Essen will mehr Migranten im öffentlichen Dienst

Die Stadt Essen will mehr Mitarbeiter mit Migrationshintergrund in der Verwaltung: Oberbrandmeister Nuh Arslan ist als Migrant bei der Feuerwehr in Essen beschäftigt. (Foto Walter Buchholz/WAZ FotoPool)
Die Stadt Essen will mehr Mitarbeiter mit Migrationshintergrund in der Verwaltung: Oberbrandmeister Nuh Arslan ist als Migrant bei der Feuerwehr in Essen beschäftigt. (Foto Walter Buchholz/WAZ FotoPool)
Mit einem Integrationsgesetz sollen ab 2012 auch mehr Migranten in den öffentlichen Dienst gebracht werden. Bei der Stadt Essen haben 13 Prozent der Auszubildenden einen Migrationshintergrund. Ein verpflichtendes Gesetz aber lehnen viele ab.

Essen. NRW soll 2012 ein Integrationsgesetz bekommen. Integrationszentren sollen helfen, Kinder und Jugendliche zu fördern. Mehr Zuwanderer in den Öffentlichen Dienst sind im Gespräch. Vorerst ist keine Quote dafür vorgesehen, aber Zahlen werden immer wieder laut. 20 Prozent, heißt es aus Berlin. Arbeitsminister Guntram Schneider nannte sechs: Damit eine öffentliche Verwaltung so aussehe wie ihre Bevölkerung. Und wie sieht es in Essen aus?

Grundsätzlich begrüßt Jochen Drewitz das Vorhaben. Für den Leiter der Jugendhilfe Essen ist das in der Sozialarbeit eine wichtige Geschichte: Denn die Mitarbeiter mit ausländischen Wurzeln hätten auch eine Vorbildfunktion und verstünden familiäre Hintergründe der jugendlichen Migranten besser. Die Idee aber per Gesetz umzusetzen, das sieht Drewitz skeptisch."

"Wir müssen mehr Migranten holen, aber ein Gesetz wäre der falsche Weg“, sagt Feuerwehrchef Ulrich Bogdahn. Bei der Feuerwehr gebe es anspruchsvolle Tests. Verantwortung und Eignung müssen entscheiden, nicht ausländische Wurzeln. Die haben bei der Berufsfeuerwehr etwa 15 von 730 Wehrleuten. Bogdahn: „Wir würden uns freuen, wenn mehr kommen.“

Bei der Stadt haben zurzeit 13 Prozent der Auszubildenden Migrationshintergrund, sagt Olaf Poch von der Personalwirtschaft. Für Beschäftigte gebe es keine Zahlen. Aber mit Blick auf den Anteil bei den Azubis, schätzt er, dass Essen die vom Land geforderten sechs Prozent erreiche. Sorge bereite ihnen ein Gesetz daher nicht. Poch appelliert an Migranten: Bitte bewerben.

Nuh Arslan - Oberbrandmeister mit türkischen Wurzeln

Feuerwehrautos haben Nuh Arslan schon als Kind fasziniert. Er raste immer gleich hin, wenn er das Blaulicht sah. Heute rennt er los, wenn der Notruf bei der Feuerwehr eingeht. Der 37-Jährige ist Oberbrandmeister, der erste mit türkischen Wurzeln in Essen.

Als Baby kam er mit seinen Eltern aus der Türkei, sein Vater ging auf die Zeche, die Mutter blieb zu Hause. „Da war es schwierig, Deutsch zu lernen“, sagt Arslan. Er sei glücklich, dass seine Eltern ihn in den Kindergarten geschickt haben. „80 Prozent der Türken in meinem Alter waren nicht da.“ Er besuchte die Grundschule, verließ die Gesamtschule mit Fachabi und wurde Chemikant, bevor er zur Feuerwehr kam. Nun ist er Rettungsassistent, Drehleiter-Maschinist und bald in der Leitstelle im Einsatz. Als Gruppenleiter will er es in die erste Führungsebene im mittleren Dienst schaffen.

