Eine schwierige Nachbarschaft in Altenessen

Das Umfeld am Bahnhof Altenessen wurde in einer Bürgerbefragung als „Probelmzone“ identifiziert. Foto: Kerstin Kokoska
Das Umfeld am Bahnhof Altenessen wurde in einer Bürgerbefragung als „Probelmzone“ identifiziert. Foto: Kerstin Kokoska
Foto: WAZ FotoPool
Das „Aktionsbündnis sicheres Altenessen“ wähnt sich auf einem guten Weg. Anwohner Bernd Schulte aber wähnt sich in einer Sackgasse. Der 54-Jährige wohnt an der Altenessener Straße, nur einen Steinwurf entfernt vom Bahnhof Altenessen. Von Müll spricht er und Beschimpfungen. „Wenn man sich beschwert, kommen die gleich mit der Nazi-Keule", sagt Schulte.

Essen. Das „Aktionsbündnis sicheres Altenessen“ wähnt sich auf einem guten Weg. Bernd Schulte wähnt sich in einer Sackgasse. Der 54-Jährige wohnt an der Altenessener Straße, nur einen Steinwurf entfernt vom Bahnhof Altenessen, den das Jugendhilfenetzwerk der Arbeiterwohlfahrt Ende 2010 in einer Bürgerbefragung als eine von mehreren „Problemzonen“ im Stadtteil identifiziert hatte. Hier gehören ihm zwei Mehrfamilienhäuser.

Bürger fühlten sich unsicher, nicht weil sie schon einmal Opfer einer Straftat geworden seien, sondern weil sie sich Pöbeleien oder Aggressionen ausgesetzt sehen, so das Ergebnis der Befragung. Deshalb hat sich das Aktionsbündnis der Sache angenommen. Das Augenmerk gilt problematischen Jugendlichen, viele davon mit Migrationshintergrund. Inzwischen sei die Zahl der Beschwerden zurückgegangen.

Mit Abfällen beworfen

Als Andreas Bomheuer, Dezernent für Integration, gemeinsam mit Vertretern des Aktionsbündnisses vor wenigen Wochen in der Presse dieses positive Zwischenergebnis ihrer Bemühungen vorstellte, mochte Bernd Schulte seinen Augen nicht trauen. Was der 54-Jährige zu erzählen hat, klingt unglaublich. Nicht nur, dass Bewohner des Nachbarhauses immer wieder Müll über eine Mauer hinweg auf sein Grundstück werfen würden. Mieter würden beschimpft und seien selbst mit Abfällen beschmissen worden, als sie im Garten saßen. Auch von aggressivem Verhalten der Nachbarn ist die Rede. Das Haus nebenan gehört einer deutsch-libanesischen Familie. „Wenn man sich beschwert, kommen die gleich mit der Nazi-Keule.“

Tatsächlich ist das Grundstück hinter dem Haus übersät mit Unrat, unmittelbar hinter der Mauer liegen Plastikflaschen, Kartons, Joghurtbecher, ein Eimer. . . Auch im Hof jenseits der Mauer liegt jede Menge Müll.

Einfache Leute

Mieter bestätigen, was Schulte wortreich beschreibt. Der Hausbesitzer will sie „außen vor“ lassen. „Es sind einfache Leute, die können sich nicht wehren.“ Er selbst wolle nicht länger tatenlos zusehen. Diverse Briefe habe er deshalb an die Behörden geschrieben. Mitarbeiter des Ordnungsamtes seien auch mal vorbei gekommen, ohne dass sich etwas zum Besseren verändert hätte. Aktenkundig ist der Besuch nicht. Von einem Vorgang sei im Hause nichts bekannt, heißt es auf Nachfrage. Ohnehin handele es sich offenbar um einen privaten Nachbarschaftsstreit. Das Ordnungsamt sei da nicht zuständig.

Beim Aktionskreis und bei der Polizei ist Schultes Name sehr wohl bekannt. Im Gespräch mit Behördenvertretern klingt zwischen den Zeilen durch, dass man nicht jedes seiner Worte auf die Goldwaage legen sollte. „Ich bin hier nicht der Blockwart“, sagt Schulte. „Und ich will hier nicht den Eindruck erwecken, als wäre ich ein Querulant.“

Ist er das?

Auch Hans-Jürgen Holtrichter vermietet an der Altenessener Straße. Die Häuser des Handwerksmeisters reihen sich an das der deutsch-libanesischen Familie. Auch er berichtet, dass es immer wieder Ärger mit den Nachbarn gegeben habe. Mieter seien deshalb schon ausgezogen. Auch Holtrichter weiß von Müll-Würfen: „Mit Obst und Gemüse wird geschmissen.“ Er habe sich beschwert und einmal sogar den Integrationsrat eingeschaltet. „Das hat immer nur kurzfristig etwas gebracht. Bald ging es so weiter wie vorher.“ Gut, dass sich der Sache jemand annehme, meint Holtrichter zu Schultes Bemühungen. Er selbst habe resigniert.

