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Essen: Video nach tödlichen Schüssen von Polizei aufgetaucht – Angehörige machen Beamten heftige Vorwürfe

Am 18. Juni ist Adel B. durch den Schuss eines Polizisten in Essen ums Leben gekommen. Was steckt dahinter?
Am 18. Juni ist Adel B. durch den Schuss eines Polizisten in Essen ums Leben gekommen. Was steckt dahinter?
Foto: ANC-NEWS

Essen. Es ist ein verwackeltes Video aus Essen-Altendorf, das im Fall des vom einem Polizisten abgefeuerten tödlichen Schuss auf Adel B. neue Fragen aufwirft.

Das Video zeigt den Zugriff der Polizei am 18. Juni, an dem der Mann mit algerischen Wurzeln von einem Polizeibeamten erschossen wurde.

Essen: Mann bei Polizeieinsatz in Altendorf erschossen - Video wirft Fragen auf

Was war geschehen? Am Morgen des 18. Juni wird die Essener Polizei um 5.04 Uhr nach Altendorf gerufen – von einem Mann, der am Telefon seinen Suizid ankündigt. Als die Polizei in Altendorf eintrifft, läuft der Mann mit einem Messer bewaffnet durch den Stadtteil.

Er hält sich das Messer an den Hals und droht laut der Polizei „sich selbst und andere Menschen“ zu töten. Er soll dabei „hochemotional“ gewesen sein, erklärt die Polizei Essen nach dem Einsatz.

Ein erstes Video, aus einem Dachfenster von Anwohnern gefilmt, zeigt einem Mann im Streit mit der Polizei. Dabei soll es sich nach Angaben der Angehörigen um Adel B. handeln. Der Mann in dem Video steht drei Polizeibeamten gegenüber.

Er beleidigt die Beamten immer wieder und geht mit einem Messer auf sie zu. „Schießt Digger, schießt“, ruft er den Beamten zu. Kriminalisten sprechen in solchen Fällen von „suicide by cop“. Die Polizisten ziehen sich zurück und erwidern immer wieder: „Bleib da stehen.“

Adel

Währenddessen habe Adel B., der in dem Video zu sehen sein soll, die ganze Zeit über mit seiner Lebensgefährtin telefoniert, berichten Angehörige in einer über soziale Medien veröffentlichten Erklärung. Darin heißt es, er soll nach einer gewissen Zeit der Polizei mitgeteilt haben, dass er keine Suizidabsicht mehr habe und in der Folge den Heimweg angetreten sein.

Zweites Video zeigt Zugriff

Als er von den Beamten verfolgt dort ankam, entstand ein zweites Video. Es soll den Zugriff vor der Wohnung von Adel B. in der Drügeshofstraße zeigen. Die Szene im Video ist durch Bäume und die große Entfernung sehr schlecht zu erkennen.

Doch was deutlich wird. Die Polizei umstellt offensichtlich den Messer-Mann und prescht dann vor, als der ins Haus geht. Ein Schuss ist zu hören, dann schmerzverzerrte Schreie. „Messer weg, Messer sicher“, ist zu verstehen. Danach klingt es in der Video-Sequenz so, als würde ein anderer Beamter einen Notarzt anfunken.

Die restlichen Worte des Polizisten werden von einem heranfahrenden Auto übertönt. Dann endet das Video. Kurz darauf erliegt Adel B. seinen Schussverletzungen. (Wir berichteten.)

Handy-Video Adel B.

Die Polizei spricht anschließend davon, dass der Mann mit Messer auf die Beamten zugestürmt sei. Angehörige und Freunde widersprechen dem in einer Pressemitteilung und berufen sich auf das Video. Dort heißt es, Adel B. habe geklingelt und die Schwester der Lebensgefährtin machte ihm die Tür auf. Er sei hineingegangen.

Daraufhin soll die Polizei versucht haben die Haustür mit Gewalt zu öffnen. „Dabei traten zwei Polizisten gegen die geschlossene Tür, während ein dritter Polizist innerhalb von Sekunden dazu kam und zwischen den beiden Polizisten durch die Tür schoss. Adel B. wurde durch die Pistolenkugel des Polizisten im Brustbereich getroffen und fiel zu Boden“, schreiben sie.

Angehörige und Freunde sprechen von „Akt der Gewalt“

Die Gruppe fordert nach eigenen Angaben „Gerechtigkeit für Adel B.“ und wirft der Polizei vor, dass die Polizisten ihn zwar versuchten zu reanimieren, aber nicht seine offene Wunde schlossen. Auch die Hilfe eines Anwohners, der als Rettungssanitäter arbeitet, soll von den Beamten abgelehnt worden sein.

„Die Tötung von Adel B. durch die Polizei ist ein Akt der Gewalt, der nicht nur hätte leicht vermieden werden können, sondern sich auch in eine Reihe von Tötungen von Migranten durch Polizisten einreiht“, heißt es abschließend.

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Staatsanwaltschaft Essen prüft Video

Auch der Staatsanwaltschaft ist das Video bekannt. Es sei seitdem auch Bestandteil der Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Essen, so Oberstaatsanwältin Anette Milk gegenüber DER WESTEN. „Das Video lässt nicht den Schluss zu, dass keine Notwehr vorgelegen haben soll“, so die Oberstaatsanwältin. Entscheidende Szenen, die Zeugen in ihren Aussagen beschrieben hätten, seien im Video des Anwohners schlicht nicht zu erkennen.

„Der Mann hat angekündigt seine Familie auszulöschen“, erklärt sie zur Vorgeschichte des Polizeieinsatzes am 18. Juni. Die Polizisten hätten dies verhindern wollen. Adel B. habe vorgehabt sich mit den Kleinkindern der Schwester seiner Lebensgefährtin in der Wohnung einzuschließen und die Haustür vor den Augen der Beamten auch fast geschlossen.

Deswegen habe die Polizei einen Fuß in der Tür gehabt, um dieses Szenario zu vermeiden. In dieser akuten Situation habe Adel B. ein Messer durch den Türschlitz gesteckt und die Beamten angegriffen, heißt es von Seiten der Behörde.

Zeuge und Anwohner erwähnt Handy-Video in Vernehmung nicht

Der Urheber des Videos wurde kurz nach den Ereignissen noch am 18. Juni von der Polizei vernommen. Bei seiner Zeugenaussage soll er das Video laut der Essener Staatsanwaltschaft mit keinem Wort erwähnt haben.

Erst Wochen später und auf Nachfrage der Polizei, händigte der Anwohner und Zeuge des Vorfalls den Polizisten das kontrovers diskutierte Handy-Video aus.

Milk: „Es ist definitiv falsch, dass dem Mann in den Rücken geschossen wurde“

Es würden außerdem viele falsche Gerüchte und ein Flugblatt mit Falschaussagen in diesem Fall kursieren, so Milk. Etwa dass ein Video der Tat vom Handy des Nachbarn von den Ermittlern gelöscht worden sei, sei falsch.

Auch zu Gerüchten und Falschbehauptungen, die in einem Flugblatt formuliert wurden, stellt die Oberstaatsanwältin klar: „Es ist definitiv falsch, dass dem Mann in den Rücken geschossen wurde.“ Als Nächstes stehe eine toxikologische Untersuchung an, die belegen soll, ob Adel B. unter dem Einfluss von Medikamenten gestanden habe. Die Ermittlungen in diesem Fall sollen noch mehrere Wochen andauern.

Für den 8. August hat eine Gruppe namens „Rebellion Ruhr“ zu einer Demo für Gerechtigkeit für Adel aufgerufen. (ms/mj)

 
 

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