Ein Urnengang nur für die Großen?

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Bis Mittwoch wählen IHK-Mitglieder ihre Vertreter. Leise Kritik: Kleine Firmen und Frauen unterrepräsentiert.

Essen. Briefwahlunterlagen an 50.506 Mitglieder, Erinnerungsanrufe an rund 8.000 Unternehmer sowie Infos im hauseigenen Magazin und im Internet – zu wenig Wahl-Werbung haben die Verantwortlichen der Industrie- und Handelskammer (IHK) für Mülheim, Essen und Oberhausen sicher nicht betrieben. Genutzt hat es offenbar wenig: Wie 2007 werden am Ende wohl nur rund ein Zehntel ihre Stimme zur Vollversammlung abgegeben haben. Am Mittwoch um 12 Uhr ist Schluss.

Hinter vorgehaltener Hand bemängeln einzelne Vertreter aus dem Dienstleistungssektor – die größte vertretene Branche mit 27 Plenumssitzen –, dass das Geschehen von den großen Mitgliedern bestimmt werde und Frauen unterrepräsentiert seien. Anders als in Stuttgart, wo eine Bewegung den Wahlkampf mit Forderungen nach Transparenz garnierte und so mehr Kleinbetriebe zum Engagement bewegte, ist man in Essen vom „Aufstand der Kleinen“ noch weit entfernt. Ebenso von den geradezu revolutionären Ideen, Pflichtmitgliedschaft und -beitrag abzuschaffen.

Kaum Frauen und Chefs von kleinen Unternehmen

„Die meisten schmeißen die Wahlunterlagen doch sofort weg“, meint ein Mitglied, das seinen Namen nicht in der NRZ lesen möchte, weil es sich zur Wahl stellt. Es sei keine Kritik am System, aber der Kandidat gibt zu bedenken: „Schauen Sie sich die aktuellen Vertreter an: kaum Frauen und kaum Chefs von Betrieben mit wenigen Mitarbeitern.“

Die mangelnde Beteiligung habe mit den vorherrschenden Strukturen zu tun – und damit, dass Kleinunternehmer oft nicht die Zeit fürs Ehrenamt hätten. Im Gegensatz zu den Großen, die juristische Personen schickten. Und deren Einfluss ist nicht unbedeutend: Das „IHK-Parlament“ entscheidet in den nächsten fünf Jahren etwa über politische Ausrichtung, Budget, Aktivitäten, Fördergelder sowie die Beitragshöhe der Mitglieder.

Transparenzforderung noch nicht vollzogen

Auf Nachfrage teilt IHK-Sprecherin Heike Doll mit, dass aktuell 88 Prozent der Vollversammlungsmitglieder Vertreter von kleinen und mittelständischen Unternehmen seien, im Präsidium seien es 70 Prozent. Anders als die Kritiker, die eine detailliertere Aufschlüsselung wünschen, geht sie von einer EU-Definition aus: Kleine und Mittelständler sind demnach Unternehmen mit einem Umsatz von unter 50 Millionen Euro und einer Mitarbeiterzahl von weniger als 250.

Die Frage nach den Frauen – aktuell sind nur 13 Prozent der Vertreter weiblich – beantwortet sie ausweichend: „Aktuell sind von den 132 Kandidaten für die 85 Sitze der Vollversammlung 25 Frauen.“ Eine Transparenzforderung, die die Offenlegung der IHK-Spitzengehälter beinhaltet, hat man trotz Absichtserklärung noch nicht vollzogen: Auf IHK-Bundesebene werde, so Doll, ein neues Finanzstatut erarbeitet. Dieses soll 2013 von der Vollversammlung beschlossen werden. Bis dahin seien Gehälter vertraulich zu behandeln.

Info: IHK-Vollversammlung für Mülheim, Essen, Oberhausen

In der Vollversammlung 2008 bis 2013 sitzen inklusive kooptierter Mitglieder 90 Vertreter, darunter 12 Frauen. Wahlbeteiligung 2007: rund 10 Prozent. Für 2013-2018 sind 50.506 Mitgliedsfirmen wahlberechtigt, um 85 Vertreter in den Gruppen Energie, Industrie, Groß-/ Außen-, Einzelhandel, Kreditinstitute, Versicherung/Handelsvertreter, Verkehr, Immobilien, verbraucherbezogene und unternehmensbezogene Dienstleistungen zu bestimmen.

 
 

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