Essen ist der Wachstums-Primus in Deutschland

Thomas Wels
Essen ist der Hauptsitz vieler großer Unternehmen wie RWE und Evonik.
Essen ist der Hauptsitz vieler großer Unternehmen wie RWE und Evonik.
Die Revier-Metropole holt in der Städterangliste des Hamburgerischen Weltwirtschaftsinstituts stark auf. Essen belegt nun den zehnten Platz. Auch die anderen großen Ruhrgebietsstädten verzeichnen mehr Wachstum.

Essen. Die Statistiken ließen es schon erahnen, jetzt aber hat die Ruhrgebietsmetropole Essen quasi einen wissenschaftlichen Ritterschlag erhalten: In der Städterangliste des Hamburgerischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI) und der Berenberg Bank hat sich Essen vom Platz 21 auf den zehnten Rang katapultiert.

HWWI-Chef Thomas Straubhaar zeigte sich positiv überrascht. „Ich hätte nicht gedacht, dass eine Stadt die Transformation zur wissensbasierten Wirtschaft so schnell hinbekommen kann, zumal wenn sie in einer Region wie dem Ruhrgebiet liegt, das ja doch nach wie vor von großen ökonomischen und sozialen Problemen geplagt ist“, so Straubhaar im „Manager Magazin“.

Die Studie hat verschiedene Kriterien herangezogen wie ökonomische Leistungsfähigkeit, Standortindikatoren wie Bildung, Innovation und Internationalität sowie die Alterung der Bevölkerung.

Stadt lockt hochproduktive Menschen und Kreative an

Essen habe es geschafft, Milieus aufzubauen, um hochproduktive Menschen und Kreative anzulocken. Daran habe auch die Vielzahl von Stiftungen ihren Anteil wie die Krupp-Stiftung, Mercator- oder RAG-Stiftung. Zudem habe die Stadt von der zügigen Erholung der Industrie nach der Finanzkrise profitiert. Als Sitz großer Konzerne wie RWE, Thyssen-Krupp, Hochtief oder Evonik sei er auch für die Zukunft nicht pessimistisch. „Essen zeigt, wie langlebig eine gute Substanz ist“, sagte Straubhaar.

Von der Erholung der Industrie profitieren auch andere Ruhrgebietstädte stark. Essen ist einsamer Spitzenreiter der Top 30 mit einem Wachstum der Produktion je Beschäftigten zwischen 2008 und 2010 von gut 13 Prozent, gefolgt von Gelsenkirchen (rund sechs Prozent), Bochum, Bonn (beide gut fünf) und Duisburg (fünf). Dennoch reicht es für andere Revier-Städte unter den Top-30 nicht für eine Verbesserung in der Rangliste. Duisburg belegt Platz 22, Dortmund Rang 25, Gelsenkirchen ist 28. und Bochum ist auf Platz 29. Vor allem der Demografie-Index belastet die Revierstädte mit einer Prognose schrumpfender Bevölkerungen: zwischen vier und fünf Prozent bis 2025.

Wirtschaftsleistung in Essen ist höher als in Düsseldorf

Die Essener Wirtschaftsförderungsgesellschaft verweist auch auf den starken Dienstleistungsbereich. Der verbindet sich nicht nur mit Namen wie Aldi, Deichmann oder Medion, sondern auch mit einer großen Zahl verschiedenster Dienstleistungen für Unternehmen. Die Wirtschaftsleistung pro Erwerbstätigen in Essen ist enorm: Sie liegt mit rund 81 000 Euro höher als in Düsseldorf mit knapp 80 000 Euro, was auch den Konzernzentralen und der Energiewirtschaft zu verdanken ist.

NRZ-SerieDer Aufstieg Essens zeige, dass „eine starke Industrie langfristig die beste Versicherung für dauerhaften Wohlstand ist“, sagte der Moderator des Initiativkreises Ruhr (IR), Bodo Hombach. Er werte den Erfolg als Trendwende und dafür, dass „angestoßene Kooperationen erste Früchte tragen“.

Hombach, der 69 große Unternehmen im IR vertritt, wirbt dafür, Regionen wie das Revier als Marken zu betrachten. „Eine regionale Marke kann Emotionen wecken, hat Ausstrahlung und schafft Identifikation nach Innen und Außen“, sagte er vor dem Unternehmensverbund Pro Brandenburg. Es sei sinnlos, sich an „einer Imagekorrektur abzuquälen“, Jammerei sei vielmehr schädlich. Das Engagement von Unternehmen für ihre Region finde zunehmend Nachahmer. So ist der Verband Pro Brandenburg nach dem Vorbild aus Essen entstanden, auch Düsseldorf, Köln und Aachen diskutieren über den Aufbau eines Unternehmensverbundes.