Erstmals Gottesdienst mit kirchlichem Segen beim Christopher Street Day in Essen?

Von Tim Walther
Foto: Uli von Born
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Der heute startende Christopher Street Day der Homosexuellenbewegung will mehr sein als bunt, laut und schrill: Erstmals gibt es einen Gottesdienst – den die beiden großen Konfessionen „zur Kenntnis nehmen“.

Essen. Kleine Sünden, so könnte man meinen, bestraft der liebe Gott sofort: So war’s zumindest im vergangenen Jahr beim Christopher Street Day in Essen, als der grüne Essener Bundestagsabgeordnete Kai Gehring bei einer Podiumsdiskussion Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck und dessen Talkshow-Auftritt bei Anne Will in der ARD scharf kritisierte („Wer als Ruhrbischof diese Form von Homophobie sät, wird noch mehr Kirchenaustritte ernten“), und Petrus anschließend ausgiebig Regenwolken über dem Kennedyplatz ausquetschte.

Die Wogen der Empörung haben sich mittlerweile geglättet. Das Forum Essener Lesben und Schwulen (Fels) suchte den Dialog mit dem Bischof, es gab ein Gespräch. Die Debatte ist ruhiger geworden – wohl auch, weil der konservative Overbeck schlicht bei seiner Linie blieb. Umso erfreulicher ist für die Aktivisten, dass es heute um 17 Uhr erstmals einen CSD-Gottesdienst in der Marktkirche gibt – mit der „Kenntnisnahme“ des Bistums und des evangelischen Stadtkirchenkreises. Die Predigt hält jedoch der alt-katholische Priester Christian Rütten. Römische Katholiken und Evangelen schicken keinen Pastor oder Pfarrer in die Bütt, angeblich aus Zeit- und Personalmangel.

Wille, Kirchen einzubeziehen

Ob vorgeschobene Entschuldigung oder nicht, die CSD-Verantwortlichen sind zufrieden und erfreut, weil beide Kirchen zumindest schriftlich ihren „Segen“ gaben. „Wir haben ja das Anliegen, die Kirchen miteinzubeziehen. Uns geht’s beim CSD nicht bloß darum, Party zu machen“, erklärt Dietrich Dettmann vom Verein „Essen Andersrum“ und verweist auf ein erfolgreiches Beispiel: Zum Welt-Aids-Tag gab es einen Gottesdienst mit einem evangelischen Pfarrer. Hinter der Messe am Freitag stehen die Aidshilfe, die Alt-Katholische Kirchengemeinde, die Evangelische Beratungsstelle für Schwangerschaft, Familie und Sexualität – und eben auch die zum Ruhrbistum gehörende Aidsberatung der Caritas.

Die Leiterin letzterer Einrichtung hatte an die Bistumsleitung wegen einer Teilnahme (in welcher Form auch immer) geschrieben. Eine Antwort bekam sie auch, ihr Inhalt sinngemäß und kurz gefasst: Eine Partizipation schließe man grundsätzlich nicht aus, aber wegen Überlastung könne man personell leider nicht mit von der Partie sein. Nachhaken konnte die NRZ leider nicht bei den Kirchen: Wegen der Urlaubszeit war von den jeweiligen Pressestellen gestern keine Auskunft zu bekommen.

„Wollen nicht die Auseinandersetzung mit dem Bischof fortsetzen“ 

Als Abfuhr interpretierten die Verantwortlichen des CSD die damalige Replik der Kirchen jedenfalls nicht. „Uns geht’s es ja nicht um die Fortsetzung einer Auseinandersetzung mit dem Bischof“, sagt etwa Diplom-Sozialarbeiter Markus Willeke von der Aidshilfe, „aber gerade gläubige Homosexuelle empfinden das Bedürfnis eines Dialogs mit der Kirche“. Er verweist etwa auf die Dialog-Reihe Overbecks in der katholischen Bildungsstätte „Die Wolfsburg“ in Mülheim, wo der Bischof mit Besuchern abendfüllend und kontrovers über Homosexualität und Kirche debattierte. Eine Initiative, die den gleichen Namen trägt wie die Diskussionsveranstaltung – „Homosexualität und Kirche“ – wird auf dem Kennedyplatz am Samstag erstmals mit einem Stand vertreten sein.

Dass es schwierige Punkte im Verhältnis zueinander gibt, zeigt das Beispiel der Caritas und deren Aidsberatung. Das leugnet keine Seite und man merkt es auch bei der Wortwahl. Sie ist vorsichtig, aber bestimmt. „Wir sind als Caritas für kranke Menschen und Menschen, die in Not geraten, da“, sagt Referent Christoph Grätz. Eine Verbindung zur Zielgruppe gebe es nun einmal beim CSD.

Den und die Anliegen der homosexuellen Gemeinde vor Ort würde Dietrich Dettmann gerne auch mit einer Rubrik auf der Startseite der städtischen Internet-Homepage repräsentiert sehen: „100 Prozent Essen gibt es nur mit Schwulen und Lesben.“

Politisches beim Ruhr-CSD 2012

Der Christopher Street Day 2012 widmet sich am zweiten Tag, dem Samstag, ab 12 Uhr unter dem Motto „Akzeptanz, Gleichberechtigung und Respekt. Jetzt!“ seiner Aufgabe als politischer Demo für die Anliegen von Homosexuellen. Das weckt das Interesse der Parteien, vor Ort zu sein – auch wenn CDU und FDP in anderen Städten zuletzt wegen ihres Abstimmungsverhaltens im Bundestag bei der Frage der Gleichstellung von Ehe und Lebenspartnerschaft Kritik abbekamen.

Die CDU Essen beteiligt sich mit einem Infostand. Als Gäste kommen die ehemalige Landtagspräsidentin und Abgeordnete Regina van Dinther sowie Regina Görner aus dem CDU-Bundesvorstand. Die FDP schickt ein (Info)-Mobil – aber ohne Guido Westerwelle. Die Liberalen vor Ort werden von dem Dortmunder Bundestagsabgeordneten Michael Kauch unterstützt. Die Linken schicken den Sprecher der NRW-Arbeitsgemeinschaft „queer“, den Düsseldorfer Frank Laubenburg, auf die Bühne für die Diskussion mit Vertretern aller beteiligten Parteien.

Insgesamt 40 Infostände erwarten die Besucher am Samstag auf dem Kennedyplatz.