Essen

Ermittler über kriminelle Clans: „Wollen Clan-Bosse wegholzen“

Im Rahmen der Null-Toleranz-Strategie gegen kriminelle Clans führt NRWregelmäßig Razzien durch.
Im Rahmen der Null-Toleranz-Strategie gegen kriminelle Clans führt NRWregelmäßig Razzien durch.
Foto: dpa
  • Spektakuläre Abschiebung von Clan-Boss in Bremen
  • Setzt jetzt auch NRW auf dieses Mittel?

Essen. Mitten in der Nacht umzingelten sie sein Bett, weckten ihn und steckten ihn in ein Flugzeug in den Libanon. Die Rede ist von Ibrahim Miri, einem der Köpfe des kriminellen Teils des Miri-Clans in Bremen.

Miri, Verdächtiger bei rund 150 Straftaten und in Deutschland wegen Drogenhandels, Erpressung, Entführung verurteilt, wurde in einer langgeplanten Nacht- und Nebelaktion abgeschoben. Knapp einen Monat ist das her.

Kriminelle Clans: So will NRW kriminelle Ausländer abschieben

Greifen auch die Behörden in NRW zu diesem Mittel und schieben Mitglieder krimineller Clans knallhart ab? „Wir wollen die Clanbosse wegholzen“, soll ein hochrangiger Mitarbeiter einer Bundesbehörde kürzlich in einer Besprechung gesagt haben. Davon berichtet die „Welt“.

Offiziell klingt das weniger martialisch: „Für die Landesregierung hat die Rückführung von Straftätern allgemein eine hohe Priorität. Diese müssen vorrangig und beschleunigt abgeschoben werden“, heißt es vom zuständigen Integrationsministerium auf DER WESTEN-Nachfrage.

Seit Anfang dieses Jahres macht die Landesregierung in Sachen „Null-Toleranz-Strategie“ Ernst. Regelmäßige Razzien in Shishabars, Cafés oder Spielhallen gehören dabei genauso dazu wie Polizei-Präsenz bei Hochzeiten hochrangiger Clan-Mitglieder.

------------------------------------

Mehr Themen aus Essen:

Erneute Clan-Prügelei in Essen: Eskaliert die Gewalt in der Innenstadt?

Essen: So verrückt geht's beim Lachyoga zu

Top-News des Tages:

Motsi Mabuse schockt ohne Perücke: SO sieht sie wirklich auf dem Kopf aus

Michael Schumacher: Fans nach Statement von Management in Trauer - „Es bricht mir das Herz“

-------------------------------------

LKA-Chefermittler: „Hat eine Wirkung in die Szene“

Abschiebungen sind ein weiteres Mittel, das den Behörden zur Verfügung steht. Die Miri-Aktion sei nicht spurlos an den Clans vorbeigegangen, so Thomas Jungbluth, Chefermittler des LKA in Nordrhein-Westfalen, gegenüber „Welt“. „Das hat natürlich eine Wirkung in die Szene, ganz einfach schon deshalb, weil sie zeigt, dass Clans und auch Clanchefs nicht unangreifbar sind.“

Doch was die Behörden auch wissen. Aktionen wie in Bremen dürften eher die Ausnahme als die Regel bleiben.

Die Probleme sind oft unklare Staatsangehörigkeiten und fehlende Ausweispapiere. Viele der kriminellen Clanmitglieder kamen in den 80er und 90er Jahren als Flüchtlinge aus Palästina und dem Libanon nach Deutschland. Oft gelten sie als staatenlos, weil die Regierung in Beirut ihnen keine Pässe ausgestellt hatte.

+++ Ex-Bandit und Clan-Insider mit provokanter These: „Essen ist verloren - verloren an die Araber!“ +++

Ohne Papiere keine Abschiebung

Im Fall Miri konnten Pass-Ersatzpapiere beschafft werden. Ohne sie ist keine Abschiebung möglich. Bislang seien 24 Personen von Januar bis Mai auf dem Luftweg in den Libanon abgeschoben worden, so das Bundesinnenministerium.

NRW setzt sich gegenüber dem Bund dafür ein, dass bei kriminellen Ausländer beispielsweise die Pass-Ersatzpapierbeschaffung vorrangig bearbeitet werde.

+++ Essen: Video nach tödlichen Schüssen von Polizei aufgetaucht – Angehörige machen Beamten heftige Vorwürfe +++

Seit Mitte 2018 begleiten in Nordrhein-Westfalen sogenannte regionale Rückkehrkoordinierungsstellen gezielt die Bearbeitung von Fällen strafrechtlich auffälliger Ausländer durch die zuständige Ausländerbehörde. In einem Fallmanagement wird eruiert, wie genau mit jedem einzelnen kriminell gewordenen Ausländern umgegangen wird.

Neben der Vor-Ort-Zusammenarbeit zwischen Ausländer- und Polizeibehörde sollen auch darüber „hinausgehende Handlungsansätze zum aufenthaltsrechtlichen Umgang mit ausländischen Clankriminellen“ geprüft werden, heißt es dazu vom zuständigen Ministerium.

Zwischen Abschiebung und Integration

Abschiebungen krimineller Clan-Mitglieder bleibt wohl auf Einzelfälle beschränkt. Wirkungsvoller könnte da wohl Präventionsarbeit sein. Und auch die wurde über die Jahre vernachlässigt.

Im erstmalig veröffentlichten Lagebild Clankriminalität des Landeskriminalamtes findet sich neben der Zahl von 104 Clans in NRW auch ein kurzer Hinweis auf Prävention.

Hier bedürfe es eines „ganzheitlichen Ansatzes“, heißt es im Lagebericht Clan-Kriminalität. Ein Patent-Rezept ist noch nicht in Sicht. „Die aktuelle Forschungslage im Kontext der Prävention zur Clankriminalität ist defizitär“, steht weiter im Lagebericht.

AWO Essen als Beispiel gelungener Präventionsarbeit

Das Phänomen der arabischen Clans und ihrer teils kriminellen Strukturen wird dabei nicht nur von Seiten des LKA erforscht. Auch Universitäten beschäftigen sich längst mit dem Thema. So forscht das Max-Plank-Institut für ethnologische Forschung in Halle/Saale zum Thema „Paralleljustiz“.

Doch Forschungen zu Integrations- und Präventionsthemen sind regelmäßig langfristig angelegt und zeitintensiv. „Gleichwohl wird wegen der besonderen Bedeutung des Themas Clankriminalität ein Schwerpunkt auf die zeitnahe Gewinnung fachpraktisch 'vor Ort' umsetzbarer Handlungskonzepte gelegt“, erklärt Heidi Conzen, Sprecherin des Landeskriminalamtes NRW gegenüber DER WESTEN.

Geprüft wird etwa auch, inwieweit Aussteigerprogramme oder Intensivtäterkonzepte, die sich als Präventionsansatz im Bereich der italienischen Mafia etabliert haben, beim Thema „Clan-Kriminalität“ angewendet werden können.

Wie Prävention dann ganz konkret funktionieren kann, zeigt zum Beispiel die erfolgreiche Arbeit der Arbeiterwohlfahrt in Essen. „Dort verfügt man über jahrezehntelange Erfahrungen im Umgang mit den Familienverbänden“, lobt LKA-Sprecherin Conzen.

 
 

EURE FAVORITEN