Vor Wirren des Bürgerkriegs geflüchtet

Das Haus der deutsch-libanesischen Familie an der Altenessener Straße, um das es geht, gehörte vorher Ursula Boos-Nünning, der ehemaligen Rektorin der Universität Essen, Professorin für Pädagogik und bundesweit anerkannten Migrationsforscherin, was hinter die Vorwürfe – wenn man denn will – eine ironische Pointe setzt. Es ist ihr Elternhaus. Im Jahr 2001, kurz nach dem Tod ihrer Mutter, hat Boos-Nünning es an die Familie Mustapha verkauft. Mitglieder der Familie waren 1986 vor den Wirren des Bürgerkrieges aus dem Libanon nach Deutschland geflüchtet, weitere Familienmitglieder zogen später nach.

Ursula Boos-Nünning beschreibt die Mustaphas als „libanesisch-bürgerliche Familie“, wirtschaftlich erfolgreich. „Sonst hätten sie das Haus ja auch nicht kaufen können.“

Mitte der 90er Jahre waren sie als Mieter in das Haus eingezogen. Ganz bewusst habe sie an die Mustaphas vermietet. „Es war eine Familie mit vielen Kindern, die sonst keine Wohnung gefunden hätte.“

Dass es Probleme geben würde mit der Nachbarschaft, das sei ihr von Anfang an klar gewesen, erzählt Boos-Nünning. Warum? Probleme zwischen Migranten und der deutschen Wohnbevölkerung seien „strukturell angelegt“, weiß die emeritierte Hochschullehrerin. Zurückzuführen sei dies auf unterschiedliche Lebensformen und höhere Empfindlichkeiten.

Tendenziell sei die Meinung der deutschen Bevölkerung gegenüber Migranten negativ. „Es sind Bilder da in den Köpfen, womit ich nicht sagen will, dass das, was die Leute behaupten, nicht wahr ist.“ Das Problem sei mangelnde Kommunikation miteinander.

Sie selbst habe ein gutes Verhältnis gehabt zur Familie Mustapha, unterstreicht Boos-Nünning. Bevor sie schöne Grüße ausrichten lässt, fügt sie noch hinzu: „Wenn ich ein Problem hatte, dann habe ich mit ihnen geredet.“

Die Mauer gemeinsam gebaut

Und Schulte? „Mit mir hat keiner gesprochen“, sagt Mohamed Mustapha, dem das Haus gehört. Seine Eltern leben dort und Geschwister mit ihren Familien. „Da wohnen Kinder. Kann sein, dass mal was rübergeflogen ist.“ Das könne er nicht gutheißen. Dass aber Erwachsene den Müll zurückwerfen – das sei auch nicht richtig. „Dabei haben wir die Mauer sogar gemeinsam gebaut“, was Bernd Schulte bestätigt. Warum wenden sich Nachbarn an den Aktionskreis oder an die Polizei? Er wisse es nicht. „Vielleicht aus Neid. Wir fahren schöne Autos, sie nicht.“ Als Ausländer habe man es schwer. „Vor allem, wenn man Erfolg hat.“ Bilder in den Köpfen – das gilt für beide Seiten.

Wer mit wem geredet hat, bleibt offen. Offenbar redet man aneinander vorbei, oder hört einander nicht zu. Schulte und seine Mieter beschweren sich über Müll und respektlosen Umgang, Mohamed Mustapha ereifert sich über Mieter, die im Sommer unbekleidet auf dem Balkon in der Sonne sitzen. Seine Familie sei es, die sich gestört fühle.

Unterschiedliche Lebensformen

Sind das die „unterschiedlichen Lebensformen“, von denen die Migrationsforscherin Ursula Boos-Nünning spricht? Bernd Schulte und seinen Mietern ist damit nicht geholfen. Er möge doch Anzeige erstatten, wurde ihm bei einem Gespräch beim Aktionsbündnis geraten. Aber was lässt sich beweisen, was ist justiziabel? „Ich bin ja nicht dabei, wenn der Abfall über die Mauer fliegt“, sagt der Hauseigentümer, der sich mit seinen Problemen allein gelassen fühlt.

Das „Aktionsbündnis sicheres Altenessen“ und die Polizei richten ihren Fokus auf den öffentlichen Raum. Doch die Übergänge sind fließend. So leben an der Altenessener Straße zwei Welten, mehr neben- als miteinander. Lassen sie sich zusammenführen? Oder schaukeln sich Konflikte hoch? Das Aktionsbündnis wähnt sich auf dem richtigen Weg. Doch der Weg, den es noch zurückzulegen gilt, so scheint es, ist noch weit.

 
 

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