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Essen: Mit Hollywood-Tricks ergaunerten sie Millionen – so tickt die irre Ruhrpott-Bande WIRKLICH

Geldtransporter-Bande vor Gericht in Essen

In Essen steht eine Geldtransporter-Bande vor Gericht. Auf ihr Konto gehen spektakuläre Taten.

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Essen. Ihre Coups waren spektakulär und raffiniert.

Inspiriert von Hollywood-Filmen oder dem 60er-Jahre Kassenschlager „Die Gentlemen bitten zur Kasse“ plünderten sie Geldautomaten, leerten Geldtransporter und erbeuteten als falsche Werttransporterfahrer fast drei Millionen Euro. Am Montag begann vor dem Landgericht in Essen der Prozess.

Essen: So tickt die Geldtransporter-Bande

Die Anklage und die ersten Prozesstage vor dem Landgericht Essen zeigen ein detailliertes Bild der Gangster-Bande, die offiziell von Hartz4 lebte und in Wahrheit ein Leben im Luxus führte. Wir stellen dir die Köpfe der Bande vor:

Der Insider:

Ahmad A. (45) aus Recklinghausen, im Libanon geboren, war der „Insider“. Der 45-Jährige war Geschäftsmann, leitete Restaurants und ein Sonnenstudio. Nebenbei arbeitete er in einer Sicherheitsfirma als Geldtransporterfahrer. Hier entdeckte er Sicherheitslücken und hatte Zugriff auf Schlüssel und Codes für Geldtransporter und Automaten. Er kannte den vermeintlichen Kopf der Bande, Asier S., bereits als der noch ein Teenager war. Als er ihm gegenüber mit den Sicherheitslücken prahlte, entstand der Plan für die Coups.

Der Familienvater wusste, dass ein sogenannter Störfallkoffer für Geldautomaten nicht richtig kontrolliert wird und gab den Originalschlüssel weiter. So hatte die Bande leichtes Spiel mit einem Geldautomat der Postbank in Werne.

Im anderen Fall verriet er Asier S., dass ein Geldtransporter in Dortmund für kurze Zeit immer unbewacht ist. Mithilfe eines Nachschlüssel, den A. besorgte, erbeuteten die Gauner so 520.000 Euro aus dem Geldtransporter. Auch beim Meisterstück der Bande, die Geldtransporter-Abzocke bei der Supermarktkette K+K, besorgte Ahmad A. die Fake-Quittung und erklärte die Abläufe.

A. hat bei der Polizei umfassend ausgepackt und war daher als einziger Mann der Bande auf freiem Fuß. „Ich habe alles gestanden und stehe jetzt als Verräter da“, klagte er. Sein Anwalt Hans Reinhardt gegenüber DER WESTEN: „Es ist auch schon passiert, dass er von der Tätergruppierung angegangen worden ist unter Bedrohungsszenarien. Aber bislang konnte er dem wehrhaft entgegentreten.“

A. behauptet, er habe bis heute nichts von der Beute gesehen, sollte erst ein Jahr nach der Tat seinen Anteil von 100.000 Euro bekommen. Stutzig machte die Richterin jedoch, dass die Beamten bei A. einen Jaguar und teure Rolex-Uhren sicherstellten und er nach den Taten eine Immobilie erwarb. Auch Asier S. bezichtigte seinen einstigen Komplizen, ihn für die Taten rekrutiert zu haben, bei dem Coup in Werne dabei gewesen zu sein und den Löwenanteil eingestrichen zu haben.

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Der Ideengeber:

Mit einem fetten Grinsen betrat Asier S. (25) zu Prozessbeginn den Gerichtssaal. Der Recklinghäuser mit spanischen Wurzeln war nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft der Ideengeber und Planer der Bande. Mit früheren Schulfreunden baute er sich ein Netzwerk auf. Er geriet bereits als junger Mann mit dem Gesetz in Konflikt, saß in U-Haft, wurde zuletzt aber freigesprochen und verließ laut eigener Aussage „als frustrierter junger Mann das Gefängnis.“

Er nannte sich Hamza, nachdem er zum Islam konvertiert war. In abgehörten Gesprächen bezeichnete er sich als „clanzugehörig“. Er komme „sehr sympathisch“ rüber, habe ihn gezielt manipuliert, wird er von Ahmad A. beschrieben.

