Essen

Essen: Wo die wilden Kerle singen – zwischen Döner, Schalke und dem Tod beim Gefangenenchor

Der Alltag für die Gefangenen in der JVA in Essen bietet für die Gefangenen wenig Abwechslung. Doch einmal in der Woche singen sie.
Der Alltag für die Gefangenen in der JVA in Essen bietet für die Gefangenen wenig Abwechslung. Doch einmal in der Woche singen sie.
Foto: Martin Horn/Funke Foto Services

Essen. Sieben Männer stehen in zwei Reihen. Nur ein Piano spielt, bis tiefe Stimmen den Raum durchdringen. Sie singen. Doch es geht um so viel mehr.

Die Uhr im Wartebereich der Justizvollzugsanstalt (JVA) Essen tickt laut. Sonst herrscht Stille. An der Wand hängt ein Bild, darauf Weiden, die sich über ein Gewässer hängen und eine angrenzende Blumenwiese. Es muss länger hier hängen, in der Ecke prägt eine kleine Jahreszahl: 1999. Alles wirkt steril, abweisend, Neonlicht, Kunststofftische. Und überall liegt grauer Linoleumboden, wie er in vielen öffentlichen Einrichtungen zu finden ist. Das farbenfrohe Bild wirkt wie ein Fremdkörper.

Ein Mann betritt den Raum. „Ich bin der Pfarrer“, stellt sich Michael Lucka vor. Zu seinem Büro geht es eine kleine Treppe hinauf, ins erste der fünf Stockwerke, über einen roten Gang, eine rote Tür. Es ist unordentlich. Der große Eckschreibtisch ist überfüllt mit Akten, davor steht eine Gitarre, daneben steht ein Posaunenkoffer. An der grünen Wand hängen Bilder und Kalender, einige Kreuze. Auf einem weiteren Tisch in der Ecke steht ein Mensch-Ärger-dich-nicht-Spiel. „Für die Familiensitzungen“, sagt Lucka. Nur die Gitter hinter den Fenstern erinnern daran, dass es sich nicht um das Büro eines Gemeindepfarrers handelt. Und natürlich der grauer Linoleumboden. Er ist überall.

Die Mauern der JVA Essen stammen noch aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Im Jahr 1910 wurde das Gebäude im Essener Stadtteil Rüttenscheid errichtet. Schwarz-Weiß-Bilder auf dem Flur zeigen, wie es hier früher aussah. Heute bietet sie auf 19.000 Quadratmetern Platz für 528 Gefangene, größtenteils in Einzelhafträumen mit zehn Quadratmetern Grundfläche untergebracht.

Der Pfarrer, der mehr als nur ein offenes Ohr hat

Lucka wirkt jung und aufgeweckt. Jemand, der eine angenehme, ausgeglichene Ruhe ausstrahlt, zu dem man schnell Vertrauen aufbauen kann. Seit sieben Jahren ist der 52-Jährige evangelischer Seelsorger in der JVA, war vorher Gemeindepfarrer in Wesel.

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Während er über seine Arbeit in der JVA Essen spricht, klopft es an der Tür. „Das wird der Chorleiter sein“, springt Lucka auf. Er öffnet und Martin Hohendahl tritt ins Zimmer. Ein großer Mann, mit kurzen, ergrauten Haaren, wachen Augen und raumfüllender Stimme. Er trägt eine Jogginghose, ein pinkes Sporthemd und eine Weste, ist mit dem Rad gekommen.

Das Freizeitangebot der JVA umfasst Sportgruppen, wie Volleyball und Fußball, Schach, ein Bandprojekt, Schreibwerkstatt, Kunst-, Meditations-, oder Gesprächsgruppen. Die Gruppengröße ist meist auf etwa 10 Teilnehmer begrenzt. Mehr als einen Termin pro Woche pro Häftlinge gibt es selten. Und es gibt den Chor – da, wo die wilden Kerle singen.

Vor 13 Jahren hat Martin Hohendahl ihn auf Initiative der Evangelischen Kirche Essen hin gegründet. Der 56-Jährige arbeitet als IT-Spezialist und ist schon lange als Kirchenmusiker aktiv. Die frühere Gefängnispfarrerin Anke Augustin sprach ihn an, ob er sich nicht vorstellen könne, ehrenamtlich im Gefängnis eine Gesangsgruppe zu leiten. „Gefangenenchor“ hat er ihn getauft. Eine Anspielung auf ein Werk aus der Oper Nabucco von Verdi.

