Eine Stimme der Sozialdemokratie verstummt

Wer was zu sagen hatte in der SPD, der bekam zu Weihnachten Post von ihr, handgeschrieben. Antje Huber, so erzählen manche aus der Empfängerschar, hat es darin dann an klaren und mitunter auch mahnenden Worten nicht fehlen lassen, weil das eben ihre Art war: sich einzumischen, ihr Wort zu machen, bis zuletzt.

Denn diese Partei, das darf man wohl so sagen, hat ihr Leben bestimmt, bescherte „viel Arbeit, Erfolge und Niederlagen, Leidenschaft und Kummer, Freundschaften und manchmal aus Feindschaften“, aber eben auch „das Glück, dabei zu sein“ – so hat sie es selbst für ihre Dankesrede zum 60. Parteijubiläum mal in die olle Schreibmaschine getippt. Ein Klacks für die gelernte Journalistin.

Die wurde 1924 in Stettin geboren, ging nach dem Zweiten Weltkrieg als Sportjournalistin nach Berlin und kam später zur NRZ. Hier in Essen suchte sie sich eine politische Heimat und fand sie in der SPD, die damals vorzugsweise ein Männerverein war und wo frau nach ihrer Ansicht „nur eine Querbeetchance“ besaß, Karriere zu machen.

Die kam mit Willy Brandt: Der sozialdemokratische Wahlerfolg führte Antje Huber 1969 in den Bundestag und dort in den Finanzausschuss, das lag der resoluten Essenerin, die schon im Rat der Stadt ein Faible für die Finanzen entdeckt hatte: „Ich habe immer gedacht, soziale Wohltaten sind gut, solange man den Daumen auf dem Geld hat.“ Weshalb sie in diesem Metier gern weiter gewirkt hätte, doch Kanzler Helmut Schmidt holte sie 1976 als Bundesministerin für Jugend, Familie und Gesundheit in sein Kabinett. Es war eine anstrengende und dennoch glücklose Zeit als Ministerin, wie Huber später selber einräumte: Sie habe „nicht gewusst, wie wenig Unterstützung ich in den nicht ganz sechs Jahren für die Familienpolitik bekommen würde. Der Streit ums Geld, um eine nicht abgesprochene Kürzung des Kindergelds genauer gesagt, veranlasste sie 1980, ihren Rücktritt einzureichen, den Schmidt erst zwei Jahre später annahm.

Antje Huber hat mit ihrem politischen Schicksal nie gehadert, sie verstand ihr Mandat auch als Chance, mehr von der Welt zu verstehen: „Ich schüttelte zwei amerikanischen und dem französischen Präsidenten die Hand, diskutierte mit Indira Ghandi und Tito“ – und erlebte daheim, wie manches in der Demokratie, auch in ihrer Partei, im Klein-Klein erstickte.

Auch wenn sie nach ihrem Abschied aus der Bundespolitik keine Rolle mehr in der Essener Lokalpolitik anstrebte, fand sie hier ihre Rolle: Mit launigen Reden bereicherte Huber noch in hohem Alter die Arbeit in der Arbeiterwohlfahrt, versuchte zu vermitteln, wo man ihr zuhörte.

Nach einer schweren Beinverletzung fand sie ein neues Zuhause im Werdener Ludgeri-Pflegeheim, wo sie bis vor drei Wochen noch einen ordentlichen Skat drosch. In der Nacht zum Mittwoch starb Antje Huber im Alter von 91 Jahren.

 
 

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