Ermittler gegen junge Intensivtäter in Essen haben mit Konsequenz Erfolg

Martin Kielbassa, Leiter der Ermittlungsgruppe (EG) Jugend in Essen: "Unsere Erfolgsformel heißt Konsequenz".  Foto: Kerstin Kokoska
Martin Kielbassa, Leiter der Ermittlungsgruppe (EG) Jugend in Essen: "Unsere Erfolgsformel heißt Konsequenz". Foto: Kerstin Kokoska
Foto: WAZ FotoPool
Die Hälfte aller Straftaten von Jugendlichen in Essen geht auf nur wenige Täter zurück. Um diesen Intensivtätern zu begegnen, gibt es die Ermittlungsgruppe Jugend. Konsequentes Vorgehen und die Zusammenarbeit mit Ämtern und Gerichten zeigen Erfolge.

Essen. Das Phänomen des jungen Intensivtäters lässt sich in Zahlen fassen. Drei bis fünf Prozent der Tatverdächtigen begehen 40 bis 60 Prozent der Straftaten ihrer Altersgruppe. Diese Jungs - und neuerdings auch Mädchen - zu stoppen ist die Aufgabe der Ermittlungsgruppe (EG) Jugend. Im schlimmsten Fall endet die wilde Jagd im Knast, im besten Fall mit einem Neustart ins Leben.

Altendorfer Jugendbanden

Die Geschichte beginnt auf den Straßen von Altendorf und Borbeck. Hier bilden sich 2007 Jugendbanden, die Schüler wie Seniorenreihenweise überfallen und „abziehen“: Geld, EC-Karten und Handys rauben. Auf das immer unverfrorenere Auftreten der „Altendorfer Kanaken“, wie sie sich selbst nennen, und anderer Banden reagiert die Polizei im Herbst 2007 mit der Ermittlungskommission „Ajuba“, die Abkürzung für die zu zerschlagenden „Altendorfer Jugendbanden“. Die Täter sind rasch ermittelt; aber die Probleme damit keineswegs gelöst.

Deshalb nimmt im April 2008 die EG Jugend die Arbeit auf. „Wir haben uns angeschaut, was die Kollegen in Berlin, Stuttgart, Köln oder Mönchengladbach machen, und haben uns dann unser eigenes Konzept gebastelt“, sagt der EG-Chef Marin Kielbassa. Von Anfang an standen zwei Kernsätze im Mittelpunkt des Konzeptes: „Wir sind nicht dazu da, die Jugendlichen wegzusperren.“ Und: „Unsere Erfolgsformel heißt Konsequenz.“

Mindestens fünf Straftaten in einem Jahr

Ihre „Kunden“ sind jünger als 21 und haben mindestens fünf Überfälle, Körperverletzungen, Erpressungen oder schwere Diebstähle binnen eines Jahres auf ihrem Kerbholz gesammelt. 90 Prozent von ihnen, sagt Kielbassa, haben einen Migrationshintergrund. Gemeinsam mit Jugendamt, Integrationsmanagern, Staatsanwälten, Richtern und Bewährungshelfern wollen die Beamten mit diesen Kriminellen die Kurve kriegen.

Manchmal braucht es dafür einen Warnschuss als Weckruf. Hubert Seidel berichtet von einem seiner Jungs, der als nicht mehr „beschulbar“ galt. „Wenn der in der Klasse saß, hat es keine 30 Sekunden gedauert, bis er seinen Sitznachbarn beleidigt hat. Und nach drei bis vier Minuten hat er zugeschlagen.“ Die Schulleitung hat ihm irgendwann im Wortsinn den Stuhl vor die Tür gestellt, vom Flur aus sollte er dem Unterricht folgen. Die Eltern waren „völlig verzweifelt“, die Stadt ratlos.

Sofortige Konsequenzen für Fehlverhalten

Eine Richterin hat dem Knaben dann 14 Tage Jugendarrest verpasst. Seidel hat den Jungen zu Hause abgeholt, in die Haftanstalt gebracht - und ihn nach zwei Wochen auch wieder abgeholt. „Das war der bestmögliche Einstieg“, sagt er im Rückblick. „So haben wir eine Beziehung aufgebaut.“ Und? Hat’s geholfen? Na ja, sagt Seidel: „Der kann noch nicht ganz raus aus seiner Haut.“ „Aber wenn der jetzt mal in der Schule Krach schlägt,“, sagt Kielbassa, „ ruft uns der Schulleiter an - und wir sind in zehn Minuten da.“ So vermitteln die Beamten die klare Botschaft: Ungewünschtes Verhalten hat Konsequenzen, und zwar sofort.

Diese Botschaft soll auch die Strafverfolgung senden, und deshalb muss sie schnell gehen. „Von der Tatbegehung bis zur Anklage sollten nicht mehr als acht Wochen vergehen“, sagt Kielbassa, „und meistens schaffen wir das auch. Die Sonderstaatsanwältin arbeitet sehr schnell.“

Verfehlungen konsequent ahnden, aber im Gegenzug Hilfen anbieten. Das hat sich auch die Stadt mit ihrem Handlungskonzept „Chancen bieten, Grenzen setzen“ auf die Fahne geschrieben. Dieser gemeinsame Ansatz klappt „sehr gut“, lobt Seidel. Jugenddezernent Peter Renzel „kann das Kompliment nur zurück geben: Wir haben in der EG Jugend verlässliche, verbindliche und kompetente Partner.“

19 von 108 Tätern blieben straffrei

Und die Eltern? Natürlich stoßen die Beamten auch mal auf die Haltung: „Wir brauchen die Polizei nicht!“ Etwa bei den Eltern eines Jungen, der zur Tarnung seiner Schutzgelderpressung Zigaretten auf dem Schulhof verkaufte - für 26 Euro das Stück. Doch: „Die meisten Eltern sind dankbar, wenn wir kommen.“

Die Zahlen schienen zuweilen gegen die Ermittler zu sprechen. 108 Intensivtäter hat die Ermittlungsgruppe im Jahr 2010 betreut. 19 von ihnen sind ein Jahr straffrei geblieben und aus dem Programm entlassen worden, 24 sind in Haft gegangen. Eine frustrierende Bilanz? Ach wo, sagt Kielbassa. „Wir machen das wirklich gerne, weil es erkennbar sinnvoll ist. Wir sehen, dass wir Erfolg haben.“

 
 

EURE FAVORITEN