Essen

Essen: Polizeikontrolle läuft völlig aus dem Ruder – Mann mit schwerem Vorwurf: „Wie Mensch dritter Klasse“

Essen: Eine völlig aus dem Ruder gelaufene Polizeikontrolle lässt zwei Männer nicht los. (Symbolbild)
Essen: Eine völlig aus dem Ruder gelaufene Polizeikontrolle lässt zwei Männer nicht los. (Symbolbild)
Foto: Lars Heidrich / FUNKE Foto Services

Essen. Männer werden bei einer Polizeikontrolle plötzlich von Beamten geschlagen und getreten, ein Mann wird gewaltsam zu Boden gebracht, von den Polizisten fixiert, er bekommt fast keine Luft mehr. Sein Freund wird gezielt mit Pfefferspray angegriffen - solche Szenen kennt man bislang nur aus den USA. Doch so soll es auch in Essen passiert sein.

Die beiden Männer, Mathis C. (Name geändert) und Dennis K., landeten nach der Polizeikontrolle vor Gericht - angeklagt wegen Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte. Die Richterin sprach sie frei und sagte im Urteil, dass die Gewalt der Polizei sie an „Verhältnisse in den USA“ erinnere.

Doch damit ist der Fall noch nicht erledigt: die Staatsanwaltschaft beabsichtigt in Berufung zu gehen. Und die Angeklagten Mathis C. (30) und Dennis K. (37) sehen sich eindeutig als Opfer. Sie haben die Beamten angezeigt.

Essen: Polizeikontrolle eskaliert total

Was in der Nacht des 20. Dezember 2019 auf der Gladbecker Straße in Essen wirklich passierte, ist schwer nachzuvollziehen. Klar ist: Polizisten wollten ein Auto kontrollieren, dann kam es zu einer Auseinandersetzung zwischen ihnen sowie den Fahrzeuginsassen Mathis C. und Dennis K.

+++ Essen: Zoll sucht nach illegalem Shisha-Tabak – plötzlich wird der Polizei-Hund unruhig +++

„Wo kommt ihr her? Wo wollt ihr hin?“, soll sie ein Polizist laut der „taz“ gefragt haben. Vor Gericht kann der sich aber nicht mehr genau an die Worte erinnern. Mathis C. spricht gegenüber DER WESTEN von einer „aggressiven Verkehrskontrolle“. „Der Polizist wollte klar deutlich machen, wer am längeren Hebel sitzt“, sagt er.

Er und sein Freund Dennis K. ahnten offenbar schon, dass es gleich zu einer heiklen Situation kommen könnte. Dennis K. wollte den Polizeieinsatz mit dem Handy filmen. Daraufhin brachten die Polizisten den 37-Jährigen zu Boden, fixierten ihn, wie die „taz“ berichtet. Mathis C. soll laut eigener Aussage schließlich mit angesehen haben, wie die Beamten seinen Freund am Boden traten. All das, weil Dennis K. angeblich zum Schlag ausgeholt haben soll.

Der Manager berichtet, er habe keine Luft mehr bekommen, denn ein Polizist hätte sich auf seinen Hals gesetzt. Und tatsächlich ist auf einer Tonaufnahme eines Handys eines Insassen des Autos, das ohne die Kenntnis der Beamten alles aufzeichnete, zu hören: „Ich kriege keine Luft mehr, ich kriege keine Luft mehr.“ Auch das wiederholte Schreien von Mathis C. ist zu hören: „Die hauen auf ihn ein.“ Er sei „fast schon misshandelt“ worden, so der 30-Jährige, der von Beruf Zeitsoldat ist.

---------------------

Das ist die Stadt Essen:

  • geht auf das vor 850 gegründete Frauenstift Essen zurück
  • 582.760 Einwohner, neun Stadtbezirke und 50 Stadtteile, viertgrößte Stadt in NRW
  • seit 1958 Sitz des neugegründeten Bistums Essen
  • Wahrzeichen unter anderen: Zeche Zollverein, Villa Hügel, Grugapark Essen
  • war 2010 Kulturhauptstadt Europas und 2017 Grüne Hauptstadt Europas
  • Oberbürgermeister ist Thomas Kufen (CDU)

---------------------

Mathis C. war „erkennbar in Sorge“, weil auf Dennis K. eingetreten wurde, stellte auch die Richterin beim Prozess Anfang des Jahres fest.

Er empörte sich gegenüber weiteren Polizisten, woraufhin einer erwidert haben soll: Wenn er sich benehme wie eine offene Hose, dann sei das eben so. Mathis C. ist überzeugt: „Es wurde auf eine Schlaghandlung gewartet.“

„Hoffentlich brennen dir die Augen aus“

Dann eilten weitere Polizisten zur Verstärkung an. Die Tonaufzeichnung offenbart das Rufen eines Polizisten: „Geh weg!“ Mathis C. lief vor Aufregung auf und ab. Der Polizist habe seinen Schlagstock gezogen, sagte eben jener selbst aus, doch Mathis C. habe sich unbeeindruckt gezeigt und provoziert.

