Ein Verein muss in Bewegung bleiben

Seit fast 100 Jahren wird bei der MTG Horst Handball gespielt: Früher auf dem
Feld, inzwischen ziemlich erfolgreich in der Halle.
Seit fast 100 Jahren wird bei der MTG Horst Handball gespielt: Früher auf dem Feld, inzwischen ziemlich erfolgreich in der Halle.
Foto: Michael Gohl/FUNKE Foto Services
Die Zeiten, in denen Sportvereine in den Tag hineinleben konnten, sind vorbei. Vereine konkurrieren mit anderen Freizeit-Anbietern.

Essen.. Die Zeiten, in denen Sportvereine nach Turnvater Jahns Motto „Frisch, fromm, fröhlich, frei“ in den Tag hineinleben konnten, sind vorbei. Vereine konkurrieren mit anderen Freizeit-Anbietern um die Aufmerksamkeit und Beiträge der Bürger, sie müssen ihren Mitgliedern moderne Angebote bereitstellen. Bei alledem wird nicht nur der Vereinsgedanke gepflegt, sondern auch der Betrieb mit viel Engagement und Ehrenamt gewährleistet.

15 000 Stunden Sport in einem Jahr

Als die Märkische Turngemeinde Horst, kurz MTG, 1881 gegründet wurde, war die Welt noch eine ganz andere. Heute, 135 Jahre später, ist aus den damals wenigen Anhängern gepflegter Leibesübungen der größte Breitensportverein der Stadt geworden. Rot-Weiss Essen hat zwar mehr Mitglieder, aber das sind vor allem Fans. In der Personal-Datei des MTG-Vorsitzenden Jörg Ludwig stehen 3400 Namen. Zum Vergleich: Das würde bedeuten, dass ALLE Fulerumer (oder ALLE Rellinghausener) Mitglied in ihrem Stadtteil-Verein sind. Die Mitglieder der MTG kommen vor allem aus Horst, Freisenbruch, Steele und Eiberg.

Der Verein agiert allein mit den jährlich sechsstelligen Einnahmen aus Beiträgen wie ein mittelständisches Unternehmen, ist unter anderem Arbeitgeber von vier Sportlehrern. Die MTG beschäftigt über 130 Übungsleiter und bietet über 15 000 Stunden Sport in einem Jahr an, das aber nur 8760 Stunden hat. Der geschäftsführende Vorstand trifft sich jeden Dienstag, ist mit Betriebswirten, Steuerexperten und leitenden Mitarbeitern der Stadt besetzt. „Anders kann man heute so einen großen Verein nicht mehr führen“, erklärt Jörg Ludwig.

Zum Angebot der 14 Abteilungen gehören klassische Sportarten wie Turnen (seit 1881) und – seit Jahrzehnten – Leichtathletik und Handball. Vom Breiten- zum Wettkampfsport ist dabei alles vorhanden. Längst gibt es auch Angebote wie Rollstuhltanz für Behinderte sowie Präventivmaßnahmen wie Herzsport. Oder United Sports, eine innovative Abteilung, die Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund integrieren soll und die 2012 von Bundeskanzlerin Angela Merkel ausgezeichnet wurde. „Wir müssen in Bewegung bleiben“, sagt Jörg Ludwig. Das gilt für die Sportler beim Sport, egal ob in der Halle oder auf dem Platz. Aber eben auch im übertragenen Sinne für den Verein. Der muss sich weiterentwickeln. Und zwar ständig.

Und natürlich auch sein Angebot: Neben dem klassischen Abteilungssport bietet die MTG zahlreiche Kurse an, die pro Jahr von 2500 Teilnehmern besucht werden. Sie betreibt in Freisenbruch das Sport- und Gesundheitszentrum mit Fitnessstudio sowie – mit der Stadt – das Schwimmzentrum Oststadt. „Ohne Kurse geht es nicht. Immer mehr Menschen wollen sich nicht mehr an einen Verein binden. Und mit den Einnahmen können wir andere Angebote finanzieren“, erklärt Jörg Ludwig, dessen Verein auch für zwölf Grundschulen Sportunterricht im offenen Ganztag anbietet.

Gerade hat die MTG die Abteilung Zuflucht gegründet. Über diese können Flüchtlinge das Sport-Angebot kostenlos nutzen. „Wir wollten uns einbringen“, sagt der Vorsitzende. Gemeinschaft und Engagement als Werte, die Vereine und ihre Arbeit auszeichnen.

Zu den aktuellen Herausforderungen gehört der Mindestlohn. Und die Mitglieder-Struktur. Die MTG Horst hat, anders als Gewerkschaften oder Parteien, keine Nachwuchsprobleme. „Bei den Mitgliedern unter 20 Jahren sind wir gut aufgestellt“, sagt Jörg Ludwig. Allerdings, und da muss sich sein Verein mächtig strecken, gibt es eine Lücke zwischen den jungen und den alten Mitgliedern, die ihrem Verein auf ewig treu sind. Doppelt schwierig: Die Mitglieder mittleren Alters, die im Verein Verantwortung und Aufgaben übernehmen wollen und sollen, werden weniger. Jörg Ludwig, 52, wurde in jungen Jahren Mitglied, rückte dann in den Vorstand und ist jetzt im vierten Jahr Vorsitzender. Solche klassischen Karrieren werden seltener. „Wir versuchen junge Mitglieder für das Ehrenamt zu begeistern, sie einzubinden“, sagt Jörg Ludwig.

So bleibt sein Verein immer in Bewegung. Als Verein. Und für die Zukunft des Vereins.

 
 

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