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Essen: Experte schlägt Alarm – „Die gefährlichsten Menschen für ein Kind sind die eigenen Eltern!“

Rainer Rettinger, Geschäftsführer des Deutschen Kindervereins in Essen, erklärt, warum es um den Kinderschutz in Deutschland so schlecht steht.
Rainer Rettinger, Geschäftsführer des Deutschen Kindervereins in Essen, erklärt, warum es um den Kinderschutz in Deutschland so schlecht steht.
Foto: Marcel Storch, imago images / imagebroker; Montage: DER WESTEN

Essen. Missbrauchte, verprügelte, misshandelte, getötete Kinder – die Schicksale, von denen Rainer Rettinger erzählt, sind schier nicht zu ertragen. Und sie sind alle wahr.

Seit 2014 ist Rettinger Geschäftsführer des Deutschen Kindervereins in Essen. Der 62-Jährige weiß um die Missstände in unserem Land, die dafür verantwortlich sind, dass tagtäglich Hunderte Kinder in Deutschland nicht den Schutz erhalten, der ihnen zusteht.

Essen: Kinderschutz-Experte nennt erschreckende Zahlen

Im Interview mit DER WESTEN zeigt er schonungslos auf, wie schlecht es um den Kinderschutz in Deutschland steht.

DER WESTEN: Herr Rettinger, Sie befassen sich mit grausamen Fällen von Gewalt an Kindern – wie halten Sie das aus?

Das mag sich komisch anhören, aber ich kann damit relativ gut umgehen. Denn ich will eines: Ich will, dass Kinder gut leben, glücklich leben, dass man sie hört, ihr Wohl vorrangig behandelt wird. Dass sie ein glückliches Umfeld haben und ohne Gewalt groß werden und leben können. Das ist mein Ziel.

Es geht aber hier nicht um mich, sondern uns alle sollte die Frage umtreiben, ob wir mit diesen Zahlen leben wollen. Ein Fall kommt an die Öffentlichkeit, die Presse berichtet darüber, das Entsetzen ist groß – aber so schnell, wie ich mich entsetze, wundere ich mich, wie schnell das auch wieder vergessen wird. Das ist diese Kurzlebigkeit, in der wir uns alle bewegen. Aber wir müssten eigentlich stehen bleiben.

Wie ist es in Deutschland um den Kinderschutz bestellt?

Täglich werden 41 Kinder missbraucht, 11 Kinder krankenhausreif geschlagen, jeden dritten Tag stirbt ein Kind an den Folgen seiner Misshandlung – so geht es aus einer Statistik des BKA hervor. Und das sind nur die Hellfeldzahlen, die zur Anzeige gekommen sind. Das Dunkelfeld ist weitaus größer. Der Missbrauchsbeauftragte Johannes-Wilhelm Rörig schätzt, dass in jeder Schulklasse 1-2 Kinder sitzen, die sexuellen Missbrauch erlebt haben oder erleben. Und wenn man diese Zahlen sieht, dann darf uns das eigentlich alle nicht mehr ruhig schlafen lassen. Besonders erschreckend: Diese Zahlen bleiben Jahr für Jahr relativ stabil.

Woher kommt diese erschreckende Menge an Gewalttaten gegen Kinder?

Die Gründe sind vielfältig. Manche Eltern haben früher selbst Gewalt erlebt, sie haben sich den damals übermächtigen Tätern anpassen und ihre Sicht übernehmen müssen. Andere betäuben sich nach schlimmen Lebensgeschichten mit Drogen oder Alkohol. Viele haben keine Fähigkeit, feinfühlig und respektvoll auf ein Kind einzugehen oder stellen eigene Bedürfnisse rücksichtslos vor die des Kindes. Und das zieht sich durch alle Gesellschaftsschichten. In reichen Familien, so berichtet es immer wieder die Rechtsmedizinerin Saskia Etzold, wird gezielt gegen den Oberkörper oder Rücken geschlagen, wo man wegen der Bekleidung keine blauen Flecke sieht. Ihr jüngstes Gewaltopfer war zwei Tage alt.

