann so etwas passieren? Wie kann aus einem Teenager ein gewaltbereiter Fanatiker werden?

Diese Fragen treiben Pismek um. „Die radikalen Salafisten sind eine große Gefahr“, sagt er. Sie seien religiös hochmotiviert - aber ungebildet und ahnungslos, was den eigentlichen Islam betrifft. „Salafisten sind wie ein LKW ohne Bremse“.

Fruchtbarer Boden für Radikalisierung

In seiner Gemeinde gebe es zum Glück keine Jugendlichen, die derart radikal denken.

Der Stadtteil Katernberg erfüllt viele Kriterien für das, was man „Sozialer Brennpunkt“ nennt. Der Anteil an Hartz-IV-Empfängern ist hier vergleichsweise hoch: Über 22 Prozent der Einwohner bekommen Arbeitslosengeld II, viele Immobilien stehen leer, immer wieder droht Katernberg eine regelrecht Ghettoisierung.

Ein fruchtbarer Boden für Jugendkriminalität und Radikalisierung: Denn Orientierungslosigkeit und Perspektivlosigkeit sieht auch Pismek als Hauptgründe für Jugendliche, sich dem Salafismus zuzuwenden.

Und in der Tat: Katernberg galt lange als ein Hotspot für den radikalen Salafismus. 2016 gab es hier mehrere Razzien - die inzwischen verbotene Gemeinschaft „Die wahre Religion“, traf sich hier regelmäßig, die kostenlos extremistisch interpretierte Korane verteilte. Auch Yusuf T. gehörte zu den Koran-Verteilern.

„Das einzige Mittel ist Bildung und Aufklärung“

Doch Hamit Pismek tut alles, damit die Jugendlichen in seiner Gemeinde nicht so werden. „Das einzige Mittel ist Bildung und Aufklärung“, sagt er. Er geht an Schulen, spricht mit den Jugendlichen, erklärt ihnen, dass es keinen „heiligen“ Krieg gibt.

„Das ist eine Jugendbewegung. Die Jugendlichen denken: In Syrien gibt es einen Dschihad gegen Ungerechtigkeit. Die wissen nicht, dass das einfach nur ein schmutziger Krieg ist. Das müssen wir ihnen nahebringen.“

Die Moscheegemeinden müssen noch aktiver werden, findet er. Noch mehr Prävention, noch mehr Angebote für Jugendliche, die Fragen haben, die zweifeln.

„Wir müssen die Jugend zurückgewinnen“

Zuletzt hat der Theologe eine große Umfrage unter Gemeinden gemacht. Das Ergebnis: Viele erkennen die Probleme und wünschen sich Lösungen. „Durch den radikalen Salafismus verlieren wir unsere Jugend“, sagt Pismek.

Gerade in den sozialen Medien, auf Youtube oder Facebook, gehen die Radikalen auf Menschenfang. „Wenn man das Wort Islam bei Youtube eingibt, kommen ganz schnell negative Videos und Filme von Salafisten. Da müssen wir gegenarbeiten“. Aber wie? „Mit eigenen, positiven Videos, die aufklären. Das wollen wir in Angriff nehmen. Aber dafür brauchen wir Profis und Budget.“

Yusuf T. und sein Freund wurde vor wenigen Wochen wegen versuchten Mordes verurteilt - zu sieben Jahren Haft. „Diesen Weg soll kein Jugendlicher mehr gehen. Wir müssen die Jugendlichen zurückgewinnen“, sagt Imam Halit Pismek.

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