„Essen braucht eine stärkere Lobby für Kinder“

Essen. Als erste Stadt Deutschlands gründete Essen 1988 ein Kinderbüro. „Kinder sind König“ sollte fortan das Credo sein. Doch ist das bei gekürzter Förderung und geschlossenen Bädern nicht die pure Ironie? Wir sprachen mit Manfred Reindl und Wolfgang Thielen, Vorstand der „Kinderstiftung Essen“.

Was sind die Kernziele der Kinderstiftung?

Wolfgang Thielen:Im Wesentlichen fördern wir alle Maßnahmen, die Essen für Kinder lebenswerter machen. Wir unterstützen diverse Projekte, wie etwa kinderfreundliches Bauen und Wohnen, die Familienkarte oder spezielle Kulturangebote für Kinder. Die Stiftung ist ein Zusammenschluss aus engagierten Privatleuten und Unternehmen aus Essen.

Lebten im Jahr 2000 noch 99.118 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren in Essen, sind es laut Stand Dezember 2009 nur noch 89.091. Ist daran nur der demografische Wandel Schuld?

Manfred Reindl: Nein, dafür gibt es viele andere Gründe. Die Stadt hat es versäumt, genügend familiengerechte Wohnungen zur Verfügung zu stellen. Hauptgrund für die Abwanderung junger Familien in den „Speckgürtel“ wie Gladbeck oder Velbert sind die hohen Kosten in Essen. Welcher Familienvater ist schon bereit, in einer Mietwohnung einen Quadratmeterpreis von fünf bis sechs Euro zu zahlen, wenn er nebenan günstiger Eigentum erwerben kann?

Thielen: Ein weiteres Problem sind die Kindertagesstätten. Es gibt einfach nicht ausreichend Plätze für eine Ganztagsbetreuung. Da haben benachbarte, kleinere Kommunen für Familien mehr zu bieten. Essen wird somit mehr und mehr zur Pendlerstadt.

Was könnten Sie als Kinderstiftung dagegen tun?

Thielen:Als Kinderstiftung sind wir Mahner der Stadt und Vermittler zur Essener Wirtschaftz zugleich. Ich denke, dass die Privatwirtschaft noch mehr in die Pflicht genommen werden muss. Viele der großen DAX-Unternehmen sitzen in Essen. Eon machte den Anfang, RWE folgt, indem die Unternehmen eine neue Kitas finanzieren. Die sind zwar für alle offen, Kinder von Mitarbeitern haben jedoch Vorrechte auf einen Platz. So müssten mehr Unternehmen agieren, um für ihre Arbeitnehmer Anreize zu schaffen.

Reindl:Schon jetzt setzen sich viele Unternehmen ein, auch in der Kinderstiftung. Gleiches gilt für kleinere Projekte wie den Leuchtturm. Sie alle leisten sehr gute Arbeit. Generell gilt aber, dass es mehr privates Engagement braucht, um diese Stadt für Kinder lebenswert zu gestalten. Denn die Zwänge, in denen die Stadt ist, werden sich noch dramatisieren. Natürlich sitzt nach der Wirtschaftskrise aber auch bei den Unternehmen das Geld nicht so locker, das haben wir bei unseren Spenden im vergangenen Jahr deutlich gemerkt. Die Bereitschaft ist da, die Möglichkeit aber fehlt.

Wie eng ist die Stiftung mit der Stadt verzahnt?

Thielen:Wir arbeiten eng mit der Verwaltung und Einrichtungen wie dem Kinderbüro zusammen. Außerdem treten wir bei bei der Umsetzung des Ziel- und Maßnahmenplans „Essen. Großstadt für Kinder“ auch mal mit erhobenem Zeigefinger auf, wenn es um die Kinder- und Jugendeinrichtungen geht.

Jugendzentrum Papestraße, sanierungsbedürftiges Spielhaus an der Gruga, geschlossene Schwimmbäder. Passt der Slogan „In Essen sind Kinder König“ überhaupt noch?

Reindl:Man muss sich fragen, ob die Politiker es wirklich ernst meinen, wenn sie von „Kinder sind Zukunft“ sprechen. Beiträge im Jugendbereich werden gestrichen, auf der anderen Seite bereitwillig die Folgekosten des neuen Museums Folkwang getragen. Das Geschenk der Krupp-Stiftung ist ohne Frage ein wunderschönes Museum, für das man dankbar sein sollte. Gleichwohl sei aber die Frage erlaubt, ob die Stadt ihre geringen Mittel immer an der richtigen Stelle ausgibt. Wenngleich zu sagen ist, dass die Verwaltung nicht allein Schuld an der Misere ist. Bund und Land ziehen den Kommunen immer mehr den Boden unter den Füßen weg, etwa durch das Wachstumsbeschleunigungsgesetz mit einbrechenden Gewerbesteuern.

Thielen: Genau hier liegt das Problem. Ich denke, dass mit einer Umschichtung der Gelder vieles optimiert werden könnte. Das gilt vor allem für die Kindertagesstätten. Hier sollte nach Bedarf und nicht nach Lage des Stadtteils entschieden werden. Im Essener Norden etwa ist der Bedarf nach einem guten Bildungsangebot riesig, vor allem, um bei dem hohen Migrantenanteil die Integration zu verbessern. Stattdessen werden Einrichtungen geschlossen. Vor diesem Hintergrund kann Essen nicht von sich behaupten, dass Kinder hier Könige sind. In einigen Stadtteilen wachsen bis zu 25 Prozent der Kinder in Armut auf. Da frage ich mich, warum es in Essen für alles eine Lobby gibt - für Kultur, Sport und wirtschaftliche Interessen aber nicht für Kinder. Denn, dass sie unsere Zukunft sind, ist nun wirklich mehr als ein emotionaler Spruch, das ist eine Tatsache.

 
 

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