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Man erwartet von dem Kind in Mathe beispielsweise eine Eins, und weil es mit einer Zwei nach Hause kommt, kommt es für eine Nacht in den dunklen Keller. Oder: Weil sie nicht aufhören zu schreien, setzt man Kinder auf eine kochend heiße Herdplatte. Aber es geht ja nicht nur um körperliche, sondern auch um seelische Wunden.

Was kann die Politik gegen diese Zustände tun, bzw. was unternimmt sie bereits?

Es wird geplant, dass Grundgesetz dahingehend zu ändern, dass das Wohl der Kinder von nun an angemessen zu berücksichtigen sei. Damit missachtet man aber die UN-Kinderrechtskonvention von 1989 – denn da ist eindeutig zu lesen, dass das Wohl der Kinder vorrangig zu berücksichtigen ist. Da liegt der schwächste Entwurf auf dem Tisch, über den eine interministerielle Arbeitsgruppe nahezu zwei Jahre lang diskutiert hat. Unfassbar.

Kinder werden durch diese schockierenden Taten schwer traumatisiert. Wie wirkt sich das auf das weitere Leben der Betroffenen aus?

Viele Opfer können erst nach 20, 25 oder sogar 30 Jahren über das reden, was sie erlebt haben. Sie leiden ein Leben lang unter den Taten. Sie verlieren ihre Lebensfreude, können kaum Vertrauen zu anderen Menschen aufbauen, der Lebensmut schwindet. Wenn die Taten vor Gericht kommen, müssen die Betroffenen in der Verhandlung über ihre Erlebnisse reden – unter Beobachtung des Richters und vor allem des Täters. Das ist das Grausamste, was es gibt.

Wir haben ja Kontakt zu einem Lügde-Opfer. Die heute junge Frau ist im Alter von elf bis 17 mehrfach vergewaltigt worden. Sie hat das ihrer Mutter erzählt, doch die hatte zuhause nichts zu sagen. Dann hat sie es ihrem Vater erzählt, der hat ihr nicht geglaubt. Und dann kapselte sie die Erinnerung ein, entwickelte eine Amnesie. Als sie endlich darüber reden konnte, war es verjährt. Das ist schrecklich. Das begleitet Sie ein Leben lang. Und das ist kein Einzelfall. Deshalb fordern wir gemeinsam mit dem Betroffenenrat die Abschaffung der Verjährung dieser Delikte.

Drastisch gesagt: Wenn das Opfer zu lange braucht, um das Erlebte zu verarbeiten, hat der Täter Glück gehabt?

So schrecklich sich das anhört. Aber ja, das ist definitiv so.

Ihr Verein bezeichnet den Kinderschutz als „eine der größten sozialen Baustellen“ Wo genau sehen Sie das Problem?

Wir haben 186 Jugendämter allein in Nordrhein-Westfalen und kaum eine Behörde arbeitet wie die andere. Es ist sogar so, dass eine große Stadt mehrere Bezirke hat und die Bezirke arbeiten auch noch ganz unterschiedlich. Von Amt zu Amt ist das Verständnis des staatlichen Schutzauftrages verschieden ausgeprägt. Man muss aber auch die Situation in den Jugendämtern klar sehen. Es fehlt massiv an Personal, massiv an Ausstattung. Die Mitarbeiter sind überfordert und betreuen zum Teil zwischen 80 und 100 Familien, teilweise mit mehreren Kindern. Bei einem Drittel der Jugendämter gibt es kein Einarbeitungsmodell für neue Mitarbeiter. Die neuen Mitarbeiter werden dann ohne Erfahrung mit furchtbaren Kinderschutzfällen konfrontiert – das ist unverantwortlich – für die Mitarbeiter aber vor allem für die Kinder. Zudem existieren zum Thema Kinderschutz in der pädagogischen Ausbildung kaum Lehrangebote. Ernsthaft: So kann kein Kinderschutz gewährleistet werden!

Dieses furchtbare Zusammenspiel aus fehlender Erfahrung, schlechter Ausstattung, aber auch ungenügender Qualifikation der Jugendamtsmitarbeiter erklärt die hohe Anzahl an misshandelten oder sogar getöteten Kindern, deren Familien unter der Aufsicht des Jugendamtes standen. Fehlende Ausbildung führt zwangsläufig zu Fehleinschätzung.

In welchem Kontext treten Fälle von Kindesmissbrauch am Häufigsten auf?

