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Essen: „Es gab nichts mehr zu helfen“ – So gehen die Mitarbeiter der Telefonseelsorge mit Krisen um

Essen: Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Telefonseelsorge haben ein offenes Ohr für deine Probleme. (Symbolbild)
Essen: Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Telefonseelsorge haben ein offenes Ohr für deine Probleme. (Symbolbild)
Foto: imago images / Westend61

Essen. 23 Minuten dauert ein Telefonat der Telefonseelsorge Essen im Durchschnitt. 23 Minuten, in denen die Anrufer der 0800/1110111 sich ihren Kummer von der Seele reden können.

Doch auch die Frauen und Männer auf der anderen Seite der Leitung sind nur Menschen. Wie gehen die Ehrenamtler mit den traurigen Geschichten um, die sie regelmäßig anhören?

Essen: Telefonseelsorge begleitet Menschen durch Krisen

Etwa 100 Anrufer zählen die katholische und evangelische Telefonseelsorge in Essen jeden Tag, 24 Stunden lang. Brigitta B. (Name geändert) ist eine der Ehrenamtlerinnen, die diese Anrufe anonym entgegennimmt.

Die Menschen, mit denen sie spricht, durchleiden oft eine Krise oder wünschen sich Lebensbegleitung. „Sie suchen jemanden, der auf Augenhöhe mit ihnen spricht, der ihnen Raum gibt, der sie bedingungslos annimmt“, erklärt Elisabeth Hartmann, die die Mitarbeiter der Telefonseelsorge koordiniert.

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Genau das macht Brigitta seit fast zehn Jahren. „Oft kommt es nicht darauf an, was man sagt, sondern dass man zuhört“, berichtet sie. Viele der Anrufer seien einsam, manche haben finanzielle Schwierigkeiten. Etwa 36 Prozent leiden unter einer psychischen Erkrankung, bei anderen wurden schwere oder chronische Krankheiten diagnostiziert. Etwa zehn Prozent der Anrufer spielen mit Suizidgedanken.

Bewegende Geschichten am Telefon

Brigitta lässt sie reden, weinen, hört ihnen zu. Gibt auch mal einen Rat, wenn es angebracht ist. Viele bewegende Geschichten hat sie während ihres Ehrenamtes schon gehört.

Ein Anruf aus ihrer Anfangszeit will ihr nicht mehr aus dem Kopf gehen. Der Mann auf der anderen Seite der Leitung habe geweint. Er habe Leberkrebs im Endstadium, nicht mehr viel Zeit zum Leben. Was werde aus seiner Frau, seinen Kindern?

„Es gab nichts mehr zu helfen“, sagt Brigitta. „Er wusste das und er wollte einfach nur reden.“ Das seien die schwierigsten Gespräche: Wenn man sich selber ohnmächtig fühle.

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Selbsterkenntnis im Gespräch mit Fremden

Brigitta realisierte: Es geht gar nicht darum, Ratschläge zu geben. Viel wichtiger sei es, emotionale Nähe herzustellen und den Anrufern mit Wertschätzung und Ermutigung entgegenzutreten.

Durch die offene Haltung kommt nicht nur bei den Anrufern, sondern auch bei ihr selbst ein Reflexionsprozess in Gang. „Durch die Arbeit schaue ich auch anders auf mein eigenes Leben. Man hört so viel Not, so viel Elend – so schwer ist mein momentanes Problem gar nicht“, sagt Brigitta.

Außerdem habe sie gelernt, einen emotionalen Schalter umzulegen, sobald sie die Räume der Telefonseelsorge betritt.

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Nicht alle Anrufer wollen über Probleme sprechen

Scherzanrufe wie etwa eine vermeintlich lustige Pizzabestellung seien nur selten dazwischen. Sexualanrufe kämen hin und wieder vor – etwa, wenn der Anrufer gern Zuhörer bei der Selbstbefriedigung hätte. Die bekommt er bei der Telefonseelsorge natürlich nicht – die Mitarbeiter blocken solche Anrufe ab.

Falls du Lust bekommen hast, dich bei der Telefonseelsorge zu engagieren, kannst du dich ab jetzt für dieses Ehrenamt bewerben. Nach der einjährigen Seelsorger-Ausbildung ab Januar 2020 kannst du dann selbst Hilfesuchende betreuen. Weitere Infos gibt's unter der 0201-74748-17 oder auf der Website der Telefonseelsorge Essen. (vh)

 
 

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