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Essen: Flüchtlingshelfer spricht Klartext: „Für diese Flüchtlinge sehe ich schwarz“

Amar Lerari kam 1973 aus Algerien nach Deutschland. Heute setzt er sich für Flüchtlinge in Essen ein.
Amar Lerari kam 1973 aus Algerien nach Deutschland. Heute setzt er sich für Flüchtlinge in Essen ein.
Foto: Alexander Keßel

Essen. Kegelclub, Reihenhaus und Fußball: Fehlt fast nur noch der Dackel bei Amar Lerai (67) aus Essen, um das „typisch deutsche“ Glück perfekt zu machen.

Doch der 67-jährige Rentner hat ganz andere Zeiten miterlebt. Seine Erfahrungen als Neuankömmling in der deutschen Gesellschaft gibt der gebürtige Algerier heute an Flüchtlinge in Essen weiter. Für einige von ihnen sieht er allerdings wenig Perspektive.

Flüchtlingshelfer aus Essen: „Das war die schlimmste Zeit meines Lebens“

Während seiner Kindheit tobte in Amar Leraris Heimat der achtjährige Unabhängigkeitskrieg gegen Frankreich. „Das war die schlimmste Zeit meines Lebens“, erinnert sich der Essener.

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In die Situation von Flüchtlingen kann er sich deshalb nur zu gut hineindenken. Seine Startvoraussetzungen in Deutschland waren jedoch deutlich günstiger.

„Ich kam ins gemachte Nest“

Ein Stipendium der Carl Duisberg Gesellschaft erlaubte ihm ab 1973 ein sorgenfreies Studium (Umwelt-Verfahrenstechnik) in Essen. Die Stiftung sorgte sich um Praktika und Wohnungen. „Ich kam ins gemachte Nest“, gibt der bekennende Rot-Weiss-Essen-Fan zu.

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Nach dem Studium folgte ein Job als Ingenieur im Außendienst. Nicht sein Traumberuf, weil viel zu oft durch Auslandsreisen von der Familie getrennt. Dafür aber immerhin gut bezahlt. Ein Kompromiss. Ein ganz entscheidendes Wort, auf das er donnerstags im „Treffpunkt Süd“ in Altenessen immer wieder hinweist.

„Für manche von ihnen sehe ich schwarz“

Hier nimmt Lerari als ehrenamtlicher Flüchtlingshelfer jede Woche an einem interkulturellen Männertreff teil. Zu Beginn der Flüchtlingskrise wurde das von der Caritas finanzierte Angebot noch rege angenommen. Mittlerweile ist die Teilnehmerzahl deutlich gesunken.

Der Grund: „Unheimlich viele Leute haben einen Job gefunden“, so Lerari, hätten deshalb keinen Bedarf mehr. Das deckt sich mit den Ergebnissen einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg. Demnach sind knapp die Hälfte der seit 2013 nach Deutschland Geflüchteten innerhalb von fünf Jahren in einem festen Arbeitsverhältnis.

Übrig bleiben nach den Erfahrungen des Essener Flüchtlingshelfers vor allem ältere Leute. „Für manche von ihnen sehe ich schwarz“, gibt Lerari zu.

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Das ist der Treffpunkt Süd

  • Begegnungsstätte in Altenessen
  • Zusammenarbeit verschiedener Institutionen und Träger
  • Wechselnde kostenlose Angebote
  • Beratung, etwa für Senioren, Flüchtlinge oder „Hartz 4-Empfänger“
  • Interkultureller Männertreff donnerstags ab 17 Uhr
  • Zum kompletten Angebot geht es hier >>>

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Dabei seien die betroffenen Personen häufig hochqualifiziert: Ingenieure, Rechtsanwälte, Ärzte. Mohamad Obied (57) aus Syrien etwa ist Bauingenieur und sucht händeringend nach einen Job. Seine Geschichte liest du hier >>>

Doch in den meisten Fällen werden die Abschlüsse nicht anerkannt. „Außerdem brauchen die Älteren viel länger, um die Sprache zu lernen“, weiß Lerari. Er rät dazu, sich unter die Leute zu mischen, etwa bei einem Praktikum - auch wenn es fachfremd ist.

„Es fehlt ein bisschen an Realität“

Aber nicht jeder sei bereit, seine beruflichen Ansprüche herunterzuschrauben. „Neulich war ein Mitarbeiter der Bahn im Treffpunkt Süd, um Werbung für den Job als Lokführer zu machen“, sagt Lerari.

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Doch nur jüngere Leute hätten im Gegensatz zu den hochqualifizierten Älteren Interesse gezeigt. Zum Teil könne er das nachvollziehen. Wer in der Heimat einen hoch angesehenen Beruf ausgeübt hat, dem könne man nicht vorwerfen, sich eine adäquate Arbeit in Deutschland zu wünschen.

Aber: „Es fehlt ein bisschen an Realität“, findet Lerari. Wer nicht bereit sei, seine Ansprüche herunterzuschrauben, der habe wenig Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

Der Trost einer verlorenen Generation

Ein Trost bleibt nach Ansicht des Esseners: Die Flucht vor dem Krieg ist gelungen. Die eigene Familie in Sicherheit.

Auch wenn dabei für eine ältere Generation die berufliche Zukunft auf der Strecke bleibe: „Den Kindern stehen alle Türen offen.“ (mit dpa)

 
 

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