Kindesmisshandlung und sexuelle Gewalt findet nahezu ausschließlich im familiären Umfeld statt. Unser Botschafter Prof. Dr. Michael Tsokos, Leiter des Instituts für Rechtsmedizin der Berliner Charité hat den krassen Satz gesagt: „Die gefährlichsten Menschen für ein Kind sind die eigenen Eltern.“

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Deswegen kann man immer nur sagen: Bitte verschließt vor dem eigentlich Unsagbaren nicht die Augen. Keine Angst haben, wenn man einen Verdacht hat und der Auffassung ist, da stimmt etwas nicht. Man muss handeln, bitte nicht wegsehen oder sagen: das geht mich nichts an.

Damit ein derartiger Verdacht entstehen kann, muss man die Anzeichen richtig erkennen und interpretieren können.

Kinder senden viele Zeichen. Übergroße Ängstlichkeit. Aggressivität. Schlafstörungen. Und ein ganz wichtiger Punkt: Kinder verarbeiten das Erlebte im freudlosen Nachspielen des Traumas. Oder das Kind hatte Fähigkeiten und plötzlich sind die einfach weg! Komplett weg! Das sollte eigentlich in der Kita oder in der Schule auffallen. Zwar reden viele Kinder nicht, aber wenn doch, vertrauen sie sich vielleicht ihrem besten Freund oder ihrer besten Freundin an. Und deshalb ist es so wichtig, mit diesem Thema in die Schulklassen zu gehen und darüber aufzuklären. Damit vielleicht der Freund oder die Freundin sich ein Herz fasst und etwas sagt.

Zuletzt haben die grausamen Fälle in Lügde oder Bergisch Gladbach sprachlos gemacht. Was muss in Nordrhein-Westfallen geschehen, um Kinder effektiver vor Missbrauch und Misshandlung schützen zu können?

Die Dimensionen der Fälle Bergisch Gladbach oder Lügde sind unfassbar. Zum Fall Lügde habe ich von Politikern allen Ernstes gehört, das sei ein Einzelfall. Aber das ist es nicht. Wir haben ein Problem in ganz Deutschland und nicht nur in NRW.

Der Landtag in Nordrhein-Westfalen hat einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss und eine Kinderschutzkommission eingesetzt. In letzterer sitzt aber kein einziger unabhängiger externer Experte. Stattdessen beschäftigen sich thematisch unerfahrene Landtagsabgeordnete nun mit Kinderschutz. Wir bräuchten zudem einen Kinderschutzbeauftragten mit dem Schwerpunkt sexuelle Gewalt. Er sollte ein gutes Fach-Team an seiner Seite haben und bestehende Strukturen und Verfahren im Kinderschutz kritisch im Blick haben. Und er sollte dem Ministerpräsidenten zugeordnet sein und unabhängig agieren können.

Einer der Fälle, die im letzten Jahr für große Bestürzung sorgten, war der Fall des kleinen Luis (2) aus Essen. Im Sommer verdurstete der kleine Junge, nachdem er 17 bis 18 Stunden in einem etwa 30 Grad heißen Raum alleine gelassen wurde. Die Familie war dem Jugendamt bekannt.

Aufgrund dieses Falls ist das Jugendamt zu der Erkenntnis gekommen, einen externen Gutachter zu beauftragen, der die Vorgänge im Jugendamt Essen durchleuchten soll. Das ist ja schon mal ein positiver Schritt, dass das Jugendamt seine eigenen Abläufe hinterfragt.

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Das Gutachten des Jugendamtes Essen sollte eigentlich mittlerweile fertig sein. Man hört im Moment aber nichts mehr davon. Ich hoffe sehr, dass die Stadt Essen dieses Gutachten auch veröffentlicht.

Ganz allgemein betrachtet muss sich bei all den erschreckenden Zahlen und Statistiken jeder Lehrer, jedes Jugendamt, jeder Kinderschützer fragen: „Welches Kind habe ich nicht gesehen?“ Nicht wegschauen. Bitte lieber sagen: „Okay, ich gehe das Risiko ein.“ Selbst, wenn der Verdacht unbegründet ist. Aber er könnte auch begründet sein. Und dann habe ich eben nicht reagiert. Und damit könnte ich persönlich nicht leben. (at)

 
 

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