Seine Laufbahn hat Nuh Arslan sich selbst aufgebaut, seine Eltern hätten sich nicht eingemischt. Für seine Kollegen sei er das Aushängeschild. Seine Kinder, die er westlich erzieht, sollen studieren, sagt der zweifache Vater. Türkische Jugendliche finden seinen Beruf spannend. „Die meisten muss ich ausbremsen“, sagt Arslan allerdings. Viele brächten die Voraussetzungen nicht mit: Top-Leistungen in Sprache und Sport. Mehr Kollegen mit Migrationsgeschichte bräuchten sie schon, aber nicht per Gesetz. Das könne fatale Folgen haben. Denn Feuerwehr bedeute Verantwortung, nicht Abenteuer.

Im Rettungsdienst ist die türkische Sprache für Nuh Arslan nützlich. Wenn Menschen ihren Schmerz auf Deutsch nicht beschreiben können, „übersetze ich sofort“. Arslan hat die deutsche Staatsangehörigkeit und fühle sich deutsch. Die Türkei ist zum Urlaubsland geworden – und Heimat geblieben.

Renate Kusch - Pressereferentin aus Polen

Renate Kusch heißt laut Geburtsurkunde Renata. Geburtsort: Breslau in Polen. Mit vier Jahren kam sie mit ihrer Familie nach Deutschland, wo sie jetzt als Pressereferentin im Rathaus arbeitet. Ihren Werdegang beschreibt sie als klassischen Weg: Mit dem Abi in der Tasche ging es an die Fachhochschule, die sie als Diplom-Verwaltungswirtin verließ.

Als Vierjährige hat sie kein Wort Deutsch gesprochen, das habe sie ganz spielerisch im Kindergarten gelernt. „Heute fällt mir Deutsch leichter“, sagt die 30-Jährige. Zu Hause spreche sie mit ihren Eltern Polnisch, meistens ist es aber eher ein Mischung beider Sprachen. Im Büro hat ihr die Zweisprachigkeit noch keinen Vorteil gebracht. „Wahrscheinlich trifft das eher auf die Kollegen zu, die mehr Bürgerkontakt haben.“ Wenn es mehr Migranten wären, das fänd’ sie gut: „Das würde die Bevölkerung besser widerspiegeln.“ Und es wäre eine Bereicherung, verschiedene Kulturen kennenzulernen.

Man sollte bei Einstellungen einen Fokus auf Menschen mit Zuwanderungsgeschichte werfen, aber freiwillig. Ein Gesetz dafür hält sie für falsch.

Denn man müsste selbstverständlich auf die Eignung achten. Genauso sieht sie das bei der Frauenquote. Sie selbst hat es nicht schwer gehabt, sich im neuen Land zurechtzufinden. Denn sie kommt nicht aus einer fremden Kultur, und ihr Opa war Deutscher. In ihrem Job ist sie Ansprechpartnerin für Journalistin und schreibt Pressemitteilungen. Ihre Herkunft spielt keine Rolle, die polnische Sprache auch nicht. Zu Hause bei ihrer Familie gibt es aber polnische Traditionen. Zu Weihnachten bereiten sie zum Beispiel wegen der zwölf Apostel zwölf Speisen zu.

Renate Kusch fühlt sich in Deutschland zu Hause, wahrscheinlich werde es aber immer so bleiben, dass sie hier wie da für andere Ausländerin ist. Das rollende R verrate sie, sagt sie lachend. Sie sei halt von beidem ein bisschen.

Shidad Ouled - Sozialarbeiter mit marrokanischen Wurzeln

Libanesische Jugendliche begrüßt er auf Arabisch. Shidad Ouled (29) signalisiert, dass er einer von ihnen ist. So kommt der Sozialarbeiter mit den Jugendlichen besser ins Gespräch. Er lädt sie zum Fußball oder zum Boxen ein. Hauptsache, sie hängen nicht nur ab oder machen Blödsinn, sagt Shidad Ouled. Seit Mai arbeitet er bei der Jugendhilfe und ist in Altenessen, Karnap und Vogelheim unterwegs.

