Essen

Hochzeitsfeiern eskalieren immer öfter: Türkei-Experte – „Das ist auch mit Kultur nicht zu rechtfertigen“

Auf diesem Bild einer türkischen Hochzeitsgesellschaft werden so einige Straßenregeln gebrochen.
Auf diesem Bild einer türkischen Hochzeitsgesellschaft werden so einige Straßenregeln gebrochen.
Foto: imago images / Andreas Gora

Essen. Schüsse in die Luft, Straßenblockaden, Menschenmassen auf den Straßen und Hupkonzerte: Die Feierlichkeiten von türkischen Hochzeiten wirken gerade für den eher ruhigen Deutschen immer wieder befremdlich, vor allem kommen sie in letzter Zeit gefühlt andauernd vor. Und sie eskalieren ständig, denkt man zumindest als Außenstehender.

Doch ist das wirklich so? Und wann gehen solche öffentlichen Darstellungen eindeutig zu weit? Darüber haben wir mit Caner Aver von der Stiftung Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung in Essen gesprochen.

DER WESTEN: Wieso häufen sich solche auffälligen Hochzeiten zurzeit? Gefühlt gibt es einmal in der Woche Schlagzeilen zu eskalierten Feiern.

Caner Aver: Einerseits kann vermutlich die Sensibilität gegenüber solchen lauten und sichtbaren Hochzeiten steigen, die von der gewohnten Norm abweichen. Andererseits werden Hochzeitsgesellschaften zunehmend im öffentlichen Raum präsenter, die sich beheimatet in Deutschland fühlen und ihre Kultur ausleben.

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Und weil sie präsenter sind, reagieren andere Kulturen mehr darauf?

Je sichtbarer Migranten im öffentlichen Raum werden, desto mehr steigen die Reibungsflächen und damit auch Konflikte. Dabei können auch unangenehme Begleiterscheinungen auftreten, wie in solchen Fällen bei einigen Hochzeitsfeierlichkeiten. Allerdings sind solche „Eskalationen“, die den Rahmen überschreiten, auch innerhalb der türkeistämmigen Bevölkerung umstritten.

Eskalieren die Hochzeiten denn wirklich oder sind die Deutschen vielleicht einfach überempfindlich und alles ist halb so schlimm?

Es gibt hierzu keine wissenschaftlichen Befunde, die das eine oder andere belegen würden. Allerdings werden Hochzeitsgesellschaften, nicht nur unter Türkeistämmigen, zunehmend im öffentlichen Raum sichtbarer. In der Türkei sind Autokorsos bei Hochzeiten auch üblich, aber keine Straßenblockaden, mit Schreckschusspistolen in die Luft zu schießen ist – wenn überhaupt - eher in konservativen ländlichen Regionen üblich. Diejenigen, die ihre Grenzen überschreiten, kann man unter der Kategorie Chaoten zusammenfassen, ohne ihr Handeln zu kulturalisieren.

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Wie sieht das aus mit Autorasern und Hupkonzerten bei Hochzeiten, sollten diese geduldet werden?

Das Rasen kann in keinster Weise geduldet werden, was man aber auch nicht an bestimmten kulturellen Gruppen festmachen kann. Die Raser gibt es in allen Gesellschaftsgruppen; erst jüngst wurden Raser in Berlin mit Todesfolge zu langen Haftstrafen verurteilt. Autokorsos mit Hupen gibt es zudem auch bei WM oder EM immer wieder zu sehen, am Carfriday in der Tunerszene werden illegale Rennen gefahren.

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An Sie als Experten: Wann geht es eindeutig zu weit mit der Eskalation bei einer Hochzeit?

Zu weit geht eindeutig alles, was verboten ist: Straßen blockieren oder unerlaubt Schreckschusspistolen benutzen. Dies ist auch mit Kultur nicht zu rechtfertigen. Hier müssen die Ordnungsbehörden strafrechtlich vorgehen.

Eine Chronologie:

  • 14. April/A57: Ein Hochzeitskorso auf der A57 bremst den Verkehr aus. Nachfolgende Autos mussten Vollbremsungen machen. Der Fahrer der Braut (25) hatte keinen Führerschein. Auf Videos, die Beteiligte von ihrer Fahrt im Netz veröffentlichten, sind riskante Überholmanöver und Fahrzeuge mit qualmenden Reifen zu erkennen. Frauen sollen zudem auf der Autobahn getanzt haben (>> hier mehr dazu).
  • 13. April/Duisburg: Anwohnerinnen rufen in Duisburg-Hamborn die Polizei, nachdem sie Schüsse gehört haben. Die findet vor Ort mehrere Patronenhülsen. Die Gäste der türkischen Hochzeit wollen nichts gehört haben.
  • 13. April/Duisburg: Ein syrischer Hochzeitskorso fährt durch das Duisburger Dellviertel, die Beamten sehen, wie Teilnehmer aus Seitenfenstern und Schiebedächern von zwölf extrem langsam fahrenden Autos hingen und feierten. Einer davon fuhr über Rot - ohne Führerschein!
  • 13. April/Wuppertal und Remscheid: Bei Autokonvois von Hochzeitsgesellschaften ballern Männer mit Schreckschusspistolen in die Luft. Die Polizei kann in einem Fall den Mann ausfindig machen (>> hier die Details).
  • 4. April/A3:
    Einer Zivilstreife fallen Luxus-Sportwagen auf, die mit Warnblinklicht auf allen Spuren der A3 hin- und herpendelten, so den Verkehr hinter sich ausbremsten und schließlich stoppten. Als sie einige Fahrer stellen, sagen die Übeltäter: sie bräuchten sich keine Gedanken zu machen, man „kenne einen guten Anwalt“. Alle streiten ab, etwas falsch gemacht zu haben, oder geben an, bereits mit ihren Anwälten telefoniert zu haben (>> hier die Hintergründe).
  • 28. März/Essen: Eine libanesische Hochzeitsgesellschaft liefert sich mit Luxuskarossen auf der Bottroper Straße ein illegales Autorennen. Die Beamten nehmen den Bräutigam mit auf die Wache (hier die ganze Geschichte).
 
 

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