Essen: Polizei durchsucht Shisha-Bars – ausgerechnet ER wird festgenommen

Clan-Fehde in Essen: Eine Chronologie

Prozess um einen hinterhältigen Schulhof-Angriff in Altendorf, der einen Clan-Clinch auslöste.

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Éssen. Bei einer erneuten Razzia gegen Clankriminalität in Essen am späten Freitagabend ist ein per Haftbefehl gesuchter Mann festgenommen worden. Das bestätigt die Polizei Essen auf Nachfrage von DER WESTEN.

Essen: Razzia gegen Clankriminalität am „Chocolate“

Polizisten kontrollierten unter anderem die Shisha-Bar „Chocolate“ an der Kastanienallee in der nördlichen Innenstadt. Dort trafen sie auf den Gesuchten. Nach Informationen von DER WESTEN soll es sich jedoch um eine bekannte Clan-Größe in Essen handeln: Jamal Rammo (45), ein libanesischstämmiger Mann, gegen den Haftbefehl wegen schweren Raubes und gemeinschaftlicher gefährlicher Körperverletzung vorlag.

Rammo soll Sohn nach Schulhof-Schlägerei gerächt haben

Rammo soll sich dafür gerächt haben, dass sein Sohn im Sommer auf einem Essener Schulhof von zehn Jugendlichen verprügelt wurde. Er wurde dafür bestraft, eine verbotene Beziehung zu einem Mädchen aus einem verfeindeten Clan geführt zu haben. Die Täter drehten ein Video von der Tat.

Jamal Rammo soll die Rache eingefädelt haben, Mitglieder der Rammo-Familie sind auf die Schulhof-Schläger losgegangen. Neben der Festnahme Rammos stellte die Polizei 16 Ordnungswidrigkeiten fest und beschlagnahmte unversteuerten Shisha-Tabak. Die Shisha-Bar war bereits in der Vergangenheit Ziel mehrerer Polizeikontrollen.

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Neun Objekte in der Essener Innenstadt durchsucht

Insgesamt durchsuchte ein Großaufgebot an Polizisten am Freitagabend neun Objekte in der Essener Innenstadt. Damit war der Einsatz am Freitagabend eine weiterer der „tausend Nadelstiche“, mit der die Polizei laut NRW-Innenminister Herbert Reul gegen die Clankriminalität in Nordrhein-Westfalen vorgehen will.

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Woher kommen die Clans?

  • Wenn die Rede von kriminellen Araber-Clans ist, sind meist Mitglieder von Großfamilien mit türkisch-arabischen Wurzeln gemeint. In Deutschland gehören nach Schätzungen des Bundeskriminalamts (BKA) rund 200.000 Menschen zu solchen Großfamilien.
  • Die meisten von ihnen sind nicht kriminell. Manche aber haben sich zu mafiösen Gruppierungen zusammengeschlossen, nutzen familiäre Strukturen für kriminelle Geschäfte.
  • Sie leben häufig in einer abgeschottenen Parallelwelt, erkennen staatliche Strukturen nicht an. Straftaten werden zu internen Probleme erklärt, die innerhalb der Familien von sogenannten Friedensrichtern geregelt werden.
  • Viele haben eine türkische (15 Prozent) oder libanesische (31 Prozent) Staatsangehörigkeit, 36 Prozent haben eine deutsche Staatsangehörigkeit, fünf Prozent sind staatenlos.
  • Ausweisungen von Intensivtätern sind entsprechend schwierig

Mhallami kamen aus der Türkei

  • Das wesentlichste Kriterium der Zugehörigkeit des Einzelnen zum Clan ist die tatsächliche familiäre Verwandtschaft. Viele stammen ursprünglich aus dem Libanon, aus Syrien, dem Irak oder der Türkei. Vor allem im Ruhrgebiet wird häufig von Libanesen-Clans gesprochen. Gemeint sind dann kriminelle Mitglieder von Familien, die ursprünglich aus der Türkei und aus Syrien stammen. Sie gehören zu den sogenannten Mhallami, einer arabischstämmigen Volksgruppe.
  • Viele von ihnen wurden nach dem Ersten Weltkrieg aus der Türkei vertrieben und siedelten sich im Libanon an - oft fehlten ihnen die Mittel für Pässe und eine Einbürgerung. Hier lebten viele der Familien am Rand der Gesellschaft Als dort Bürgerkrieg ausbrach (1975 bis 1990), flohen viele der Familien nach Deutschland.
  • Viele haben in ihrer Fluchtbiographie gelernt, sich auf sich selbst und den Familienclan zu verlassen, wenn es ums Überleben geht. Diese Einstellung haben sie gewissermaßen importiert.

Clans in NRW: Viele Familienmitglieder haben nur einen Duldungsstatus

  • Sie kamen über Ost-Berlin in den Westen, beantragten Asyl und wurden auf verschiedene Bundesländern verteilt - vor allem nach Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Bremen. Hier gab es einen Abschiebestopp, sie erhielten als Staatenlose direkt eine Duldung und blieben im Land. Bei nicht wenigen blieb der Duldungsstatus bestehen, über Generationen.
  • Menschen mit Duldungstatus haben es auf dem Arbeitsmarkt schwer: Eine selbständige Tätigkeit ist ihnen untersagt, eine Beschäftigung als Arbeitnehmer ist nur auf Antrag und nach Zustimmung durch die Ausländerbehörde möglich. Manche Experten sehen hierin eine mögliche Ursache dafür, dass sich aus der Perspektivlosigkeit heraus kriminelle Netzwerke innerhalb der Familien gebildet haben.

Die nördliche Innenstadt von Essen gilt schon länger als „gefährlicher Ort“. Das bedeutet, dass Ausweiskontrollen durchgeführt werden dürfen, ohne dass ein konkreter Verdacht besteht. (lin)

 
 

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