Das Singen ist der Kitt der Gruppe

„Singen befreit die Seele. Das merken die Jungs einfach“, sagt Lucka, dem aber auch bewusst ist, „einige wollen einfach nur für ein paar Stunden raus.“ Das Singen setze Energien frei, auf die man den Rest der Woche zurückgreifen könne. „Nach den Proben geht es ihnen so gut, dass ich für den Gottesdienst sogar manchmal für Disziplin sorgen muss.“

Das Singen befreit nicht nur, es verbindet, schweißt zusammen. Wenn Lucka außerhalb des Gefängnisses auf ehemalige Insassen trifft, hört er häufig: „Das Einzige, was mir aus dem Knast fehlt, ist der Chor.“ Er gibt den Häftlingen nicht nur eine Beschäftigung, sondern auch Halt.

Geprobt wird wöchentlich. Es gibt maximal ein Dutzend Mitglieder. Aktuell sind sie zu elft. Auf einer Warteliste stehen bereits zwölf weitere Interessierte. Die Fluktuation ist hoch. Nur 60 Prozent der Insassen in der JVA Essen sind bereits verurteilt. Essen ist ein Übergangsgefängnis mit U-Haft.

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Manche bleiben nur wenige Monate oder Wochen. Es gibt jedoch auch Wiederholungstäter, die auch zurück in den Chor kommen. Die Proben sind einer der wenigen Augenblicke in der Woche, in denen die Insassen nicht unter Beaufsichtigung durch die Beamten stehen.

Keine Berührungsängste

Ein Angstgefühl hat das bei Chorleiter Hohendahl nie erzeugt. „Ich sehe den Menschen vor mir. Was er in der Vergangenheit getan hat, interessiert mich nicht.“ Früher habe er auch immer mit dem Rücken zu den Gefangenen gesessen. Damals gab es das elektronische Piano, auf dem er heute spielt, noch nicht. „Das ist natürlich schöner, dass ich sie jetzt beim Singen angucken kann“, strahlt er. Gemeinsam mit Pfarrer Lucka geht er eine Etage nach oben. Dort befindet sich der Besucherraum, an den sich der Kirchsaal anschließt.

Zur Probe begrüßt Hohendahl die Häftlinge mit einem „Du“, umarmt sie herzlich. „Ich kann mir das im Gegensatz zu Herrn Lucka, der jeden Tag im Gefängnis arbeitet, erlauben. Er muss da professioneller sein.“ Barrieren im Umgang miteinander gibt es keine. Es wird gescherzt, kurz über die vergangene Woche gesprochen.

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Der Chor steht allen Insassen offen. Ein Vorsingen gibt es nicht. Wer wirklich mitsingt, darf bleiben. Mitglieder gab es bereits in allen Altersklassen, von 21 bis weit über 70. Aufritte außerhalb des Gefängnisses sind unmöglich. Regelmäßig besuchen jedoch Chöre von außen den Gefangenenchor und treten gemeinsam in der JVA während der Gottesdienste auf.

Die Probe am Dienstag ist etwas Besonderes. Drei bis vier Mal im Jahr bringt der Pfarrer für alle Döner mit. Ein Kontrast zur sonst einfachen Gefängnisküche. „Ein Chormitglied fragt mich fast jede Woche nach Döner. Aber er darf das auch, der ist so etwas wie mein Spezi“, verrät Lucka mit einem Augenzwickern.

Gemeinsam sitzen sie um eine lange Tafel - es gibt Döner

Im Besucherraum der JVA wird aus mehreren Tischen sporadisch eine lange Tafel aufgebaut. Wieder Linoleumboden, diesmal in braun. Alle sitzen gemeinsam beim Essen zusammen. Niemand schlingt. Der Insasse, der bei jeder Probe nach Döner fragt, hofft, dass es sein letzter hinter Gittern ist, dass er bald nicht mehr fragen muss. Vielleicht ist er bis Weihnachten wieder draußen. Zwischen gemalten Janosch-Figuren an der einen Wand und einem Plakat von van Goghs „Sternennacht“ an der anderen sitzen alle beisammen wie beim biblischen Abendmahl, Pfarrer Lucka vor Kopf.

„Singen lässt mich etwas den Alltag vergessen. Ich bin lieber hier, als alleine auf meiner Zelle. Es befreit mich“, erzählt einer der Häftlinge. Der junge Mann sitzt seit drei Monaten wieder in Essen ein. Zuvor war er eine Zeit im offenen Vollzug, nahm es jedoch mit den Auflagen nicht so genau. „Der Chor, das sind einfach zwei Stunden in der Woche, an denen wir mal abschalten können. Die Musik verbindet uns. Der Chor schweißt uns zusammen.“

Einige wollen auch außerhalb des Gefängnisses weitersingen. „Das ist aber nicht immer einfach. Wir werden mit vielen Vorurteilen konfrontiert. Andere Gemeindemitglieder können halt schon mal komisch gucken. Hier ist jeder gleich. Ganz egal wo du her kommst oder wie du aussiehst.“

Endlich kein Neon

Der Raum für den Gottesdienst erinnert an einen Gemeindesaal. Nur der sterile Linoleumboden, der überall zu liegen scheint, verrät, dass es nicht so ist. Hinter dem Altar zwei große Fenster, die oben rund zulaufen und am Tag Licht in den Saal lassen. An einem schimmelt es. „Da müssen wir unbedingt mal was machen“, kommentiert Lucka.