Auf mehrfache Rückfragen der Richterin behauptet der Polizist, Mathis C. habe sich trotz dreimaliger Aufforderung geweigert, die Hände aus den Taschen seiner Winterjacke zu nehmen. Das bestätigt die Tonaufnahme nicht. Für die Richterin liegt damit eine Falschaussage vor.

---------------------

Mehr News:

Limbecker Platz in Essen: Mann bricht ins Shoppingcenter ein – ausgerechnet DAS nimmt er mit

Corona in Essen: Mit dem Taxi zum Impfzentrum? Stadt plant jetzt DAS

Münster: Doku begleitet Polizei – und zeigt, wie es wirklich zugeht

---------------------

Dann soll der Polizist sein Pfefferspray gezogen haben. Auf der Tonaufnahme ist davon nichts zu hören. Zu hören ist aber: „Hoffentlich brennen dir die Augen aus“ sowie die Drohung des Beamten: „Die scheiß Hände auf den Rücken, ich brech' dir den scheiß Arm, du Wichser.“ Zudem habe ein anderer Polizist Mathis C. laut Tonaufnahme gedroht: „Kommt ein Ding und ich schlage dir dein Genick ein.“ Tatsächlich bestätigte der Fahrer des gestoppten Pkws und eine Freundin von Dennis K. vor Gericht die Gewalt der Polizisten.

Gezielter Polizei-Angriff gegen Mathis C.?

Dennis K. und Mathis C. zeigen sich im Gespräch mit DER WESTEN schockiert über das offenbar gewalttätige Verhalten der Polizisten. Dabei besorgt sie besonders die Tatsache, dass lediglich Mathis C. die Nacht in Polizeigewahrsam verbracht hätte. Und das obwohl die Polizisten gegen beide Männer Anzeigen wegen „Widerstands gegen Vollstrecksbeamte“ geschrieben hatten und damit offensichtlich der Ansicht waren, dass sich nicht nur Mathis C., sondern auch Dennis K. strafbar gemacht hatten.

Dazu muss man wissen: Mathis C. ist dunkelhäutig. Er fragt sich: „Warum stürmen sechs Polizisten auf mich? Warum muss ich die Nacht in der Zelle verbringen? Warum werden die Handschellen bei mir enger geschnallt?“ Man müsse sich fragen, ob das Verhalten der Polizisten rassistisch gewesen sei. Tatsächlich fühle er sich wie ein „Mensch dritter Klasse“.

Dabei sieht Dennis K. auch „sehr identische Parallelen zu einem anderen Vorfall“, der sich der „taz“ zufolge im März 2020 ereignet haben soll. Da war Loveth A., eine 50-jährige schwarze Frau aus Mülheim mit ihren Kindern in die Polizeiwache Essen Mitte gekommen, um eine Anzeige zu erstatten. Ihr sei das Portemonnaie gestohlen worden. Die Reaktionen der Polizei darauf: „Wurden Sie beklaut oder haben Sie geklaut?“, schilderte Loveth A. später. Und dann sei die Situation eskaliert. Bis zu 15 Beamte hätten sich auf sie und ihre Kinder gestürzt und sie verletzt. Die Polizei bestätigte eine Auseinandersetzung, begründete die Gewalt aber mit „Widerstandshandlungen“.

Mögliches Verfahren gegen Polizisten pausiert

Dennis K. und Mathis C. jedenfalls sehen sich klar als Opfer von Polizeigewalt. Das sah auch die Richterin so und sprach die beiden Angeklagten frei. Die Staatsanwaltschaft hatte zuvor eine sechsmonatige Bewährungsstrafe gefordert.

Auf Anfrage von DER WESTEN sagt Oberstaatsanwältin Anette Milk: „Wir haben vorsorglich fristwahrend Berufung eingelegt.“ Das Urteil des Amtsgerichts liege der Staatsanwaltschaft Essen noch nicht schriftlich vor, doch sei es damit möglich, dass sich Dennis K. und Mathis C. vor der nächst höheren Instanz, dem Landgericht, verantworten müssen.

Ermittlungen gegen Polizisten ruhen

Bedeutet das auch, dass eine mögliche Gewalt durch die Polizisten an jenem Dezembertag 2019 nicht untersucht wird? So sehen es jedenfalls Dennis K. und Mathis C. Oberstaatsanwältin Milk erklärt dazu, es habe ein Verfahren gegen die Beamten gegeben, das allerdings vorläufig eingestellt worden sei, um den Ausgang des Verfahrens gegen Dennis K. und Mathis C. abzuwarten. Polizeisprecher Frank Lemanis von der Polizei Bochum bestätigt, dass es im vergangenen Jahr entsprechende Ermittlungen gegen sieben Polizeivollzugsbeamte gegeben habe.

Dennis K. und Mathis C. hätten Anzeige gegen die nach ihrer Schilderung gewalttätigen Polizisten erstattet. Denn Dennis K. meint: „Es gibt Polizisten, die ein unglaublich großes Gewaltpotenzial haben.“ Deshalb werde er alles Mögliche unternehmen, damit die Beamten zur Rechenschaft gezogen würden.