Essen wollte Straße nach Stalinisten benennen

Dem in Essen geborenen Arbeiterdichter Hans Marchwitza (1890-1965) wurde in der DDR eine Briefmarke gewidmet.
Dem in Essen geborenen Arbeiterdichter Hans Marchwitza (1890-1965) wurde in der DDR eine Briefmarke gewidmet.
Foto: WAZ
Der hochdekorierte DDR-Funktionär und Dichter Hans Marchwitza wäre im Uni-Viertel beinahe mit einer Straße geehrt worden. CDU-Ratsherr Hans Schippmann wies auf die zweifelhafte Vita hin. So soll Marchwitza regimekritische Tschechen verpfiffen haben.

Essen..  CDU-Ratsherr Hans Schippmann hat bis zu seiner Pensionierung Geschichte an Gymnasien unterrichtet und erfreut sich breiter Bildung. Das kam der Stadt nun zugute. Wäre Schippmann nicht gewesen, hätte nach den Stadtteil-Politikern in der Bezirksvertretung I wohl auch der Hauptausschuss des Rates einen Vorschlag der Bauverwaltung durchgewunken und eine Straße im neu entstehenden Uni-Viertel nach Hans Marchwitza benannt.

Der 1890 geborene Bergarbeiter und kommunistische Literat („Sturm auf Essen“) ist mit Recht in Essen vergessen, war hingegen in der DDR - solange es sie gab - eine große Nummer: Vizepräsident der Akademie der Künste, dreifacher DDR-Nationalpreisträger, weitere Orden und Ehrentitel sonder Zahl. Nach seinem Tod bekam der Funktionär und Mauerbau-Befürworter sogar noch eine eigene DDR-Briefmarke. Die Persönlichkeit von Hans Marchwitza erscheint nicht so honorig, dass man nach ihm Straßen in einer freiheitlich-demokratisch gesinnten Stadt benennen sollte - um es zurückhaltend zu formulieren.

„Die Stadtverwaltung hätte uns warnen müssen““

Das sieht Walter Wandtke von den Essener Grünen ganz anders. Der Altenessener hat einen soliden Ruf als Linksaußen der Kreispartei und gilt als Experte, wenn es darum geht, Politik mit Straßenschildern zu machen. Nicht mal das Attribut „fragwürdig“ mag Wandtke für Marchwitza gelten lassen. Das, obwohl dieser nicht nur zeitlebens nie die geringste Distanz zum Stalin-Terror erkennen ließ, sondern nach Erkenntnis von Schippmann 1950/51 in seiner Zeit als Prager Kultur-Attachée der DDR sogar aktiv an Verbrechen mitwirkte und regimekritische Tschechen verpfiffen haben soll. Wandtke sieht wohl einige „Fehler“ in der Vita Marchwitzas, er verdiene die Ehrung aber dennoch, und zwar wegen seiner „Arbeiterdichtung“, in die auch seine politischen und beruflichen Erfahrungen aus Essen einflossen. Hier lebte er von 1910 bis 1933, bevor er vor dem NS-Terror fliehen musste.

Eines verstehen weder Schippmann noch Bezirksbürgermeister Peter Valerius, in dessen Bezirksvertretung I der Vorschlag der Grünen sogar einstimmig durchging: „Die Stadtverwaltung hätte uns warnen müssen, wir haben doch gar nicht das Fachwissen“, so Valerius zerknirscht. Nun hätte zwar eine zweiminütige Google-Recherche im Internet auch Valerius stutzig machen können, doch bleibt in der Tat rätselhaft, wieso die Bauverwaltung Marchwitza zunächst zwei politischen Gremien vorschlug. „Die politische Brisanz wurde offenbar nicht erkannt“, sagt Baudezernentin Simone Raskob.

Verwaltung zog zurück

Gut, dass es wenigstens Hans Schippmann merkte, der dafür sorgte, dass die Verwaltung den Vorgang vor Beginn der Hauptausschusssitzung zurückzog. Nun sollen neue Vorschläge auf den Tisch, und womöglich findet sich auch noch was Besseres für die beiden Ideen, mit denen SPD und CDU die ihnen „zustehenden“ Straßen im Univiertel benennen wollen. Der frühere Essener Schuldezernent Hans-Joachim Bargmann und der Augenarzt Gerhard Meyer-Schwickerath sind zwar unstrittig honorige Persönlichkeiten, aber ob man nun zwingend Straßen nach ihnen benennen muss, steht auch nach Ansicht Raskobs auf einem anderen Blatt.

 
 

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