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Draußen ist es dunkel. Fünf Lampen erleuchten den Raum. Kein Neonlicht, sondern warmes, gelbes Licht. Vorn steht ein Altar, darauf drei Kerzen in goldenen Leuchtern. In der Mitte ein gebogenes Holzkreuz, ein samtenes, grünes Altartuch hängt herab, rechts und links neben dem Altar Plastikblumen. An der gegenüberliegenden Wand hängen fünf Bilder, gemalt von Häftlingen. Auf einem erkennt man ein viel zu volles Boot auf dem offenen Wasser. Links im Saal steht eine Orgel.

Die ersten Töne des Pianos von Martin Hohendahl hallen durch den Raum. Etwas zaghaft, noch nicht voll aufgewärmt, beginnen die Männer zu singen. Keine hohe Gesangskunst, dafür ehrlich. „Nicht schön, sondern geil und laut“, wie es sich Westernhagen schon wünschte. Ein Häftling begleitet die Gruppe auf einem Cajón. Gelernt hat er es nie. Ab und zu setzt er einen Schlag neben dem Takt. Vielleicht ist es genau das, was die Insassen im eng strukturierten Gefängnisalltag brauchen: etwas außerhalb des Takts sein.

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Michael Luckas Posaunenspiel fügt sich in die tiefen Männerstimmen ein. Zwischen den Stücken gibt es immer wieder Anweisungen und Erläuterungen. „Der Refrain - das muss richtig gedonnert werden“, unterbricht der Pfarrer den Chor nach der ersten Strophe. Beim nächsten Mal donnert er los, der Pfarrer nickt zufrieden.

Zum Abschluss proben die Männer den Beatles-Klassiker „Let it be“. Let it be - lass es geschehen. John Lennon erzählte einmal, der Text beziehe sich auf seine früh verstorbene Mutter, die ihm in einer schwierigen Zeit im Traum erschien. Das habe ihm viel Halt gegeben. Etwas, das auch der Chor zu geben vermag. Ein junger Insasse singt den Refrain als Solo-Teil. Nur seine Stimme erfüllt den Kirchensaal. Dann steigen alle wieder ein: Gesang, Posaune, Piano. Der Raum ist wieder voll mit Musik.

Es könnten Freunde sein

Ein dickes, grünes Buch, 264 Songs, 362 Seiten, mit der Aufschrift „Lieder vom Aufbruch – Halleluja“, liegt für alle im Saal bereit. Es ist abgegriffen. Daneben liegt die Liedermappe des Gefangenenchors. 65 Seiten mit Noten und Texten, „Über Sieben Brücken musst du gehen“, „Tears in Heaven“ oder „Always look on the Bright Side of Life“.

Die Probe ist beendet. Weiter junge Männer strömen in leise Gespräche vertieft in den Saal. Auf die 80 Stühle im Raum verteilen sich 25 Insassen, zwei Justizbeamte und sieben Chormitglieder. Eine Auslastung, von der andere Gemeinden träumen.

In der Pause zwischen Probe und Gottesdienst wird kurz über Schalke geredet und welche Lieder für Beerdigungen unpassend sind. Offene, persönliche Gespräche. Über den Tod des Vaters, die eigene Vergangenheit. Es wird klar: Hier sitzen Menschen zusammen, die sich verbunden fühlen. Wäre da nicht der Linoleumboden, der daran erinnert, dass sie im Gefängnis sind – es könnte einfach eine Gruppe von Freunden sein.

Draußen wartet der Asphalt

In der anschließenden Predigt geht es um Trauer, den Umgang mit dem Tod von Freunden und Verwandten. Lucka zeigt die gleiche Offenheit wie die Chormitglieder. Er spricht von persönlichen Schicksalsschlägen, von zu jung verstorbenen Verwandten.

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Man muss nicht religiös sein, um zu verstehen, was der Gottesdienst und der Chor für die Insassen bedeutet. Ein Stück Normalität, Routine, Eindrücke von außen. Ein paar Stunden raus aus der Zehn-Quadratmeter-Zelle. Wenn gesungen wird, liegt alle Aufmerksamkeit auf dem Text, den Noten, dem Takt.

Nach dem Schlussakkord sind Lucka und Hohendahl die einzigen, die nicht zurück in den Gefangenentrakt gehen. Auf dem Weg zum Ausgang geht es unter kaltem Licht erneut vorbei am bunten Bild, der laut tickenden Uhr, den Sicherheitsschranken. Überall liegt der sterile Linoleumboden. Die letzte Barriere zur Freiheit ist eine schwere, blaue Metalltür.

Draußen ist es dunkel. Unter den Füßen Asphalt.

 
 

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