Enttäuschender Auftakt der Einbürgerungskampagne in Essen

Marcus Schymiczek
Ayse Yigit und Dorota Friedek (r.) informierten sich bei der Auftaktveranstaltung in der Fatih Moschee über den Wechsel der Staatsbürgerschaft. Die meisten Stühle blieben leer.  Foto Remo Bodo Tietz
Ayse Yigit und Dorota Friedek (r.) informierten sich bei der Auftaktveranstaltung in der Fatih Moschee über den Wechsel der Staatsbürgerschaft. Die meisten Stühle blieben leer. Foto Remo Bodo Tietz
Foto: WAZ FotoPool
Mit einer Einbürgerungskampagne will die Stadt Ausländer überzeugen, Deutsche zu werden. Der Auftakt in Katernberg verläuft enttäuschend. 401 Essener Bürger mit türkischem Pass hat das Einwohneramt angeschrieben - gekommen sind jedoch nur zwei junge Frauen.

Essen. Es ist der offizielle Auftakt der Einbürgerungskampagne. 401 Essener Bürger mit türkischem Pass hat das Einwohneramt angeschrieben und für diesen Dienstagabend in die Katernberger Fatih Moschee eingeladen. 401 von 23 042 Ausländern, die alle Voraussetzungen dafür mitbringen, um Deutsche zu werden.

Um 18 Uhr soll Bürgermeister Franz-Josef Britz (CDU) die Kampagne eröffnen. Doch im Souterrain der Moschee, das die Gemeinde sonst als Jugendtreffpunkt nutzt, bleiben die meisten Stühle leer. Nur zwei junge Frauen sind der Einladung gefolgt.

„Motivierend ist das nicht.“

Muhammet Balaban schaut nervös auf die Uhr. Als Vorsitzender des Integrationsrates hat Balaban zuletzt keine gute Figur gemacht. Nun philosophiert er über die türkische Mentalität: „An Kaffee trinken haben wir uns gewöhnt, an Pünktlichkeit nicht.“ Britz macht aus seiner Enttäuschung über den geringen Zuspruch kein Hehl: „Motivierend ist das nicht.“

Oder war die Uhrzeit nur unglücklich gewählt? Pünktlich um 18 Uhr beginnt der Imam oben in der Moschee das Gebet. Hätten die Einladenden nicht darauf Rücksicht nehmen müssen? Erst als das Gebet beendet ist, setzen sich im Souterrain etwa 15 türkische Männer dazu. Es ändert nichts daran, dass die Resonanz auf die Einladung äußerst bescheiden bleibt. Wie ist das geringe Interesse zu erklären? „Vielleicht damit, dass es in Deutschland keine doppelte Staatsbürgerschaft gibt“, mutmaßt Bürgermeister Britz.

Ein klares Bekenntnis zu einem Land

Erst jüngst hatte seine Partei gemeinsam mit der FDP im Bundestag einen Vorstoß von SPD und Grünen, dies zu ändern, abgelehnt. Britz zeigt dafür Verständnis. „Ich persönlich halte es für richtig, sich für das eine oder für das andere zu entscheiden.“ Die Staatsbürgerschaft sei auch ein klares Bekenntnis zu einem Land.

Dass die doppelte Staatsbürgerschaft einem solchen Bekenntnis entgegen steht, bleibt eine These. Britz’ Erklärungsversuch deutet jedoch an, was sich im Verlaufe des Abends nur zu schnell bestätigen soll: In der gewählten Form greift die Einbürgerungskampagne deutlich zu kurz.

Es geht um Identität

Die Mitarbeiter des Einwohneramtes informieren über Formalitäten, die es zu beachten gilt, und über Vorteile, die eine deutsche Staatsbürgerschaft mit sich bringt - die freie Wahl von Arbeitsplatz und Wohnsitz zum Beispiel nicht nur in Deutschland, sondern in der gesamten EU. Dennoch sind die Herren und Damen vom Amt schon bald mit ihrem Latein am Ende. Denn beim Wechsel der Staatsbürgerschaft geht um mehr als um einen formalen Akt. Es geht um Identität, um Emotionen und Erfahrungen, die Ausländer ganz individuell in diesem Land gemacht haben.

„Meine Kinder sollen es in Deutschland leichter haben als wir es hatten“, sagt Ayse Yigit und deutet an, dass sie selbst nicht nur gute Erfahrungen gemacht hat. Dennoch will sie die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen. Es sei eine zwiespältige Entscheidung. „Ich bin ja Türkin und will es auch bleiben.“ Geht das mit deutschem Pass?

„Man kann ja mehrere Länder lieben“, sagt Muhammet Balaban, der seine türkische Staatsangehörigkeit in den 90er Jahren für die deutsche aufgegeben hat und bei seinen ehemaligen Landsleuten dafür wirbt, es auch zu tun, um politisch mitgestalten zu können.

"Als Schwarzkopf diskriminiert"

„Was aber nützt mir ein deutscher Pass, wenn ich trotzdem als Schwarzkopf diskriminiert werde“, fragt Yilmaz Agisman. Und warum sollten türkische Jugendliche Deutsche werden, wenn sie wegen ihrer Herkunft keine Chance auf einen Ausbildungsplatz hätten, fragt ein Familienvater in die Runde. Die Erfahrung, dass sie mehr leisten müssen, um das gleiche Ziel zu erreichen, machen Migranten fast überall in der Welt. Wird es ihnen in Deutschland besonders schwer gemacht?

Die Einbürgerungskampagne gibt weder auf diese Frage eine Antwort, noch kann sie Versäumnisse der Integration wett machen, wo sie auch liegen mögen. Bestenfalls gibt sie ein Stimmungsbild wieder. „Einbürgerung? Na klar“ lautet der Titel der Kampagne. Die Stimmung an diesem Auftaktabend ist eine andere: Einbürgerung? Na und!