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Essen: Clan-Oberhaupt nach Gewalt-Eskalation vor Gericht – explodierte deshalb die Lage zwischen Großfamilien?

Essen: Jamal Rammo bei einem Polizeieinsatz in der Shishabar seines Sohnes.
Essen: Jamal Rammo bei einem Polizeieinsatz in der Shishabar seines Sohnes.
Foto: FUNKE Foto Services

Essen. Ein brutales Video brachte im vergangenen Sommer das Fass zum Überlaufen.

Es war der Auslöser für eine Clan-Fehde, die Essen wochenlang in Atem hielt. Und deren juristische Aufarbeitung in dieser Woche weitergeht. Seit Dienstag muss das Essener Familienoberhaupt Jamal Rammo sich vor dem Landgericht in Essen verantworten.

Essen: Clan-Boss Jamal Rammo vor Gericht

Schwerer Raub, gefährliche Körperverletzung und Beleidigung von Polizisten wird dem mehrfach vorbestraften 46-jährigen Libanesen und seinem Bruder Firas vorgeworfen. Die beiden erstgenannten Vorwürfe sollen laut Staatsanwaltschaft aus einer Racheaktion resultieren.

Rammos Sohn war von einem Mädchen auf einen Schulhof gelockt worden und dort von acht jungen Männern brutal verprügelt worden. Das Video der Tat sorgte für Entsetzen.

Rammos sollen zu Rachefeldzug losgezogen sein

Am 1. Juli 2019 soll die Rammo-Familie zum Rachefeldzug losgezogen sein. Gemeinsam mit seinem ebenfalls angeklagten Bruder Firas und seinen Söhnen soll Jamal Rammo laut Anklage in der Beisingstraße auf Angehörige der Omeirats losgegangen sein. Sein Bruder soll mit einem Gürtel in das Gesicht eines Opfers geschlagen haben, Jamal Rammo mit einem Teleskopstock auf die Widersacher eingeprügelt haben, bis die Polizei mit einem Großaufgebot anrückte. Da Rammo seinem Widersacher auch ein Handy entrissen haben soll, lautet die Anklage auf schweren Raub.

Der Angeklagte Jamal Rammo wollte sich vor dem Prozess nicht zu den Vorwürfen äußern. Sein Anwalt Burkhard Benecken sagte gegenüber DER WESTEN: „Soweit es um den Hauptvorwurf des schweren Raubes geht, wird sich meines Erachtens nach Anhörung der betreffenden Zeugen die Unschuld meines Mandanten herausstellen.“

„Ich werde dich töten“, soll ein Angreifer geschrien haben

Auch die ebenfalls in den Schulhof-Angriff verstrickte Saado-Familie wurde ins Visier genommen. Am Gänsemarkt jagte am 29. Juli ein Rammo-Sohn einen Widersacher mit einem Messer und brüllte ihm hinterher: „Ich werde dich töten“. So zitiert „Focus Online“ aus den Ermittlungsakten. Am Folgetag kam es zu einem weiteren Angriff mit Messern, Eisenstangen und Kanthölzern. Jamal Rammo beteuert gegenüber der Polizei, die Gegenseite habe mit Messern und Macheten zuerst angegriffen.

Der ursprüngliche Vorwurf des Landfriedensbruch findet sich nicht mehr in der Anklage. „Das Gericht konnte nicht feststellen, dass die juristischen Bedingungen für einen Landfriedensbruch gegeben waren“, erklärte Gerichtssprecher Dr. Tim Holthaus.

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Großfamilien haben Streit beigelegt

Mittlerweile soll es zwischen den verfeindeten Parteien zu einem Frieden und einer Entschädigungszahlung gekommen sein. Ein Video dokumentierte diesen.

Schon zuvor soll es Versuche gegeben haben den Konflikt durch Paralleljustiz beizulegen. Anfang Juli 2019 parkten Nobelkarrossen mit Berliner Kennzeichen vor der Shishabar am Weberplatz. Clan-Mitglieder aus Berlin waren angereist, um die Auseinandersetzung auf dem Altendorfer Schulhof zu klären. Ein Friedensrichter sollte vorbei an der deutschen Justiz Recht sprechen. Die Polizei hatte Wind bekommen und rückte mit einem Großaufgebot an, stellte Messer und ein Baseballschläger sicher.

Inzwischen sind die Jugendlichen für den brutalen Angriff zu teilweise mehrjährigen Haftstrafen verurteilt worden. Unklar blieb im Prozess jedoch der Auslöser für die Taten. Einer der Angeklagten sagte damals aus: „Es war ein Streit zwischen den Familien Saado und Rammo. Die Saados wollten mehrere Großfamilien involvieren.“

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Anwalt Benecken: „Wer vom Staat durch willkürliche Maßnahmen so in die Enge getrieben wird, der verliert unter Umständen die Fassung“

Doch was die Hintergründe angeht, sind die Ermittler inzwischen schlauer. Im Lagebericht Clankriminalität heißt es dazu: „Polizeiliche Ermittlungen ergaben, dass der Grund für die gefährliche Körperverletzung auf dem Schulhof aus einem Streit zwischen den beiden türkisch-arabischstämmigen Großfamilien um eine ausstehende Geldzahlung im Rahmen einer Schlüsseldiensttätigkeit resultierte.“

Ein Mitglied der Rammo-Familie soll ein Mitglied der verfeindeten Großfamilie daraufhin mit dem Auto angefahren und verletzt haben. Der Vorfall löste offenbar eine Kettenreaktion aus, deren Folgen jetzt das Gericht in Essen unter strengen Sicherheitsvorkehrungen aufarbeiten muss.

Doch auch weitere Punkte sind angeklagt. Rammo soll einen Zeugen auf dem Gerichtsflur bedroht haben und die Brüder sollen Polizisten - unter anderem als „Spacko“ - beleidigt haben.

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Rammos Anwalt Burkhard Benecken erklärt dazu vor dem Prozess: „Wenn Herrn Rammo verbale Verfehlungen gegenüber Polizeibeamten zur Last gelegt werden, ist meines Erachtens zu berücksichtigen, dass die unzähligen und unverhältnismäßigen Razzien in der ehemals von Herrn Rammo jr. betriebenen Shisha-Bar den finanziellen Ruin dieses Gastronomie-Betriebs verursacht haben. Wer vom Staat durch willkürliche Maßnahmen so in die Enge getrieben wird, der verliert unter Umständen die Fassung und sagt Dinge, die er normalerweise nicht geäußert hätte.“