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Essen: Oberarzt soll Corona-Patienten getötet haben – früher Arbeitgeber kündigt jetzt DAS an

Das Universitätsklinikum Essen.
Das Universitätsklinikum Essen.
Foto: imago images / Ralph Lueger

Essen. Der Fall versetzte ganz Deutschland in Schockstarre...

Ein Oberarzt der Uniklinik Essen (NRW) sitzt seit Mittwoch in Untersuchungshaft. Der Mediziner soll zwei schwerstkranke Corona-Patienten getötet haben. Ein Richter hat Haftbefehl gegen den Arzt wegen Totschlags erlassen. Das Motiv seiner Tat soll darin bestehen, dass er die ausweglose Lage der beiden Patienten nicht mehr habe ertragen können. In einem der beiden Fälle habe er sich inzwischen eingelassen.

Ein Überblick über das, was bisher bekannt ist.

Wer ist der verdächtige Oberarzt?

Der mutmaßliche Täter heißt Andreas B., ist 44 Jahre alt und Oberarzt auf der Intensivstation der Uniklinik Essen. Er ist Anästhesist, also Narkosearzt, hat seinen Doktortitel laut eigenen Angaben 1995 bis 2001 an der Universität Rijeka (Kroatien) gemacht. Nach Recherchen dieser Redaktion hat er von August 2001 bis Mai 2004 als Assistenzarzt in Kroatien gearbeitet, kam danach nach Deutschland.

Bis Ende 2010 war er als Assistent und Facharzt in Detmold und Lemgo (NRW) beschäftigt, ist dann als Facharzt zur Uniklinik Heidelberg gewechselt (von 2011 bis Anfang 2020). Erst im Februar ist er nach Essen gekommen. Laut „WDR“ soll er schon länger psychisch auffällig gewesen sein. Nach mehreren Personalgesprächen soll der Narkosearzt auf die Intensivstation mit den Covid-Patienten versetzt worden sein.

Was wird ihm vorgeworfen?

Ein Polizeisprecher: „Es besteht der Verdacht, dass der Mediziner schwerst kranken Menschen vorsätzlich und rechtswidrig Medikamente in deren letzter Lebensphase verabreicht hat, die zu deren sofortigem Tod führten“. Das Motiv laut Staatsanwaltschaft: Mitleid. Er habe das weitere Leiden des Patienten und seiner Angehörigen beenden wollen. Die Polizei Essen hat eine Mordkommission gebildet.

Wer sind die Opfer?

Bei den Opfern handelt es sich um zwei Männer (50 und 47 Jahre). Die Corona-Patienten sollen in sehr kritischem Zustand gewesen sein. Ein Patient ist am 13. November durch eine todbringende Spritze gestorben, der andere am 17. November. Einer von ihnen ist extra für die Covid-19-Behandlung aus den Niederlanden nach Deutschland verlegt worden.

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Das ist das Universitätsklinikum Essen:

  • kurz UK Essen, gelegen im Süden von Holsterhausen
  • in rund 60 Gebäuden mit insgesamt 27 Kliniken und 24 Instituten sind etwa 7.950 Mitarbeiter beschäftigt
  • jährlich werden rund 53.000 stationäre und 172.000 ambulante Patienten behandelt (Stand 2016)
  • gehört zu den Topadressen in Deutschland
  • die Medizinische Fakultät der Universität Duisburg-Essen bildet am Universitätsklinikum Essen und angeschlossenen Krankenhäusern angehende Ärzte aus

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Welche Strafe droht Andreas B.?

Wird Andreas B. wegen Totschlags in zwei Fällen verurteilt, kommt er mindestens fünf Jahre ins Gefängnis. Die Polizei prüft jetzt auch, ob es noch mehr Fälle gibt. Im Gegensatz zu einigen Nachbarländern ist die aktive Sterbehilfe in Deutschland verboten.

Wie ist der Fall ans Licht gekommen, wie ist er überführt worden?

Ausschlaggebend ist wohl der Verdacht bei Kollegen auf der Intensivstation geworden. Diese hatten die Polizei eingeschaltet, so sind die Ermittlungen ins Rollen gekommen.

Wie reagiert die Uniklinik selbst?

Die Uniklinik Essen gilt als eine der besten Deutschlands, versorgt momentan die meisten schwer kranken Corona-Patienten aus NRW. B. ist suspendiert. Die Klinik teilt mit: „Wir alle sind zutiefst erschüttert, dass sich so etwas bei uns ereignet haben soll. Unsere Gedanken und unsere Anteilnahme gelten den Hinterbliebenen der Verstorbenen. Wir sind darüber hinaus besorgt über die Gefahr des Vertrauensverlustes in die Arbeit unserer Tausenden Beschäftigten, die sich seit vielen Jahren in den unterschiedlichsten Tätigkeitsfeldern der Essener Universitätsmedizin mit all ihrer Kraft für unsere Patienten einsetzen.“

Und weiter: „Wir werden alles dafür tun, unsere Mitarbeiter zu schützen, zu unterstützen und die Versorgung der sich uns anvertrauenden Patienten in der jetzt ohnehin bereits anspruchsvollen Pandemiephase auch weiterhin auf höchstem Niveau sicherzustellen. Wir haben vollstes Vertrauen in unsere Mitarbeitenden. Wir werden selbstverständlich auch weiterhin die Arbeit der Staatsanwaltschaft Essen vollumfänglich unterstützen.“

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Wie schätzen Experten das Thema ein?

Jörg J. K. Hartmann (50) ist Anwalt für Straf- und Medizinrecht aus Duisburg. Über mögliche Folgen für Andreas B. sagt der Jurist gegenüber dieser Redaktion: „Sollte das Gericht den derzeitig Beschuldigten wegen eines vorsätzlichen Totschlags nach Paragraf 212 Strafgesetzbuch verurteilen, würde eine hohe Freiheitsstrafe drohen – laut Gesetz nicht unter fünf Jahren. Neben den möglichen strafrechtlichen Folgen sind jedoch stets auch etwaige berufsrechtliche und finanzielle Folgen möglich.“

Wichtig ist Hartmann zu betonen: „Bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung gilt die Unschuldsvermutung. Es bedarf einer kritischen Analyse der genauen angeblichen Tatumstände.“

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Der Vorstand der Deutsche Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, fordert jetzt öffentlich: Alle Sterbefälle der letzten Jahre, in denen B. Dienst hatte, müssen jetzt aufgearbeitet werden! Der Grund: B. sei ein Arzt in leitender Funktion gewesen.

Am Dienstag hat nun ein ehemaliger Arbeitgeber von B. erste Konsequezen angekündigt. Das Klinikum Lippe will als früherer Arbeitgeber dessen Arbeit überprüfen. Wie das Klinikum am Dienstag auf dpa-Anfrage mitteilte, war der Arzt von Mitte Juni 2004 bis Ende 2010 dort beschäftigt - zunächst als Assistenzarzt, später als Facharzt für Anästhesiologie. Er habe das Haus auf eigenen Wunsch verlassen.

Derzeit habe man im Klinikum Lippe keine Hinweise auf ein Fehlverhalten. „Dennoch wird das Klinikum Lippe den Zeitraum der Tätigkeit von Herrn B. auf besondere Vorfälle analysieren“, hieß es weiter. (mg mit dpa)

 
 

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