Essen

Essen: Steeler Jungs? „Einfach eine ziemlich feige Gurkentruppe!“

Ein breites Bündnis demonstrierte am Samstag in Essen gegen die Steeler Jungs. (Archivbild)
Ein breites Bündnis demonstrierte am Samstag in Essen gegen die Steeler Jungs. (Archivbild)
Foto: FUNKE Foto Services

Essen. Anfangs waren sie schwer greifbar; die Aufmärsche der Steeler Jungs in Essen. Mittlerweile ist die angeblich so unpolitische Fassade der selbst ernannten Bürgerwehr aus Essen gefallen. Trotzdem verfolgen die Steeler Jungs ihre Strategie weiter unbeirrt.

Dabei haben sie gegenüber politischen Gegnern einen entscheidenden Vorteil, aber im Ruhrpott auch ein massives Problem.

Diese Strategie verfolgen die Steeler Jungs in Essen

Ihr Auftreten beurteilt Prof. Dr. Dierk Borstel (46) als einen „Versuch, ein in Ostdeutschland viel weiter entwickeltes Phänomen zu kopieren.“

Dort sei die extreme Rechte bis tief in die Mitte der Gesellschaft vorgedrungen, sagt der Politikwissenschaftler der FH Dortmund. So demonstrieren etwa in Städten wie Cottbus oder Chemnitz konservative Bürger Seite an Seite mit Neonazis.

Ein Szenario, von dem die extreme Rechte in NRW derzeit nur träumen kann.

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Im Ruhrgebiet versuchen die „Bürgerwehren“ noch durch Spaziergänge ohne politische Parolen oder Trauermärsche für getötete Deutsche breite Unterstützung zu bekommen.

Hitler-Gruß – Polizei greift durch

Einfach losziehen, das dürfen die Steeler Jungs aber schon lange nicht mehr. Und zwar schon bevor ein „Spaziergängerin“ durch einen Hitler-Gruß auffällig wurde.

Seit Ende letzten Jahres müssen sie ihre Märsche bei der Polizei Essen anmelden. Längst hat auch der Verfassungsschutz die Gruppe auf dem Zettel.

Steeler Jungs marschieren nicht nur in Essen

Isoliert lassen sich die Steeler Jungs jedoch nicht bewerten. Schließlich tauchen ihre Mitglieder etwa auch bei den Märschen der „Besorgten Bürger“ in Herne auf.

Die Behörde spricht von einer Mischszene aus „Rechtsextremisten, Rechtspopulisten und Angehörigen der Hooligan- und Rockerszene sowie sogenannten 'Wutbürgern'“.

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„Es handelt sich häufig nicht nur um ein ähnliches Milieu, sondern teilweise auch um identische Personen“, sagt eine Sprecherin des Verfassungsschutzes in NRW. Dadurch solle das Bild einer größeren Bewegung entstehen.

„Die sind non-stop dabei, Feuer zu legen“

Dabei profitieren die Steeler Jungs und Co. vor allem von den sozialen Medien.

In privaten Gruppen, aber oft auch in den Kommentarspalten journalistischer Medien seien diese Personen „non-stop dabei, Feuer zu legen“, sagt Prof. Dr. Borstel.

Ideen von gestern, aber…

Dort tummeln sich nicht nur autoritäre Überzeugungstäter, sondern auch automatisierte Bots. „Ihre Einstellung ist zwar von gestern, aber technisch sind sie auf dem neuesten Stand“, so der Dortmunder Professor.

Gegen die Verbreitung gefühlter Wahrheiten, die keinem Fakten-Check standhalten, gebe es derzeit kein demokratisches Konzept. Facebook und Co. seien nach Einschätzung des 46-Jährigen deshalb ein „Motor der Radikalisierung.“

Das Problem der Volksparteien

Futter gab den Rechtsextremisten die Flüchtlingskrise 2015. Das sei sei aber laut Prof. Dr. Borstel nicht die Ursache des rechten Aufschwungs. „Wir haben in der Mitte der Gesellschaft ein Potenzial, das anfällig ist“, sagt er.

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Die Rede ist von 10 Prozent der Deutschen, die für rechtsextremes, autoritäres Gedankengut empfänglich sei. Früher hätten die Volksparteien Teile dieser Menschen abgegriffen und gewisse Einstellungen nicht zugelassen. Jetzt gibt es die AfD, wodurch rechtsextreme Aussagen wieder salonfähiger werden.

„Einfach eine ziemliche feige Gurkentruppe!“

Doch aus Sicht der demokratischen Zivilgesellschaft gibt es noch Hoffnung. Besonders im Westen hätten die Rechtsextremen ein massives Problem. „Hier gibt es deutlich mehr Gegenwehr“, so Prof. Dr. Borstel. Das demokratische Grundverständnis sei deutlich größer als in den neuen Bundesländern.

Neuestes Beispiel: Zwischen 1.000 und 1.500 Menschen sind nach Angaben der Polizei am Samstag in Essen auf die Straße gegangen, um sich offen gegen die „Steeler Jungs“ zu positionieren.

„Ihr seid nun mal einfach eine ziemlich feige Gurkentruppe!“, sagt etwa Johannes Brackmann dabei. Der Geschäftsführer des Steeler Kulturzentrums GREND zeigte in seiner Rede bei der Demo „Steele bleibt bunt“ Alternativen zur „Kultur von Hass, Hetze, Ausgrenzung und Gewalt“ auf:

Solche Demos seien nach Ansicht von Prof. Dr. Borstel ein wirksames Mittel um rechtsextreme Potenziale zu bekämpfen - besonders in Zeiten sinkender Teilhabe in Vereinen und politischen Parteien, wo dies in der Vergangenheit noch zuverlässig geschah.

 
 

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