Essen: Mann verkauft Rollerteile bei Ebay-Kleinanzeigen für guten Zweck – und kann kaum glauben, wer vor seiner Tür steht

Seit seinem Inserat bei Ebay-Kleinanzeigen sind Tobias Strothotte (links) und Thomas weiter in Kontakt. Der rote Motorroller gehört Thomas, der schwarze Tobias.
Seit seinem Inserat bei Ebay-Kleinanzeigen sind Tobias Strothotte (links) und Thomas weiter in Kontakt. Der rote Motorroller gehört Thomas, der schwarze Tobias.
Foto: Tobias Strothotte

Tobias Strothotte ist Mitglied beim Verein FairSorger Essen e.V., der drei Mal in der Woche an der St. Gertrudkirche in Essen warme Speisen ausgibt. Freitags zusätzlich Kleidung und Hygieneartikel.

Um etwas Geld für den Verein zu sammeln, verkauft er verschiedene Teile zur Reparatur von Motorrollern auf Ebay-Kleinanzeigen. 100 Euro kommen dabei zusammen. Der Erlös soll an den Verein in Essen gehen. Doch was dann passiert, damit hat auch er nicht gerechnet.

Essen: Obdachloser bittet um Rollerteile

Für einige Teile meldet sich ein Interessent namens Thomas bei ihm. Und die Geschichte, die Thomas erzählt, kann Tobias kaum glauben.

Thomas bittet ihn um einige der Teile. Er würde in Offenburg leben und sei obdachlos. Mit seinem Mofaroller würde der 54-Jährige quer durch Europa fahren, in einem kleinen Anhänger befinde sich sein ganzer Besitz. Er sei sogar schon in der Türkei gewesen.

„Ich dachte da will mich einer auf den Arm nehmen“, erzählt Tobias. Versenden wollte er die Teile nicht. Da schreibt ihm Thomas plötzlich: „Kein Problem, ich bin auf dem Weg zu dir.“

Interessent kommt aus Österreich – mit Motorroller

Mit einem Peugeot Elystar Motorroller macht er sich auf den Weg – aus Österreich. Denn dort ist er gerade unterwegs. Der 40-Jährige glaubt noch immer an einen schlecht Scherz. Zwar schickt Thomas ihm ein Bild eines Schwerbehindertenausweises und Aufnahmen von der langen Tour, doch die Zweifel sind groß, ob der Interessent am Ende wirklich auftaucht.

Über Tage schreiben die beiden Männer auf Ebay Kleinanzeigen hin und her, später auch auf Facebook. Anfang September, vier Tage nachdem sich Thomas auf den Weg gemacht hatte, schreibt er: Noch 27 Kilometer bis zu dir. Er müsse aber noch ein Nachtlager suchen und werde morgen vor Ort sein.

Am nächsten Tag ist Tobias gerade bei einem Bekannten, als er Thomas fragt, wo er gerade sei. Der antwortet: „Stehe vor deiner Tür.“ Selbst zu diesem Zeitpunkt glaubt der 40-Jährige an einen Scherz.

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Tobias kommt nach Hause und entdeckt Unglaubliches

„Ich hab dann ziemlich doof geguckt, als da tatsächlich Thomas vor meiner Haustür stand und mich angrinste“, erzählt der Essener. Er schraubt schon seit Ewigkeiten gern an Rollern und Motorrädern rum, deswegen hätten die beiden auch direkt den roten Motorroller, mit dem Thomas nach Essen gekommen ist, inspiziert und die Teile eingebaut.

Thomas schläft bevorzugt in Waldhütten. Im urbanen Ruhrgebiet sind die aber schwer zu finden. Deswegen bieten Tobias und seine Frau dem 54-Jährigen für die Nacht ihr Sofa an. „Das hat noch nie jemand für mich auf meinen Reisen gemacht“, sagt Tomas zu Tobias an diesem Abend.

Schwere Schicksalsschläge

Am nächsten Tag geht dann auch noch der Anlasser an Thomas' Roller kaputt. Zwar können in diesem Fall auch angekickt werden – den 54-Jährigen stellt das aber vor große Herausforderungen. Denn er hatte bereits mehrere Schlaganfälle, saß für zwei Jahre im Rollstuhl. Erst als sein Vater, der sich zuvor wenig um ihn gekümmert hat, ihm einen Roller schenkt, erlangt er ein Stück Freiheit zurück.

Doch die Reparatur des Anlassers ist komplizierter, als vermutet. Bei einem Mechaniker erleben die beiden einen Reinfall – der nimmt Thomas zwar 20 Euro für die Reparatur ab, danach funktioniert er aber noch immer nicht. Also bestellt Tobias einen neuen Anlasser, tauscht ihn gegen ein Funkgerät von Thomas.

„Ihm wurde gezeigt, dass er etwas wert ist.“

Beide Männer helfen dann zusammen noch bei einer Tour des FairSorger Vereins. Dort bekommt Thomas ein paar Schuhe, einige Hygieneartikel, eine Isomatte und ein Zelt. „Er war so unglaublich dankbar“, erzählt Tobias.

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Auch deswegen ist er so stolz auf den Verein, bei dem er seit fast drei Jahren Mitglied ist: „Es wurden keine Fragen gestellt, bis auf ‚Was braucht er?‘ Und das hat er bekommen. Ihm wurde zugehört und gezeigt, dass er etwas wert ist.“

Verein aus Facebook-Gruppe

Der Verein FairSorger ging 2016 aus einer Gruppe Ehrenamtlicher hervor, die sich zuvor über die Facebook-Gruppe „Warm durch die Nacht“ organisiert hatten. „Ab Monatsmitte werden es immer mehr Menschen, die auf uns zukommen. Dann haben wir bis zu 100 Gästen pro Nacht“, erzählt Gründungsmitglied Judith Schüning.

Es gibt inzwischen einige Restaurants, die den Verein unterstützen. „Vor allem die Bäckerei Förster greift uns stark unter die Arme“, so Judith Schüning. Tobias bringt an den drei Terminen in der Woche immer heißes Wasser und Kaffee auf seinem Roller vorbei.

Erneuter Schicksalsschlag

Seit Thomas' Abreise stehen die beiden auch weiter in Kontakt. Und erneut erleidet Thomas einen Schicksalsschlag. Denn bei einer Kontrolle durch die Polizei wird sein Roller eingezogen und muss auf den Prüfstand. Nur seinen Anhänger durfte der 54-Jährige behalten.

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Thomas hat aber kein Geld, um den Prüfstand zu bezahlen. Und Tobias erzählt, wie die unglaubliche und neue Freundschaft gerade weitergeht: „Er hat in Offenburg ein Fahrrad geschenkt bekommen und ist jetzt mit seinem Anhänger auf dem Weg nach Essen. Er schätzt, dass er so in sechs bis acht Wochen hier ist.“

Denn durch seine Krankheit kann Thomas nur wenige Kilometer am Tag fahren. In Essen warten auf ihn ein fahrtüchtiger Roller, ein Kennzeichen und ein Helm – darum will sich Tobias auf jeden Fall kümmern. Eins ist sicher: Die Geschichte dieser Freundschaft ist noch nicht zu Ende erzählt.

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Mehr Informationen zum Verein FairSorger Essen e.V. gibt es hier oder auf der Facebook-Seite.

 
 

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