Die Taten in Dortmund, Werne und Gronau gestand der 25-Jährige. Zu dem ihm ebenfalls vorgeworfenen Überfall auf eine Juwelierin in Mönchengladbach nahm er bislang keine Stellung. Für geplante weitere Coups besuchte er extra ein Seminar, um mittels sogenannter Impressionstechnik ohne Original einen Nachschlüssel zu fertigen. Kosten: rund 50.000 Euro. Geplant waren wohl ein Einbruch eines Sparkasse-Geldautomat in Ostheim, ein Einbruch in ein Geldtransport-Unternehmen in Stuttgart und ein bewaffneter Überfall auf einen Werttransporter der Europäischen Zentralbank.

Die Geliebte:

Stefanie A. war die Geliebte von Asier S. Sie arbeitete im Escort-Service, verliebte sich in Asier S., der ihr beim Ausstieg aus der Prostitution half. Asier S. habe sie für knapp 2.000 Euro rausgekauft, berichtet sie in ihrer Einlassung vor Gericht. Das Paar fürchtete Vergeltung und besorgte sich daher eine Pistole. Die Schusswaffe bewahrte die modisch gekleidete 22-Jährige im Kleiderschrank in der Wohnung ihrer Eltern auf.

„Asier ist nicht das Monster, zu dem er gemacht wird. Nur dank seiner Hilfe gehe ich wieder zur Schule und werde meinen Realschulabschluss machen“, sagte sie vor Gericht.

Dank der Beutezüge lebte auch sie im Luxus, stieg in teuren Hotels ab. Im Gegenzug half sie Asier S. dabei Tatbeute zu „waschen“, verkaufte einen Goldbarren und eine Münze auf der Düsseldorfer Kö. Sie gab sich als Neukundin bei der Sparkasse aus, um gemeinsam mit Asier S. die Schließfächer und Bankräumlichkeiten auszuspionieren.

Der Schutzpatron:

Houssein El K. (26) aus Marl sorgte mit seiner Familie für den Schutz der Bande. Der Clan soll laut einem abgehörten Telefonat stets einen Anteil von den Strafttaten bekommen haben. Der 26-Jährige war wegen der „falscher Polizist“-Masche in der Schweiz aufgefallen und saß zeitweise dort ein. Über die Schweizer Ermittler kamen die Beamten El K. und der Bande letztlich auf die Spur.

Wegen seiner auffällig blauen Augen trug er den Spitznamen „Blauauge“. Laut Anklage wirkte er beim Diebstahl von 520.000 Euro aus einem Geldtransporter in Dortmund mit. Außerdem soll er gemeinsam mit Familienangehörigen einen Sparklub in Gevelsberg überfallen haben. El K. schweigt vor Gericht.

Der Hanfanbauer:

Davide K. (27) aus Köln soll sich im Sicherheitsgewerbe ausgekannt haben und in die Planung weiterer Coups involviert gewesen sein. Laut Anklage besorgte der muskelbepackte Italiener der Bande eine Bockflinte. Als die Beamten seine Wohnung durchsuchten, entdeckten sie in einem Gartenhaus in Köln eine professionelle Hanfplantage mit rund 450 Planzen. 100.000 Euro sollten pro Pflückaktion rausspringen, soll er in abgehörten Gesprächen geprahlt haben.

Der treue Kumpane:

Asier S. und Kesser J. (25) waren alte Freunde aus Recklinghausen. Der gebürtige Pakistani kannte laut Staatsanwaltschaft die Abläufe im Geldtransport-Geschäft. Er soll für ein anderes Geldtransporterunternehmen gearbeitet haben, dass zeitweise die Tageseinnahmen in Gronau abgeholt hatte. Das war beim Coup im Getränkemarkt Gold wert. Er soll die 120-Kilo-Stahlkiste in den Transporter gehievt und noch eine Fake-Quittung ausgestellt haben, die Ahmad A. besorgt hatte.

Der Waffenlieferant:

Patrick Y. (27) aus Köln soll der Bande eine Maschinenpistole mit Schalldämpfer und Munition besorgt haben, heißt es in der Anklage. Asier S. bestritt dies. Patrick Y. war darüber hinaus im Besitz einer Pistole Browning, so die Staatsanwaltschaft. In einem Gespräch soll er sich gebrüstet haben, dass er jeden, der ihn „abfuckt“, abknallen werde.

Ein Urteil gegen die siebenköpfige Bande soll am 19. Dezember fallen. (ms)

 
 

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