Shidad Ouled hat sein Studium der Sozialen Arbeit abgeschlossen. Der Weg führte ihn über Hauptschule, Gesamtschule und Berufskolleg. Die Eltern hätten ihn bestärkt, die Schule ernst zu nehmen. Sie kamen in den 70ern aus Marokko, ihr Sohn ist in Hamm geboren und fühlt sich weder deutsch noch marokkanisch, sondern „als Mensch“. Seinen Traum-Job entdeckte er während eines Praktikums im Jugendzentrum. Dass er jetzt bei der Jugendhilfe ist, das habe auch mit seinen arabischen Wurzeln zu tun.

Wenn er heute mit den ausländischen Jugendlichen spricht, muss er Vertrauen aufbauen. Dafür hält er den Kontakt und gibt Rat. Nur selten sei einer misstrauisch und hält ihn für einen Spion, weil er die Seiten gewechselt habe. Die meisten finden seinen Beruf gut. „Aber wenn ich ihnen den Weg erzähle, dann schlucken sie.“ Ein Studium ist kein Thema, sagt er ehrlich. Bei vielen Jugendlichen gehe es vielmehr darum, einen „ordentlichen Hauptschulabschluss auf die Kette zu kriegen.“

Marhemat Shahnazian - Bauingenieurin aus Teheran

Sie hat gerade die Sporthalle an der Schule Bockmühle dicht gemacht, denn Marhemat Shahnazian ist seit einem Jahr Statikerin und Gutachterin für Hallen. Davor war sie im Amt für Stadtplanung und Bauordnung unter anderem für die Bauabnahme und den Brandschutz verantwortlich.

Seit 17 Jahren arbeitet die gebürtige Iranerin nun bei der Stadt. 1980 kam sie aus Teheran nach Deutschland, um an der Essener Universität zu studieren. Sie wurde Diplom-Bauingenieurin und blieb. Damit auch andere Migranten Karriere machen können, braucht es ein Gesetz, das die Quote regelt. Davon ist die 51-Jährige überzeugt. Erst wenn es eine Pflicht geben werde, würde sich etwas ändern. „Früher kannte man im Rathaus nur ausländische Putzfrauen“, sagt Marhemat Shahnazian. Aber sie könnten genauso gut Ärzte oder Architekten werden. So wie ihr Schwager oder ihre Schwester. Ihr Neffe sei Professor. Dabei habe ihnen auch eine Regelung geholfen.Denn in so manchen Situationen würden Deutsche auf die Nase fallen. Arabischstämmige Jugendliche sprechen zum Beispiel viel lauter und emotionaler, ohne dass sie gleich prügeln. Die Kommunikation könne er einfach besser einschätzen und verstehen. Daher findet Shidad Ouled, dass mehr Migranten in dem Bereich arbeiten müssten. „Ich bin beinahe ein Exot.“ Mit kulturellen Kompetenzen.

Acht Prozent Ausländer, so lautete die Vorgabe an der Hochschule, erinnert sich die Bauingenieurin, die für ihre deutsche Staatsangehörigkeit gekämpft hat. Heute hat sie beide und sagt: „Unsere Heimat ist hier.“ Der Iran sei das Vaterland. Sie habe auch großen Wert darauf gelegt, dass ihre Kinder persisch sprechen.

Ihre Sprachkenntnisse, zu denen auch Türkisch zählt, helfen Marhemat Shahnazian regelmäßig, wenn sie auf die Baustellen muss. Da ist dann der Bauleiter angekündigt, und sie kommt um die Ecke: Frau und Ausländerin, sagt sie lachend. „Die Arbeiter freuen sich wie Kinder.“ Mit ihrer fröhlichen und offen Art kommt sie gut an. Sich bereichern, Vorurteile abbauen, es würde helfen, wenn sich Kulturen auch am Arbeitsplatz mehr mischen würden. „Ein schönes Gesetz“, findet Marhemat Shahnazian. Auch weil sie wisse, dass Vieles erst möglich oder selbstverständlich werde, wenn irgendwann Menschen dafür gekämpft haben.

 
 

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