Essener Flüchtlingsbetreuer fordern mehr Hilfe von der Stadt

Diese beiden syrischen Familien zogen schon vor zwei Jahren in eigene Wohnungen in Essen – und hatten das Glück, in der Anfangszeit vom Diakoniewerk betreut zu werden.
Diese beiden syrischen Familien zogen schon vor zwei Jahren in eigene Wohnungen in Essen – und hatten das Glück, in der Anfangszeit vom Diakoniewerk betreut zu werden.
Foto: Leonie Bergami
  • Essener Sozialverbände fordern mehr Kräfte für Betreuung von Flüchtlingen
  • Betroffene warten Monate auf Beratungstermine, Ehrenamtliche sind überfordert
  • Sozialdezernent kündigt neues Hilfskonzept für Dezember an

Essen.. Flüchtlingsorganisationen, kirchliche und freie Träger fordern die Stadt Essen auf, endlich die Betreuung von Flüchtlingen zu verbessern. Dabei geht es um jene Asylbewerber, die bereits eine eigene Wohnung bezogen haben und dort weitgehend auf sich gestellt sind. „Wenn es uns nicht gelingt, die Integration dieser Menschen auf einen guten Weg zu bringen, müssen wir mit sozialen Konflikten rechnen, die keiner will“, warnt Pfarrerin Dagmar Kunellis, die die Flüchtlingsarbeit der Evangelischen Kirche in Essen koordiniert.

Dass der Übergang vom Asylheim ins eigene Zuhause für Flüchtlinge eine große Herausforderung darstellt, ist der Stadt lange bekannt. Zusammen mit den Wohlfahrtsverbänden hat man daher vor Jahren die Projektwohnungen entwickelt: Wer hier einzieht, wird ein Jahr lang von Diakoniewerk oder Caritas betreut; der Mietvertrag läuft solange auf die Stadt. Doch in den Genuss der aufwendigen Begleitung kommen nur die wenigsten Asylbewerber, das Integrationsprojekt ist längst ausgebremst.

Zu wenig Sozialarbeiter für Flüchtlinge, die in eigenen Wohnungen leben

„Stadtweit 18 Sozialarbeiter – das ist eine homöopathische Dosis für inzwischen Tausende von Flüchtlingen, die in eigenen Wohnungen leben“, kritisiert etwa Caritas-Direktor Björn Enno Hermans. Längst gebe es einen Annahmestopp für diese Betreuung. Alle anderen Asylbewerber müssen allein oder mit Hilfe von Ehrenamtlichen klarkommen, bei den Beratungsstellen warten sie bisweilen Monate auf einen Termin, ergänzt die evangelische Pfarrerin Dagmar Kunellis, die sich dieser Tage in einem Brandbrief an die Stadtspitze gewendet hat. „Viele Betroffene sind so verzweifelt, dass sie in ihre Asylunterkünfte zurückkehren und die dort tätigen Sozialarbeiter um Rat fragen.“ Diese hätten aber naturgemäß nicht die Zeit, neben den aktuellen Bewohnern auch die ehemaligen zu beraten.

Das Problem sei der Stadtverwaltung seit Monaten bekannt, sie vertraue aber offenbar darauf, dass es die Ehrenamtlichen schon richten werden. Doch auch diese seien oft heillos überfordert, sagt Kunellis. Eine Beobachtung, die Kathrin Richter von Pro Asyl bestätigt: Bei der Suche nach Sprachkurs oder Kita-Platz, beim Ausfüllen von Hartz IV-Anträgen und Behördengängen „stoßen freiwillige Helfer auch an fachliche Grenzen“.

Dezernent will auf Regelangebote in den Stadtteilen setzen

Sozialdezernent Peter Renzel bestreitet den Missstand nicht; doch ein Ausbau der Eins-zu-eins-Betreuung sei weder personell noch finanziell zu leisten. Seit 1. Januar 2015 seien 16 000 Asylbewerber in die Stadt gekommen; teils weil das Land sie zuwies, teils weil sie Verwandten nach Essen folgten. „Statt für sie alle teure Doppelstrukturen aufzubauen, müssen wir verstärkt auf die Regelangebote in den Stadtteilen setzen.“ Er denke an den Sozialen Dienst oder Bürgerberatungen, die man in den kommenden Jahren ertüchtigen müsse.

Für die Sozialverbände klingt das zu wolkig: „Die vorhandenen Stadtteilbüros müssen personell entsprechend ausgestattet werden, sie brauchen zum Beispiel Sprachmittler. Es geht hier auch um den sozialen Frieden vor Ort“, sagt Dagmar Kunellis. Bei den Sozialpolitikern ist ihre Botschaft angekommen. „Der Allgemeine Soziale Dienst kann das nicht noch nebenbei leisten“, sagt Dirk Kalweit von der CDU, und die Grüne Christine Müller-Hechfellner regt an, zumindest befristet mehr Stellen zu schaffen: „Wir sollten aus Erfahrung wissen, wie wichtig die Anfangszeit für eine erfolgreiche Integration ist.“

Immerhin an einer Stelle will Renzel zügig draufsatteln: Aus den jetzt vier Stellen im Integration Point des Jobcenters sollen 24 werden. Alles weitere sei Teil eines Gesamtkonzepts, das er im Dezember vorlegen wolle. Schon jetzt räumt der Dezernent ein: „Ohne zusätzliche Ressourcen bekommen wir das nicht gestemmt.“

>> SCHON ÜBER TAUSEND KLIENTEN BEI PRO ASYL IN ESSEN IN DIESEM JAHR

Viele Flüchtlinge ziehen im laufenden Asylverfahren in eigene Wohnungen. Damit fehlt ihnen die Beratung, die in den Zeltdörfern angeboten wird. Sie wenden sich daher vermehrt an Pro Asyl. Da aber sind die Termine ausgebucht, Überstunden häufen sich, es gibt sogar Wochenendarbeit.

„Für diese Aufgabe haben wir nur zwei vom Land geförderte Stellen“, erklärt Kathrin Richter von Pro Asyl. „Mit diesen haben wir 2016 allein bis September 1084 Klienten beraten, oft mit mehreren Gesprächen, Telefonaten mit Ämtern und Institutionen. Mehr ist nicht zu schaffen.“

 
 

EURE FAVORITEN

Warum sich die Polizei bei Fahndungen nicht direkt an die Öffentlichkeit wendet

Öffentlichkeitsfahndungen: Annika Koenig, Sprecherin der Polizei Essen, erklärt unter welchen Umständen die Polizei sich bei der Suche nach Tatverdächtigen oder Vermissten an die Bürger wendet.
Mi, 19.09.2018, 16.32 Uhr

Öffentlichkeitsfahndungen: Annika Koenig, Sprecherin der Polizei Essen, erklärt unter welchen Umständen die Polizei sich bei der Suche nach Tatverdächtigen oder Vermissten an die Bürger wendet.

Beschreibung anzeigen