Eine Ausstellung weckt Erinnerungen

Katernberg.  In der Alten Kohlenwäsche ist Musik drin: Die Ausstellung „Rock und Pop im Pott” spricht vor allem Menschen an, die in Essen und Umgebung ihre Jugend verbracht haben, die hier auf Festivals, bei Konzerten und in Discos gefeiert haben. Vera Conrad ist eine von diesen Personen: Schon allein dieser Aspekt macht die Kunstpädagogin zur idealen Kuratorin für die Sonderausstellung im Ruhr Museum auf Zollverein.

Wenn Conrad durch die Ausstellung schreitet, die sie mit vier Kollegen ganze zwei Jahre lang vorbereitet hat, dann gerät sie dann und wann doch ins Schwärmen. Zum Beispiel beim Plakat der Essener Song Tage, die vom 25. bis 29. September 1968 die Festivalkultur ins Ruhrgebiet brachten. „Das war die Geburtsstunde des Krautrocks”, berichtet sie.

Nicht zuletzt der Auftritt von Frank Zappa sei vielen Zeitgenossen in bester Erinnerung geblieben. Doch mehr noch als für das Plakat begeistert sich die Kuratorin für einen Zeitungsartikel, der unter dem Glas einer Holzvitrine zu sehen ist: In diesem echauffiert sich ein Kritiker, dass die politische Diskussion, die bei den Song Tagen eigentlich im Vordergrund stehen sollte, bei den Besuchern doch eher eine Nebenrolle spielte. Conrad, damals selbst Besucherin des Festivals, hat mehr Verständnis: „Die Leute waren natürlich wegen der Musik da.”

Es sind diese Details, die die Ausstellung so spannend machen. So geben die Catering-Listen von Künstlern, die bei den legendären „Rockpalast”-Konzerten in der Grugahalle auftraten, einen interessanten Einblick in die Welt der Stars. „Die Wunschliste von Little Steven ließ das Catering-Team verzweifeln”, lächelt Conrad. Denn der Star verlangte bereits 1982 nach Tofu – zu dieser Zeit hierzulande noch völlig unbekannt. „Zum Glück stand auf der Liste ‚japanischer Tofu‘, weshalb man auf die Idee kam, in Düsseldorf bei japanischen Restaurants nachzufragen.” Mit Erfolg – aber: „Zunächst neugierig, was das wohl für ein großartiges Zeug ist, was sich Little Steven da wünscht, waren die Caterer schon enttäuscht, als sie vom Tofu probiert haben.”

Ein nicht minder skurriles Fundstück stellt die Platte eines gewissen Mick Jackson dar: „Der in NRW lebende Musiker hatte den Song ‚Blame It On The Boogie‘ komponiert”, so Conrad. Berühmt machten diesen Song allerdings seine Namensvetter, die nicht mit ihm verwandten „The Jacksons” – deren Single hängt zum Vergleich daneben. „Tantiemen von dem erfolgreichen Cover hat der Arme meines Wissens nie bekommen.”

Die Wurzel der Neuen DeutschenWelle liegt in Gelsenkirchen

Der poppig-bunt gepflasterte Weg durch die chronologisch gegliederte Ausstellung führt auch in jüngere Gefilde: Über den Punk und den im Ruhrgebiet mit Eigengewächsen wie Kreator, Sodom oder Rage bedeutsamen Heavy Metal erreicht man die Neue Deutsche Welle.

Denn diese hatte tatsächlich ihre Wurzeln, z.B. in Gelsenkirchen: Benutzte Joseph-Beuys-Schüler Jürgen Kramer doch für ein Konzertplakat eben diesen Begriff, der Anfang der 1980er für eine neue Avantgarde in der deutschsprachigen Popmusik stand, in der Mitte jenes Jahrzehnts jedoch zu seichten Gewässern verkommen sollte. Und schließlich führt der Spaziergang in die heutige Einwanderungsgesellschaft, wo vor allem junge Hip-Hop-Künstler aus dem Ruhrgebiet sich einen Namen machen.

Viel zu schauen und viel zum Erinnern gibt es in der Holzvitrinen-lastigen Ausstellung. In einigen wenigen Räumen wird das Musikerlebnis jedoch auch spürbar gemacht, etwa im Soundcollagen-Raum gleich zu Anfang oder in einem Disco-Raum, in dem sich das Licht der Musik und den Bewegungen derjenigen, die sich auf die Tanzfläche trauen, anpasst.

„Besondere Erwähnung verdient noch der meistverkaufte Titel, der je im Ruhrgebiet produziert wurde”, sagt Conrad – und deutet auf die Vitrine, die diesem Werk huldigt: dem „Crazy Frog”, der zudem als nervigster Handy-Klingelton aller Zeiten in die Geschichte eingehen dürfte.

 
 

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